GastkommentarChinas überschätzter Dienstleistungssektor


Max Zenglein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Mercator Institute for China Studies (MERICS). Zuvor arbeitete er als ökonomischer Analyst für die Auslandshandelskammer Greater China.Max Zenglein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Mercator Institute for China Studies (MERICS). Zuvor arbeitete er als ökonomischer Analyst für die Auslandshandelskammer Greater China.


Chinas Wirtschaftsmodell befindet sich im Umbruch. Auch der chinesischen Führung ist nicht entgangen, dass ein Strukturwandel dringend nötig ist, um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu etablieren. Auf dem G20-Gipfel, den Anfang September erstmals China in der Stadt Hangzhou ausgerichtet hat, hat der Gastgeber sich bemüht, unangenehmen Diskussionen über seine schlingernde Wirtschaft aus dem Weg zu gehen. Doch werden die Probleme nicht verschwinden, nur weil nicht darüber geredet wird: China braucht dringend neue Wachstumstreiber, um die Transformation seiner Wirtschaft voranzutreiben.

Die Stärkung des Dienstleistungssektors ist dabei ein zentraler Baustein in den strategischen Überlegungen Pekings. Denn nur wenn dieser das BIP-Wachstum festigen hilft und ausreichend Arbeitsplätze schafft, wird die Regierung schmerzhafte Reformen wie etwa bei unrentablen staatseigenen Betrieben und den Abbau von Überkapazitäten in Bereichen der Schwerindustrie angehen können. Unter diesen Rahmenbedingungen wird der Dienstleistungssektor zum Flaschenhals für den Strukturwandel: Ist er zu schwach, wird sich China nicht von seinem bisherigen Wachstumsmodell lösen können, das immer noch in erster Linie von staatlichen Investitionen getrieben ist.

Dynamik bei Dienstleistungen lässt nach

 Es gibt einige Anzeichen dafür, dass der chinesische Dienstleistungssektor die in ihn gesetzten Hoffnungen so schnell nicht erfüllen wird. Auch wenn es in den vergangenen Jahren durchaus Positives zu vermelden gab: 2015 etwa stammten erstmals über 50 Prozent der Wirtschaftsleistung aus diesem Sektor. Das chinesische Bruttoinlandsprodukt wächst nicht mehr so schnell wie früher, von einem Einbruch kann aber bisher nicht die Rede sein. Das ist zumindest zum Teil dem Dienstleistungssektor zu verdanken, der in China in der ersten Jahreshälfte stärker gewachsen ist als Industrie und Landwirtschaft. Dennoch muss sich die Regierung dem zunehmenden Abwärtsdruck mächtig entgegenstemmen, um das ambitionierte Wachstumsziel von durchschnittlich mindestens 6,5 Prozent jährlich bis 2020 zu halten. Für 2016 bedeutet das eine Ausweitung staatlicher Investitionen und bestenfalls zaghafte Umsetzung der Strukturreformen.

Dass Peking wegen eines florierenden Dienstleistungssektors die Investitionstätigkeit demnächst deutlich herunterschrauben kann, ist nicht zu erwarten. Denn bei genauerer Betrachtung ist es mit der viel gepriesenen Dynamik nicht weit her: In den ersten sechs Monaten 2016 ist das Wachstum in diesem Wirtschaftszweig auf 7,5 Prozent gefallen, im Vorjahr waren es noch 8,3 Prozent.

Blasen am Aktien- und Immobilienmarkt befeuern Wachstum

Blaseneffekte, etwa am Aktien- und Immobilienmarkt, spielten bei dem erreichten Wachstum eine wesentliche Rolle. Als im Sommer 2015 vor allem private Kleinanleger in der Hoffnung auf schnelle Gewinne begannen ihr Geld in Aktien anzulegen, schnellte auch die Nachfrage nach Finanzdienstleistungen um fast 16 Prozent in die Höhe. Nach dem folgenden Börsencrash floss das Kapital verstärkt in den Immobiliensektor – die Immobiliendienstleistungen legten 2016 mit bisher neun Prozent überdurchschnittlich zu.

Noch viel zu schwach gesamtwirtschaftlich sind zudem die von Pekinger Wirtschaftspolitikern als Wachstumsbranche gelobte Internetökonomie oder der Gesundheitssektor. Die vom chinesischen Statistikamt in der schwammigen Dienstleistungskategorie „Weiteres“ zusammengefassten Branchen expandierten 2016 nur noch um 8,9 Prozent; im Vorjahr waren sie noch um 9,2 Prozent gewachsen. Und das, obwohl die chinesische Regierung zum Beispiel für Gründer von IT-Start-ups großzügige Hilfen bereitstellt.

Es ist somit nicht zu erwarten, dass der Dienstleistungssektor allein die nötige Kraft entfalten wird, um das vorgegebene Wachstumsziel zu erreichen. Stellt sich die Frage, warum Peking sich durch die ambitionierte Vorgabe von jährlich 6,5 Prozent gewissermaßen selbst die Pistole auf die Brust gesetzt hat. Die unnötigen Vorgaben zwingen die Regierung, auf das ausgediente, von Investitionen gestützte Wachstumsmodell zu setzen. Die nötigen Reformen werden auf die lange Bank geschoben. Denn ein konsequenter Wirtschaftsumbau würde das Wachstum erstmal weiter abfallen lassen. Mit den unvermeidlichen Folgen: Die Arbeitslosigkeit würde steigen, die Gefahr sozialer Unruhen zunehmen – ein Horrorszenario für die auf Stabilität bedachte Kommunistische Partei Chinas.

Das Jobwunder wird ausbleiben

Auch als Jobmotor fehlt es dem Dienstleistungssektor an Dynamik: Schon jetzt ächzt der Bereich unter der Bürde, die aus der Industrie entlassenen Arbeiter aufzufangen. Nach offiziellen Zahlen wurden zwar 2016 bisher 7,2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Arbeitslosenzahl blieb stabil. Doch das lag vor allem daran, dass 2,6 Millionen Unternehmen neu gegründet wurden, ein Plus von 28 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Ausgelöst wurde dieser Boom durch eine von Premierminister Li Keqiang ausgerufene Initiative für Gründungen und Innnovation. In einem zunehmend rauer werdenden Geschäftsumfeld werden viele dieser zumeist kleinen Internet Start-ups scheitern. Die Förderinitiative des Premierministers ist vor diesem Hintergrund vor allem eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Zu denken gibt auch, dass trotz des Gründerbooms zeitgleich Investitionen der Privatwirtschaft eingebrochen sind.

Rein ökonomisch betrachtet wäre es zwingend, einen kurzfristigen, stärkeren Einbruch der Wirtschaft hinzunehmen und den Strukturwandel ernsthaft voranzutreiben. Die chinesische Politik hat jedoch ihre eigenen Maßstäbe: 2021 steht das 100. Gründungsjubiläum der Kommunistischen Partei Chinas an. Die Führung will sich nicht die Blöße geben, genau zu diesem historischen Jahrestag erstmals die Wachstumsziele zu verfehlen. Ihr mangelt es an Geduld, darauf zu warten, bis die neuen Wachstumstreiber im Dienstleistungssektor ihre Kraft entfalten können. Die Konsequenzen einer mit staatlichen Interventionen erkauften, kurzfristigen Stabilität wird China noch zu spüren bekommen. Werden Reformen weiter verschleppt, ist ein harter Einbruch nicht auszuschließen.