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Trotz starker Regulierung Chinas große Privatunternehmen wachsen schneller als Staatsunternehmen

Tech-Giganten wie Alipay werden vom chinesischen Staat mit Regulierungen belegt.
Tech-Giganten wie Alipay werden vom chinesischen Staat mit Regulierungen belegt.
© IMAGO / VCG
Staatliche Regulierung kann den Vormarsch des chinesischen Privatsektors nicht aufhalten, wie eine neue Studie zeigt. Die größten Privatunternehmen wachsen schneller als ihre staatliche Konkurrenz

Dieser Artikel liegt Capital.de im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 21. Juli 2022.

Chinas Privatunternehmen haben 2021 eine Vielzahl regulatorischer Beschränkungen hinnehmen müssen. Tech-Giganten wie Alipay und Didi wurden in ihre Schranken gewiesen. Meist waren die neuen Regeln sinnvoll, ging es doch darum, Monopole und Kartelle zu verhindern. Im Immobilienbereich sollten sie dafür sorgen, dass sich die Firmen nicht maßlos verschulden und auch bezahlbaren Wohnraum schaffen. Die Methoden der Umsetzung jedoch waren hart. Und ohne große zivilgesellschaftliche Debatte wurden die Firmen quasi über Nacht mit den neuen Spielregeln konfrontiert. Börsengänge mussten abgesagt werden, der Rechtsweg war erst einmal ausgeschlossen. Viele Beobachter werteten die Maßnahmen als Teil einer neuen Tendenz hin zu mehr Staatsmacht in der Wirtschaft, wie überhaupt die Ära Xi Jinpings mit einer stärkeren Dominanz des Staates gleichgesetzt wird.

Der Eindruck, dass der Privatsektor in China mehr denn je unterdrückt wird, täuscht jedoch. Eine vom Peterson Institute for International Economics (PIIE) durchgeführte Studie zeigt sogar das Gegenteil: Chinas größte Privatunternehmen expandieren schneller als die Staatsunternehmen.

In absoluten Zahlen, sowie gemessen an den Einnahmen oder – bei börsennotierten Unternehmen – am Marktwert sind die Unternehmen im Privatbesitz seit Xi Jinpings Amtsantritt 2011 erheblich gewachsen – auch wenn der staatliche Sektor immer noch dominiert.

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Expansion der Privaten schreitet voran

Das Peterson Institute hat die Umsätze chinesischer Unternehmen aus der Fortune-Global-500-Rangliste sowie die nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen analysiert. Der Umsatz privatwirtschaftlicher chinesischer Unternehmen lag demnach im Jahr 2011 bei 104 Milliarden US-Dollar. Das sind nicht einmal vier Prozent des Umsatzes aller Unternehmen aus der Volksrepublik – die Staatsunternehmen machen also den größten Anteil aus. Zehn Jahre später war der Umsatz der Privaten am Gesamtumsatz schon auf 19 Prozent gestiegen.

Was den Marktwert der größten börsennotierten Unternehmen anbelangt, so lag der Anteil des Privatsektors an den 100 größten börsennotierten chinesischen Unternehmen Ende 2010 bei nur acht Prozent, überschritt jedoch 2020 die 50-Prozent-Schwelle. 2021 ging der Wert aufgrund der staatlichen Regulierungen nur leicht auf 48 Prozent zurück. Das Argument, dass der Privatsektor an einer Expansion gehindert werden sollte, ist also angesichts der Zahlen kaum haltbar.

Auch ist der relative Anteil an Unternehmen, die vom Staat durch Mehrheits- oder Minderheitsbeteiligungen kontrolliert werden, während des letzten Jahrzehnts signifikant zurückgegangen. Was in China häufig als Staatsunternehmen bezeichnet wird, befindet sich nicht unbedingt vollständig oder gar mehrheitlich im Besitz des chinesischen Staates, wie die Autoren der Peterson-Studie betonen.

Viele staatliche Unternehmen sind Joint Ventures aus staatlichen und privaten Eigentümern. Sie liegen irgendwo zwischen staatlich und privat und es ist sehr schwierig zu entscheiden, ob sie nun privatwirtschaftlich oder staatswirtschaftlich geführt werden. In der Autoindustrie zum Beispiel hatten die großen Hersteller lange Gemeinschaftsunternehmen, wo sie nur einen 49 Prozent Anteil hatten, dennoch wurden diese Unternehmen überwiegend marktwirtschaftlich geführt. Ein anderer Sonderfall: Staatliche Unternehmen haben börsennotierte Tochtergesellschaften, die im Alltag den Ton angeben.

