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CCS-Technologie CO2-Speicherung: Die falsche Panik vor dem „Klimamüll“

In Island speichert die Firma Carfix CO2 im Boden
In Island speichert die Firma Carfix CO2 im Boden
© picture alliance/dpa/MAXPPP | Olivier Corsan
Die CO2-Abspeicherung gilt als unerlässliches Instrument im Kampf gegen den Klimawandel. Das hat nun auch die Bundesregierung erkannt. Umwelt- und Naturschützer schüren dagegen Ängste vor der Technologie

Kurz vor Weihnachten ist ein bemerkenswerter Strategieschwenk der Regierung nahezu untergegangen. Robert Habeck kündigte an, man wolle es künftig erlauben, CO2 in Deutschland unter der Erde zu speichern. Das Verfahren läuft unter dem Kürzel CCS, was für „Carbon Capture and Storage“ steht. CO2 wird etwa an Fabriken nicht in die Atmosphäre gepustet, sondern eingefangen und an anderer Stelle unter der Erde gelagert, zum Beispiel in ausgeschöpften Gaslagerstätten tief im Meeresboden.

Klingt nach einer spannenden Idee und Technologie, aber wie das so ist mit neuen Technologien: Viele Deutsche haben erst mal Sorgen und Ängste, und es gibt andere Menschen und Aktivisten, die diese Sorgen und Ängste schüren. Durch Begriffe und Framing, was schon damit anfängt, vor CCS stets das Adjektiv „umstritten“ zu setzen. So wird daraus das „umstrittene CCS-Verfahren“. Würden wir das bei der Windkraft machen, die an vielen Orten in diesem Land auch umstritten ist, würden wir beim Ausbau noch weniger vorankommen: „Robert Habeck will umstrittenen Ausbau der Windkraft forcieren“ – klingt nicht vielversprechend, oder?

Nun, die Abscheidung und Speicherung von CO2 ist in Deutschland zwar geologisch möglich, war es aber nicht politisch, nach einem langen Streit und einem Gesetz von 2012. Während andere Länder wie Norwegen seit Jahren die Technologie erforschen und nutzen – und damit Geschäfte machen –, bewegte sich hier wenig. Das möchte der Wirtschaftsminister ändern, ein bemerkenswerter und lobenswerter Schwenk. Er ist Teil der „Carbon Management Strategie“ der Regierung, die endlich erarbeitet wird.

Widerstand gegen CCS – taktisch und hysterisch

„Wir haben jetzt gesehen, dass Erfahrungen gesammelt wurden und die Technik notwendig ist für bestimmte Prozesse“, sagt Habeck nun. Er will das Kohlendioxidspeicherungsgesetz novellieren, für ihn ist es „eines der wichtigen Vorhaben in 2023“. Dieser Tage reist der Wirtschaftsminister nach Norwegen, unter anderem geht es um Wasserstoffimporte, aber auch um die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid. Vermutlich ist es also auch eine pädagogische Reise, sich ein Bild machen und nebenher Bilder produzieren: Schaut mal, was in den Fjorden so geht.

Der Widerstand gegen CCS bewegt sich auf zwei Ebenen: Der eine ist taktischer Natur, der andere hysterischer. Letzterer bewegt sich auf der emotionalen Framing-Ebene von Chlorhühnchen und Fracking, durch Begriffe werden Sorgen verbreitet und Widerstand organisiert. Der BUND klagt über den „Klimamüll“, den man nicht unter Niedersachsen und der Nordsee entsorgen könne. Greenpeace spricht tatsächlich von „CO2-Endlager“ und „Altlasten“, CO2 führe in „hohen Dosen zum Erstickungstod“. Wow. So entstehen lauter kleine Gorlebens und Castor-Transporte im Kopf. (CO2 ist übrigens das Gas, dass Sie alle paar Sekunden ausatmen.)Der taktische Widerstand wird von der Sorge getrieben, dass CCS eine falsche Verheißung sei und Anstrengungen im Klimaschutz nachlassen. Nach dem Motto: Wenn wir das Zeug unter die Erde pressen können, müssen wir nicht mehr sparen und könne so weiterleben. Auch hier liegt ein Irrtum vor: Erstens wird es bei allen Netto-Null-Plänen immer Tätigkeiten des Menschen geben, die CO2 verursachen – etwa bei der Herstellung von Zement. Ähnliche Herausforderungen hat die Chemieindustrie.

