ReportageBrexit - und dann?

Es ist einer dieser kurzen Momente, in denen Emmanuel Charbonnel einen Anflug von Sehnsucht verspürt. Der 42-Jährige steht auf dem Hof seiner Firma in Ashford und strahlt legeren Schick aus: Röhrenjeans, blaue Wildlederboots, weißes Hemd. Dabei ist das hier keine jener schmucken neuen Firmenansiedlungen, die aussehen, als würden sie mit der Zahnbürste geputzt. Hier sieht man die Arbeit: zerfurchte Betonböden, billige Flachbauten, Metallzäune quietschen im Wind. Doch das ist es nicht, was Charbonnel stört. Er fröstelt. Am Nachmittag wird es in England schneien. Es ist Ende April. Wenn er mit den Verwandten daheim in Südfrankreich telefoniert, erzählen sie ihm, dass sie gerade den Swimmingpool sommerfertig machen.

Charbonnel ist Franzose im selbst gewählten Exil. 1996 setzte er über, um für den französischen Briefkastenhersteller Decayeux eine Niederlassung aufzubauen. Damals brummte die britische Wirtschaft, und immer neue Apartmentblocks wurden hochgezogen. Doch Briefkastenanlagen, wie sie in Frankreich oder Deutschland Standard sind, gab es in den englischen Häusern traditionell nicht. Stattdessen musste der Postbote Tür für Tür abklappern. „Da war eine Marktlücke“, sagt Charbonnel. Heute steuert DAD UK mit seinen acht Mitarbeitern einen Umsatz von 1,8 Mio. Pfund zur Bilanz des Konzerns bei. Der Geschäftsführer ist stolz, dass er sich bewährt hat. Und dass er, der Franzose, die britische Kultur ein Stück weit verändert hat. Und sei es nur auf dem Postweg.

Emmanuel Charbonnel
Der Franzose Emmanuel Charbonnel vertreibt mit der Firma DAD Briefkästen in Großbritannien
© Jon Tonks

Zwei Jahre wollte er bleiben, als er 1996 ankam. 20 sind es geworden, und wenn es nach Charbonnel geht, muss sich nichts ändern. Er hat eine Britin geheiratet, seine Jungs gehen auf lokale Schulen. Als „100 Prozent integrierten Lifestyle“ beschreibt er seinen Alltag. Aber: „Auf dem Papier bin ich ein Immigrant.“

Diejenigen Briten, die die Zuwanderung stoppen und ihr Land am liebsten vom Kontinent abkoppeln würden, haben nicht Charbonnel und seine Landsleute im Visier. Sondern Osteuropäer. Afrikaner. Araber. Muslime. Aber wenn Großbritannien im Referendum am 23. Juni für den Austritt aus der EU stimmen sollte, dann betrifft das die rund 400.000 Franzosen, die auf der Insel leben, genauso wie rund 300.000 Deutsche. Denn damit würde der europäische Binnenmarkt und die Freizügigkeit ins Wanken geraten, die den Europäern das Recht gibt, sich in jedem der 28 EU-Staaten niederzulassen. Dort zu arbeiten und Firmen zu gründen.

Flucht aus Frankreich

Ashford ist Europa, vereintes Europa. Ein Ort, der zeigt, wie der Kontinent zusammengewachsen ist – und was bei einem drohenden Brexit auf dem Spiel steht. Der Bezirk Ashford in Englands Südosten ist in den vergangenen Jahrzehnten aufgeblüht und rasant auf heute 120.000 Einwohner gewachsen, auch dank des Zustroms internationaler Investoren. Viele französische Firmen und Start-ups haben sich hier niedergelassen. Wie viele genau, ist unbekannt, denn im Binnenmarkt sind sie niemandem Rechenschaft schuldig. Sie sind vor der Bürokratie und der hohen Abgabenlast in Frankreich geflüchtet, und für Ashford, das einstige Mauerblümchen im ländlichen „Garten Englands“, hat das gewirkt wie Dünger auf Rosen. Oder, wie der Gemeinderatschef es lieber sagt: „Ashford boxt oberhalb seiner Gewichtsklasse.“

DAD habe Ashford in den 90er-Jahren als Standort ausgewählt, „weil es damals nah am Kontinent war“, sagt Charbonnel und muss dann selbst lachen über den Satz, der gleichzeitig falsch und richtig ist. Richtig, weil sich die Briten inzwischen so weit von der EU entfremdet haben, dass zum ersten Mal das Undenkbare denkbar geworden ist: dass sie die Scheidung verlangen.

Charbonnel hat sich so wenig wie Politiker in London, Brüssel oder Berlin vorstellen können, dass es eines Tages tatsächlich Spitz auf Knopf steht. Sie alle haben die Dynamik unterschätzt, sich davon einlullen lassen, dass die Melodie der britischen Europaskepsis im Hintergrund dudelt, seit das einstige Empire 1973 der EU beigetreten ist. Der Franzose springt auf und kommt mit einer Ausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ von 2011 zurück. „Wer will schon die Engländer in der EU?“ steht da über einer Dicken mit rosa Haut und gepierctem Bauchnabel, die ein Männlein mit Regenschirm und Hut am Arm hält. Eine kleine Retourkutsche für die stets so lautstark auf ihre Unabhängigkeit pochenden Briten.

Doch das Lachen ist Europa vergangen: Wenn die Briten für out stimmen, wäre das der größte Rückschlag der Einigungsgeschichte: Die EU würde 65 Millionen Bürger verlieren und ihre zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Und der Ausstieg der Briten könnte Nachahmer finden in einer Union, die die Auseinandersetzungen über Eurokrise und Flüchtlinge in ihren Grundfesten erschüttert haben. Großbritannien seinerseits wäre in einer Welt der Handelsblöcke auf sich selbst gestellt. Es würde den freien Zugang zum europäischen Markt mit 500 Millionen Menschen verlieren. Es müsste alle Handelsabkommen neu verhandeln.