InterviewClemens Fuest: „Wir sind immer noch in einer sehr fragilen Situation“

Clemens Fuest ist Präsident des Münchner ifo-Instituts
Clemens Fuest ist Präsident des Münchner ifo-Institutsimago images / IPON


Clemens Fuest ist seit April 2016 Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Von 2013 bis 2016 war er Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und von 2007 bis 2010 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums. Sein neues Buch „Wie wir unsere Wirtschaft retten“ ist am 15. Juli im Aufbau Verlag erschienen


Capital: Im Kampf gegen die Corona-Rezession pumpt die Politik Milliarden ins System. Alles musste schnell gehen, keiner sorgte sich um die Kosten, unerwünschte Nebenwirkungen oder Mitnahme. War das die richtige Strategie? 

CLEMENS FUEST: Die Regierung hatte keine sinnvolle Alternative. Wir hatten und haben ja einen ganz massiven Einbruch der Wirtschaft. Anfangs hat der Staat vor allem Überbrückungshilfen geleistet, Finanzhilfen, Kredite, um Banken oder private Kapitalgeber zu ersetzen, die das Risiko nicht mehr eingehen wollten. Klar, gab es da auch Betrug und Maßnahmen, die übers Ziel hinausgeschossen sind. Aber das genau zu treffen, war wegen der großen Unsicherheit schwierig. Da ist es besser, zu viel als zu wenig zu machen. Jetzt im zweiten Schritt geht es vor allem darum, die Wirtschaft wieder anzuschieben.

Ein Großteil des Staatsgeldes – 820 Mrd. Euro – ist nur geliehen und muss von den Unternehmen zurückgezahlt werden. Viele werden das gar nicht können, da ihre Umsätze nur spärlich wiederkommen, Überschuldung baut sich auf – droht eine zweite Insolvenzwelle im Herbst?

Im Moment haben wir ja die Verpflichtung ausgesetzt, bei Überschuldung Insolvenz anzumelden, wenn sie Corona-bedingt ist. Diese Regelung wird die Politik wahrscheinlich verlängern, was ich vernünftig finde. Wir sind immer noch in einer sehr fragilen Situation. Damit gewinnen die Unternehmen noch einmal Zeit. Allerdings ändert der Aufschub bei vielen nichts am Grundproblem, wenn sie überschuldet sind oder ihr Geschäftsmodell sogar kaputt ist. Früher oder später wird es eine Reihe von Unternehmen geben, die Insolvenz anmelden müssen. Das gehört natürlich zu einer Marktwirtschaft dazu. Aber wenn das zu massiv auftritt, ist das ein Schock, bei dem der Staat gegensteuern sollte. Wir werden dann diskutieren müssen, wen rettet der Staat und wen lässt er fallen.

Nach welchen Kriterien sollte die Entscheidung fallen?

Der Staat sollte sich auf Unternehmen beschränken, die von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung sind und die ein Geschäftsmodell haben, das auch nach Corona funktionieren kann. Wenn der Staat als Miteigentümer einsteigt, sollte er das nur befristet. In dieser Zeit darf er aber Bedingungen stellen, zum Beispiel, dass die Unternehmen keine Dividende ausschütten oder Boni beschränken.

Die 9 Mrd. Euro Staatsrettung für die Lufthansa waren also vernünftig?

Ja, das Unternehmen hat eine Perspektive. Die Menschen werden auch nach Corona wieder fliegen, wenn auch vermutlich weniger. Deshalb ist es auch wichtig, dass das Unternehmen nun Stellen abbaut und sich darauf einstellt. Aber natürlich müssen die Bedingungen des Einstiegs stimmen. Die Steuerzahler sollten für ihr Engagement auch einen angemessenen Gegenwert bekommen.

Gibt es überhaupt noch die Chance auf einen V-förmigen Verlauf, also eine rasche Erholung der Wirtschaft für Deutschland?

V-förmig heißt ja, es geht so drastisch hoch, wie es runter ging. Das halte ich für ausgeschlossen. Dass der Ifo-Index kürzlich massiv nach oben stieg, darf nicht missinterpretiert werden. Die Stimmung der Unternehmen ist immer noch sehr schlecht. Während im April so gut wie alle Unternehmen gesagt haben, dass es noch schlechter wird, halten Pessimisten und Optimisten sich derzeit etwa die Waage – aber eben auf deutlich niedrigerem Niveau. Beim Ifo gehen wir davon aus, dass wir vielleicht Ende 2021 wieder auf dem Niveau von 2019 erreichen. Den alten Wachstumspfad werden wir in absehbarer Zeit gar nicht erreichen.

Deutschland ist ein Industrieland, wo auch mit Abstand produziert werden kann. Hilft das nicht, schneller auf die Beine zu kommen als Volkwirtschaften, die von Dienstleistungen geprägt sind?

Die Industrieorientierung hilft etwas. Auch dass uns die Pandemie nicht ganz so schlimm getroffen hat wie andere. Aber wir sind eben auch sehr exportabhängig und kommen nur so schnell aus der Krise, wie die anderen auch aus der Krise kommen. Außerdem gibt es auch Dienstleistungen, die im Homeoffice funktionieren, etwa Finanzdienstleistungen. Da ist die Frage, wie schnell erholen sich die Kunden. Wir werden uns auf längere Sicht mit reduzierter Wirtschaftsleistung arrangieren müssen. Der „Economist“ spricht von der 90-Prozent-Wirtschaft.

Krieg, Revolutionen, Staatspleiten und Pest gelten in der Geschichte als die vier apokalyptischen Reiter, die zu mehr Gleichheit in der Gesellschaft führen. Gilt das auch für Corona?

Die Ungleichheit wird eher größer werden. Die Pandemie wird zwar viele Vermögenswerte vernichten, etwa Unternehmen der Reise- oder Unterhaltsbranche, die pleitegehen. Aber Teile der Wirtschaft sind unberührt, der Immobilienmarkt läuft größtenteils gut, die Aktienmärkte haben sich erstaunlich schnell erholt, wer Gold besitzt, hat viel Geld verdient. Bei den Arbeitnehmern wird ein beschleunigter Strukturwandel aber dazu führen, dass ihre Löhne je nach Qualifikation noch weiter auseinanderdriften. Zu den größten Verlierern zählen die bildungsfernen Bevölkerungsgruppen. Durch Kurzarbeit haben sie häufig deutliche Einkommenseinbußen, ihre Kinder leiden massiv unter dem Corona-bedingten Kita- und Schulausfall. Wichtig ist, dass wir in Schulen und Betrieben Förderprogramme entwickeln, mit denen wir diesen Menschen ermöglichen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Im Mittelpunkt sollten die Chancen für Beschäftigte stehen. 

Die EU will am Wochenende auf ihrem Gipfel einen Wiederaufbaufonds in Höhe von 750 Mrd. Euro beschließen. Das Geld soll in besonders stark von der Pandemie betroffene Länder fließen. Wie sinnvoll ist das?

Das ist ein Symbol der Solidarität, das ich gut finde. Wichtig ist, dass damit Reformen angeschoben werden, die das Wachstum fördern und Beschäftigung schaffen. Sonst besteht das Risiko, dass das Geld verpufft oder schlimmer noch Abhängigkeiten dieser Länder zementiert.