EssayDas große Unbehagen

Pegida-Demonstration in Dresden beim Tag der Deutschen Einheit 2016
Auch in Deutschland brodelt es: Pegida-Demonstration in Dresden beim Tag der Deutschen Einheit 2016

Das Gefühl, dass mit unserer Welt etwas nicht stimmt, war über weite Strecken der Geschichte vor allem ein Gefühl des Individuums. Entfremdet war der einzelne Mensch, das Ich, gegenüber einer Gesellschaft und der Welt da draußen.

Die gesamte Romantik, alle Coming-of-Age-Geschichten, aber auch viel Science-Fiction entstanden nur aus dieser Entfremdung, in der einzelne Menschen das große Ganze infrage stellen. So wie Morpheus im Film „Matrix“ zum Helden Neo sagt: „Du fühlst schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht.“

Die Heldenreise führt dann oft zur höheren Erkenntnis, zur inneren Reife, zu besserem Bewusstsein.

Capital 01/2017
Die aktuelle Capital

Wer sich anschaut, was in unserer Welt seit einigen Monaten passiert, hat allerdings den Eindruck, dass diese Splitter inzwischen in ziemlich vielen Köpfen stecken müssen: in denen der weißen US-Mittelschicht, die Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat; denen der Engländer in der Provinz, die für den Brexit stimmten; bei den Italienern, die ihren Hoffnungsträger Renzi aus dem Amt fegten – und in vielen Wählern der AfD.

Ein großes Unbehagen scheint weite Teile der Bevölkerung ergriffen zu haben, nahezu in jedem Land. Es brodelt in Leserbriefspalten, es quillt aus Foren und sozialen Netzwerken, es zieht durch die Straßen, durch Umfragen und Demos. Und immer öfter explodiert es, bricht sich Bahn, in Wahlen und Referenden. Und so unterschiedlich jede Wahl und jedes Land sein mögen, wird doch oft so getan, als ob es um ein Unbehagen gehe, eine Wut über den Zustand der Welt und Eliten. Alles wird in einen großen Topf des Unbehagens geworfen, in dem wir bewusst oder unbewusst die Dinge verrühren.

Experten versuchen eilig, Muster und Motive zu erfassen, so wie man Geschirr einsortiert: Ursache ist dann die Ungleichheit, das Abgehängtsein, das Versagen der Eliten oder die Digitalisierung. Aber reicht das als Erklärung?

In Deutschland, das noch am wenigsten betroffen ist, mischt sich das Unbehagen mit einer großen Entrüstung – dem Eindruck, dass unser Staat immer wieder Recht und Gesetz dehnt oder bricht. Oder dass er die Ordnung nicht aufrechterhalten kann. Seit der Eurokrise gibt es dieses Muster des Regelbruchs: In der Flüchtlingskrise werden Grenzen nicht geschützt und Abkommen missachtet, in der Eurokrise Grenzen überschritten und Regeln gebrochen. Das deutsche Zukunftsvertrauen wurde nur wenige Male seit 1950 tief erschüttert – in der Ölkrise, nach 9/11 oder der Lehman-Pleite. Und 2015, während der Flüchtlingskrise. Ob und wie sich der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin auswirken wird, wissen wir noch nicht.

Anteil der Deutschen die dem kommenden Jahr mit Hoffnung entgegensehen

Reagiert wird auf die Schocks unserer Zeit mit immer neuen Notständen, die als Einzige den sicheren Untergang verhindern, alternativlos. Doch ohne Alternativen, das hat 2016 gezeigt, wollen manche nicht mehr leben, als Erstes die Briten, selbst wenn der andere Weg in die nächste Krise führt. Zumal „die da oben“ immer offener bekennen: Sie haben auch keine Ahnung, wie wir „da raus“ kommen. „Da raus“ aber kommen wir im ersten Schritt, indem wir Unbehagen wieder trennen; klären, woher es kommt – und vor allem, wie man es wieder loswird.

Der lautere Grundgroll

Wut war immer schon da; der Hass auf Politiker, das System, auf Eliten. Erschütternd ist eher, wie einfach es heute ist zu hassen, und wie viel und hemmungslos gehasst wird. Früher war der Zorn oft privat, er schmollte und schimpfte in der Nische, der „deutsche Stammtisch“ war, wenn es ihn gab, ein lokales Ereignis. Heute aber kann jeder im Netz laut und ungefiltert seinen Unmut über den Lauf der Dinge in die Welt posaunen. Irgendwer im Netz ist immer wütend.

Was aber auch bedeutet: Der Groll der 80er- und 90er-Jahre war ebenfalls da, nur anders; ohne Plattform und Netzwerk konnte er nur als Friedens- oder Montagsdemo zur Masse anschwillen. Heute ist Groll allzeit abrufbar, und er kann sich blitzartig zusammenrotten.

Drei Verstärker kommen hinzu: erstens die Dauerpräsenz, die Unmittelbarkeit des Schreckens. Alles wird dokumentiert, gefilmt, das Grauen lässt sich täglich 24 Stunden lang betrachten: auf Youtube, Facebook, Twitter. Zweitens: die positive Rückkopplung im Netz. Neuerdings wird vom „Echoraum“ gesprochen: Wut kann sich darin fortwährend selbst vermehren und verstärken wie ein Virus, dafür sorgen die Algorithmen. Und drittens: Wir sind Zeuge einer neuen ungehemmten Macht, alles Mögliche in die Welt zu setzen. Gelogen wurde schon immer, Propaganda gab es schon immer. Doch heute werden Lügen industriell hergestellt.