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Finanzpolitik Britische Steuerpläne: Warum der U-Turn nicht reicht

Schatzkanzler Kwasi Kwarteng beim Parteitag der britischen Konservativen am Sonntag
Schatzkanzler Kwasi Kwarteng beim Parteitag der britischen Konservativen am Sonntag
© IMAGO / i Images
Die britische Regierung passt ihren radikalen Steuersenkungsplan an. Doch die finanzpolitische Glaubwürdigkeit des Königreichs wird das nicht wiederherstellen, kommentiert die „Financial Times“

Schatzkanzler Kwasi Kwarteng gab sich zerknirscht bei der Bekanntgabe seiner Kehrtwende: Der Spitzensteuersatz von 45 Prozent wird doch nicht gestrichen für jene, die mehr als 150.000 Pfund verdienen – ein zentrales Element seines Reformpakets, das er am Freitag vor einer Woche vorgestellt hat und für das er massiv Kritik einstecken musste. Doch die finanzpolitische Glaubwürdigkeit des Vereinigten Königreichs wird der U-Turn nicht wiederherstellen. Denn die Maßnahme macht weniger als fünf Prozent des 45 Mrd. Pfund teuren Pakets an nicht gegenfinanzierten Steuersenkungen im angedachten „Mini“-Haushalt aus.

Die Kehrtwende stellt darüber hinaus eine unbequeme Wahrheit über den Schatzkanzler und seine Chefin, Premierministerin Liz Truss, unter Beweis: Ihnen geht die Fähigkeit ab, die Stimmung der Märkte und ihrer eigenen Partei zu lesen.

Ihr erster unbeabsichtigter Fehler führte zu einem extremen Anstieg der Renditen lang laufender britischer Staatsanleihen. Die Märkte sind derzeit nervös, selbst scheinbar kleinere schlechte Nachrichten können massive Ausverkäufe auslösen, wie auch die US-Tech-Aktien gezeigt haben.

Die Turbulenzen auf dem britischen Anleihemarkt sind jedoch außergewöhnlich. Und die gereizte Stimmung ist weit verbreitet. In den USA ist der Move-Index (Merrill Lynch Option Volatility Estimate) am vergangenen Mittwoch auf den zweithöchsten Stand seit 2009 gestiegen. Dieser Index, der aus Optionen auf Staatsanleihen abgeleitet wird, erfasst die Volatilität am Anleihemarkt, ähnlich wie der Vix-Index es für Aktien tut.

Großbritanniens Ruf aufs Spiel gesetzt

Das Vereinigte Königreich hat sich angreifbar gemacht. Kwarteng hat den Ruf des Landes aufs Spiel gesetzt, indem er die Prognosen des Office for Budget Responsibility ignorierte, den obersten Beamten des Finanzministeriums feuerte und ein unplausibles Wachstum von 2,5 Prozent ansetzte.

Aber er hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass Großbritannien eine geringere Schuldenlast drückt als die meisten anderen G7-Länder. Und auch andere Staaten haben mit hoher Inflation, verlangsamtem Wachstum und in der Folge strafferer Geldpolitik zu kämpfen. Für viele wird der Kampf gegen die Inflation durch den starken Anstieg des Dollars erschwert. Der Krieg in der Ukraine und die Spannungen mit China tragen zu den Unsicherheiten bei.

Das ganze ist ein tückisches Terrain für Anleger. Aber es gibt auch Chancen. Die hohe Volatilität kann globalen Makro-Hedgefonds zugute kommen, die versuchen, Bewegungen bei Zinsen, Währungen, Aktien und Rohstoffen zu antizipieren. Der HFRI-Makro-Index ist in diesem Jahr um neun Prozent gestiegen.

Qualitätsaktien mit geringer Verschuldung und hohen Dividendenrenditen dürften sich als widerstandsfähig erweisen. Laut einer UBS-Analyse von Daten, die bis ins Jahr 1975 zurückreichen, schneiden Value-Aktien in Zeiten hoher Inflation und steigender Anleiherenditen besser ab als Growth-Aktien.

Der Preis für 30-jährige Staatsanleihen ist im vergangenen Jahr um fast ein Drittel gesunken. Der FTSE 100 ist um weniger als ein Zehntel gesunken. Das ist nicht das normale Muster. Wenn sich die Märkte weiter in unbekanntes Terrain bewegen, wird es weitere böse Überraschungen geben.

Copyright The Financial Times Limited 2022

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