Die Menschheit muss Milliarden Tonnen CO2 wieder einfangen

Der zweite Punkt ist wichtiger: CO2 auffangen und einspeichern muss die Menschheit in jedem Fall, zusätzlich zu den Einsparungen und der Reduktion. „Es gibt kein Entweder-oder“, sagt etwa Jan Wurzbacher, der Gründer von Climeworks. Das Schweizer Unternehmen ist führend beim sogenannten Direct Air Capture – einem Verfahren, bei dem CO2 aus der Luft gefiltert wird. „Die Verringerung der Emissionen ist von entscheidender Bedeutung, aber sie reicht nicht aus.“

In allen Szenarien sind Technologien, die CO2 abscheiden, wieder nutzen oder einlagern, eingepreist, selbst in jenen des Weltklimarates. Am 2030 müssen es Millionen Tonnen pro Jahr sein, ab 2050 Milliarden Tonnen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) kommt auf gut zehn Gigatonnen ab dem Jahr 2070, vor allem, indem man Kraftwerke und Industrieanlagen nachrüstet, um CO2 direkt aus der Luft zu filtern. Aber auch in Kombination mit Bioenergie. Hierbei werden CO2-speichernde Pflanzenbiomassen angebaut und danach verbrannt, wobei das CO2 direkt wieder eingefangen wird. „Die Kohlenstoffentfernung ist erforderlich, um Emissionen im gesamten Energiesystem auszugleichen, deren Reduzierung technisch schwierig oder unerschwinglich ist“, so die IEA. „Sie kann auch dazu beitragen, Emissionen außerhalb des Energiesektors auszugleichen, falls dort keine Fortschritte erzielt werden.“

Die Technik ist noch zu teuer

Auch die International Renewable Energy Agency (IRENA) befasst sich in ihrem World Energy Transition Outlook mit dem Streitthema. Allein sechs Prozent der jährlich verursachten knapp 37 Gigatonnen CO2 (Stand 2021), so der Befund, müssen durch CCS und CCU reduziert werden, weitere 14 Prozent in Kombination mit Bioenergie, das so genannte BECCS (Bioenergy with Carbon Capture & Storage).

CCS-Technologie: CO2-Speicherung: Die falsche Panik vor dem „Klimamüll“

Auch die Bundesregierung rechnet für Deutschland mit CCS „im Megatonnen-Maßstab“ ab 2030, vor allem für die Industrie. So steht es im „Evaluierungsbericht zum Kohlendioxid-Speicherungsgesetz“ des Ministeriums, über das das „Handelsblatt“ und der Branchendienst Table Media berichteten. Spätestens 2045 müssen demnach jedes Jahr Emissionen in Höhe von 34 bis 73 Millionen Tonnen CO2 exportiert und gespeichert werden.

Nun könnte man sagen: Wir wollen den „Klimamüll“ nicht hier, sondern lieber in Norwegen, den Niederlanden oder im Vulkangestein von Island verpressen. Ist eine beliebte Strategie der Deutschen, so machen wir es ja auch bei der Atomkraft – die wir hier abschalten, um sie bei Bedarf aus den Nachbarländern zuzuschalten. Besser aber wäre es doch, eigene Fähigkeiten bei der Technologie aufzubauen und diese dann auch zu exportieren.

Denn all diese Verfahren haben derzeit noch einen Haken. Sie sind noch nicht im industriellen Maßstab erprobt, sie sind energieintensiv und noch sehr teuer. Es geht also darum, die Kosten zu senken, was aber viele Jahre dauern wird – und viele Projekte anzuschieben, damit man die Technologie optimieren kann.

Horst von Buttlar ist Capital-Chefredakteur und Autor des Buches„Das grüne Jahrzehnt - Wie die Klimakrise die Wirtschaft revolutioniert“, Penguin Random House, 336 S., 25 Euro.

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