GastkommentarMehr Privatwirtschaft für China

Gut vorbereitet: Die chinesische Stadt Hangzhou beleuchtet die Skyline mit den Flaggen der G20
Gut vorbereitet: Die chinesische Stadt Hangzhou beleuchtet die Skyline mit den Flaggen der G20
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Prof. Dr. Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und MBA Direktor an der Frankfurt School of Finance & ManagementHorst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management und Associate Professor an der China Europe International Business School in Shanghai.


Im chinesischen Hangzhou werden die Staats- und Regierungschefs einiges zu besprechen haben, wenn sie sich dort zum nächsten G20-Gipfel Anfang September treffen. Auch die Lage des Gastgeberlandes dürfte eine Rolle spielen. Immerhin ist China für ein Drittel des Wachstums der Weltwirtschaft verantwortlich. Ein Crash dort würde ein Beben bedeuten.

Die nackten Zahlen mit einem Wachstum von 6,7 % im II. Quartal sind nicht wirklich schlecht. Allerdings werden sie nach wie vor weitestgehend vom staatlichen und geldpolitischen Stimulus getragen. Der angestrebte angebotspolitische Umbruch der chinesischen Wirtschaft lässt hingegen weiter auf sich warten und mit ihm die dringend benötigte Reduktion der Verschuldung des chinesischen Unternehmenssektors.

Was passiert mit Zombieunternehmen?

Dessen Verschuldungsgrad beträgt heute schon 140–150% des chinesischen Bruttoinlandsproduktes – Tendenz steigend. Eine wahrlich gigantische Summe, wenn man berücksichtigt, dass Chinas Wirtschaft etwa dreimal so groß ist wie die deutsche Volkswirtschaft. Das war nicht immer so. Erst im Nachklang der globalen Finanzkrise hat die damalige chinesische Partei- und Regierungsspitze unter Hu Jintao und Wen Jiabao 2009 ein gigantisches kreditfinanziertes Konjunkturprogramm auf den Weg gebraucht. Allerdings hat dieses Programm nicht – wie im Westen – zu einem Anstieg der Staatsverschuldung, sondern der Unternehmensverschuldung geführt – finanziert durch Bankkredite insbesondere an staatliche Industrieunternehmen.

Die enge Verbindung von Staat und Unternehmenssektor spielt dabei eine entscheidende Rolle. Tatsächlich erfolgte und erfolgt ein Großteil der Kreditvergabe der staatseigenen, chinesischen Großbanken an staatseigene Industrieunternehmen unabhängig davon, dass viele davon unprofitable sind. Für sie hat sich der Ausdruck „Zombieunternehmen“ eingebürgert, weil sie – in Analogie zu einigen europäischen Banken – nur durch weitere Kredite künstlich am Leben gehalten werden. Wenn aber die Unternehmen ihre Kredite nicht zurückzahlen können, wie gefährdet sind dann die chinesischen Banken? Droht die Kreditblase zu platzen?

Gesundes Wachstum geht nur durch gesunde Unternehmen

Wahrscheinlich wohl eher nicht. Tatsächlich hat die chinesische Wirtschaftspolitik schon seit längerem das Problem erkannt und steuert dagegen beispielsweise mit Debt-to-Equity und Debt-to-Bond-Swaps, die die Bilanzen der Banken entlasten. Auch wurde der Markt für notleidende Kredite durch die Zulassung entsprechender Asset Management Unternehmen wieder eröffnet. Last but not least zwingt die Bankenaufsicht die Banken, faule Kredite kräftig abzuschreiben, allein 2 Trillionen Renminbi in den letzten drei Jahren. Und wenn wirklich alle Stricke reißen und eine Großbank in Schieflage geraten sollte, steht die Regierung bereit, sie heraus zu kaufen – es wäre nicht das erste Mal.

Solange die Ursachen der Kreditblase nicht beseitigt sind, wird China mit diesem Problem zu kämpfen haben. Die ausschlaggebende Ursache ist zweifellos die anhaltende Kreditvergabe an staatliche Industrieunternehmen durch die Großbanken. Diese Kredite sind in vielen Fällen nicht durch den tatsächlichen oder erwarteten Geschäftserfolg dieser Unternehmen gedeckt, sondern durch das Bestreben, Wachstum und Beschäftigung unter allen Umständen hochzuhalten. Ehrenwert, aber zum Scheitern verurteilt, wie nicht nur die chinesischen Erfahrungen der letzten Jahre zeigen. Gesundes Wachstum kann nur durch gesunde Unternehmen entstehen. Umso bedenklicher ist es, dass die Kreditvergabe an den privaten chinesischen Mittelstand, der massiv zu Wachstum und Beschäftigung beiträgt, demgegenüber deutlich zurück bleibt.

Tatsächlich braucht China einen Strukturwandel. Entscheidend dabei ist, dass der Privatwirtschaft mehr Raum eingeräumt wird. Alle Fakten zeigen, dass privatwirtschaftliche Unternehmen in China nicht nur profitabler als ihre staatlichen Wettbewerber sind, sondern auch innovativer. Speziell eine Privatisierung im Bankensektor würde dazu führen, dass sich die Kapitalallokation zu Gunsten profitabler Privatunternehmen verbessert, die in der Lage sind ihre Kredite auch zurück zu zahlen. Die Verschiebung der Kreditvergabe weg von Staats- und hin zu Privatunternehmen ist daher der entscheidende Schritt, um die chinesische Kreditblase dauerhaft und nachhaltig einzudämmen.