Staatsunternehmen sollen „stärker, besser, größer“ werden

Seit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik in den späten 1970er Jahren ist Chinas Wirtschaft spektakulär gewachsen, wobei der Löwenanteil der Expansion auf die Dynamik des Privatsektors zurückzuführen ist. Während 2005 nur 15 chinesische Unternehmen in der Fortune-Rangliste aufgeführt waren, gab es im Jahr 2021 schon 130.

Der Vormarsch des Privatsektors in Chinas größten Unternehmen scheint nicht auf eine langfristige Planung oder Entscheidungen von oben nach unten zurückzuführen zu sein, sondern eher auf eine Dynamik von unten nach oben. Die größten Unternehmen Chinas wurden praktisch nicht privatisiert, und der Staat hat auch keine Anstrengungen unternommen, um dem Privatsektor einen komparativen Vorteil zu verschaffen. Im Gegenteil: Präsident Xi Jinping erklärte 2016, dass die staatlichen Unternehmen „stärker, besser und größer“ werden müssen, während gleichzeitig die Privatwirtschaft gefördert wird. 

Xis Forderung: Chinas Staatsunternehmen müssen sich in einem privatwirtschaftlichen Umfeld bewähren und im internationalen Geschäft bestehen: Ein solches Beispiel ist der staatliche Hafenbetreiber China Merchants Ports. Es betreibt 30 Prozent der Häfen in China und 68 Häfen in 27 Ländern. Dazu gehört der größte Hafen Brasiliens, und der größte Hafen Afrikas, gerade in Tansania im Bau. China Merchant Ports hat aber auch Anteile an amerikanischen Häfen in Houston und Miami oder an Häfen im französischen Le Havre und Marseille.

Generell sind die privaten Unternehmen dynamischer und profitabler als die des staatlichen Sektors. Die Ausnahmen unter den Staatsunternehmen sollte man aber auch nicht unterschätzen. Der große Trend ist das, was der Chinawissenschaftler Nicholas R. Lardy als „Verdrängung staatlicher durch private Unternehmen“ bezeichnete, und in dem Buch „Markets over Mao“ schon vor über zehn Jahren treffend zusammengefasst hat.

Parteizellen in Privatunternehmen

Ungewöhnlich in China ist allerdings, dass die Gründung von Zellen der KP in Privatunternehmen eingeführt wurde. Auch hier sind die Folgen ambivalent. Ein Parteisekretär kann mit seinen Kontakten dafür sorgen, dass ein Privatunternehmen besser vorankommt, indem er Lobbying beim Staat betreibt. Er kann aber auch die Geschäftsführung gängeln und ihr Steine in den Weg legen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass dies eher die Ausnahme ist. Ärgerlich ist, dass Parteifunktionäre überhaupt die rechtliche Möglichkeit haben, in Privatunternehmen zu agieren.

Der Motor des großen Privatisierungstrends ist einfach. China möchte eine wirtschaftliche Weltmacht werden und das geht nur mit Unternehmen, die international wettbewerbsfähig sind. Das gilt besonders bei Internet- und E-Commerce, bei Elektronik, Elektroautos, Batterien, Stahl, Konsumgütern und Dienstleistungen, Pharmazeutika und Life-Science-Unternehmen. Einige der größten chinesischen Baufirmen sind ebenfalls privat, auch wenn der Immobiliensektor zuletzt durch die Finanzprobleme von Evergrande und anderen Playern angeschlagen ist. Im Gegensatz dazu werden Finanzdienstleistungen, Telekommunikation, Energie und Transport weiterhin von staatlichen Unternehmen dominiert.

Das Wachstum der großen Unternehmen in staatlich dominierten Branchen ist jedoch vergleichsweise weniger schnell verlaufen. Gemessen am Marktwert haben einige große Unternehmen in den Bereichen Telekommunikation und Energie in absoluten Zahlen sogar an Wert verloren. Sie wurden von Privatunternehmen überholt.


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