GastkommentarBesser scheitern mit Männern

Ein kleiner Mann steht auf einem Papierstapel vor einer größeren Frau
Männer sind bestimmt nicht immer größer – und schon gar nicht automatisch bessere Aufsichtsräte
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Angela Hornberg ist Personalberaterin. Zuvor war sie unter anderem als Investmentbankerin für die Deutsche Bank und Lehman Brothers tätig. Seit 1994 ist sie Unternehmerin, zunächst im Market Research für die Finanzindustrie, seit 2002 als Personalberaterin.Angela Hornberg ist Personalberaterin. Zuvor war sie unter anderem als Investmentbankerin für die Deutsche Bank und Lehman Brothers tätig. Seit 1994 ist sie Unternehmerin, zunächst im Market Research für die Finanzindustrie, seit 2002 als Personalberaterin.


In den Chefetagen der deutschen Wirtschaft herrscht die blanke Not. Es fehlt an geeigneten Kandidaten für vakante Aufsichtsratspositionen. So muss es sein, anders kann man sich nicht erklären, warum dort Männer sitzen, die von guter Unternehmensführung wenig verstehen. Oder Männer, deren Leistungsbilanz erschreckend ausfällt. Oder Männer, deren Alter schon fast biblische Ausmaße annimmt. Die deutsche Wirtschaft muss ohnehin schon allzuoft auf Notlösungen zurückgreifen. Jedenfalls beklagen sich darüber die Konzern-Altvorderen, denen der Gesetzgeber nun tragischerweise eine Frauenquote vorgeschrieben hat. In diesen angespannten Zeiten, wo global die Hütte brennt, gilt die Devise: Besser ein nachweislich unfähiger Mann als eine vielleicht unfähige Frau.

Roland Koch zum Beispiel wurde vom hessischen Ministerpräsidenten zum Konzernlenker, was für kurze politische Empörung sorgte, weil er so nahtlos und damit korruptionsverdächtig die Seite wechselte. Es gab keine hörbaren Stimmen, die sich wirtschaftliche Sorgen machten, weil der neue CEO schlichtweg über gar keine unternehmerische Erfahrung verfügte. Er hatte neben seiner politischen Arbeit lediglich bis 1999 eine kleine Anwaltskanzlei in Eschborn betrieben und allerhöchstens als ehrenamtlicher Aufsichtsratsvorsitzender der hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach seit 2003 Wirtschaftserfahrung gesammelt.

Das reicht in Zeiten wie diesen für den Aufsichtsratsvorsitz (nota bene: VORSITZ!) der Bank UBS-Deutschland, was er bis heute ist. Als CEO eines globalen Baukonzerns hat diese Befähigung offenbar nicht gereicht. Jedenfalls musste Koch nach drei Jahren und zwei Gewinnwarnungen seinen Posten bei Bilfinger aufgeben. Und die dritte Gewinnwarnung kam wenige Wochen später.

Eine Bilanz, die aber offenbar immer noch gut genug ist, um in der Telekommunikationsbranche Verantwortung zu übernehmen. Deswegen wurde Koch im März in den Vodafone-Aufsichtsrat berufen. Da spielte es auch keine Rolle, dass der Mann, der in der CDU-Spendenaffäre zur Jahrtausendwende zwar „brutalstmögliche Aufklärung“ versprochen, sich dann aber nur durch Gedächtnislücken hervorgetan hatte, auch bei Bilfinger in eine Schmiergeldaffäre verwickelt gewesen sein könnte. Schummeln, scheitern – da wollen wir doch nicht so streng sein, jeder hat eine zweite Chance verdient. Vor allem, wo es offensichtlich an besseren Kandidaten mangelt…

Club der Männer

Deswegen kann man auch nicht auf Klaus Peter Müller verzichten, der als Vorstandsvorsitzender der Commerzbank den Erwerb der Dresdner Bank veranlasste – eine Kaufentscheidung, die dafür sorgte, dass die Commerzbank 2009 mit Steuermitteln aus der Insolvenz gerettet werden musste. Die Entscheidung sei richtig gewesen, findet er noch heute. Aber auch wenn man nicht aus seinen Fehlern lernt, werden solche Spitzenmänner in der deutschen Wirtschaft noch gebraucht – im Aufsichtsrat von Linde und von Fresenius, als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, als Vizepräsident im Kuratorium der Bundesliga-Stiftung und und und…

Weil es an vergleichbaren Leuten mangelt, durfte Müller ausnahmsweise nahtlos vom Vorstandsvorsitz auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden der nunmehr teilverstaatlichten Bank wechseln – obgleich derlei eigentlich nicht mehr sein soll. Stattdessen wird eine „Cooling-off-Periode“ von zwei Jahren empfohlen. Ausnahme: Aktionäre, die mehr als 25 Prozent der Stimmrechte an der Gesellschaft halten, sind damit einverstanden. Die Ausnahme wurde von der Kommission für gute Unternehmensführung beschlossen, deren Vorstand damals ausgerechnet Müller war.

Ohne „cooling-off“ wird ein Aufsichtsratsvorsitzender schwerlich den selbst installierten Nachfolger kritisch betrachten, und der neue Vorstand wird den Vorgänger nicht kritisieren, wenn der nunmehr sein oberster Vorgesetzter ist.

Frauen in den Aufsichtsrat? Der schiere Wahnsinn!

So rüttelt es auch nicht an Müllers gutem Leumund, dass das Geldhaus jahrelang über eine Luxemburger Tochter systematisch Kunden bei der Steuerhinterziehung geholfen hat. Sicher hat der Top-Manager davon nichts gewusst, andernfalls wäre er gewiss dagegen vorgegangen – schließlich war er bis 2013 Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung.

Dort ist er übrigens Nachfolger von Gerhard Cromme, ein weiterer Spitzenmann der deutschen Wirtschaft, Jurist mit Staatsexamen und einer dreimonatigen Management-Development-Fortbildung in Harvard. Einer, der nach Niederlagen – da kommt die frühe Prägung durch die Münsteraner Studentenverbindung Germania durch – wieder aufzustehen weiß: Anfang 2013 war er nach diversen Verfehlungen von der „Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland“ (VARD) aufgefordert worden, sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender bei ThyssenKrupp aufzugeben. Das tat er, allerdings erst nachdem sein knapp 100-jähriger Mentor Berthold Beitz ihn fallen ließ. Trotzdem: Unverzichtbar, der Mann! Weswegen der umstrittene Manager nunmehr Aufsichtsratsvorsitzender von Deutschlands größtem Technikkonzern Siemens ist, was der heute 73-Jährige bis 2018 bleiben will.

Dort ist er übrigens oberster Kontrolleur von Joe Kaeser, dem langjährigem Siemens-Finanzchef, dessen Leistungsbilanz als Konzernlenker bisher von keinen erkennbaren Erfolgen gekrönt wurde. Kein Grund, dem offenbar mit der Führung der 350.000 Mitarbeiter starken Weltkonzerns schwer geforderten Mann, Zeit zur Bewährung zu geben: Die Personalnot in den Aufsichtsräten ist so groß, da wird jeder Kerl gebraucht. Daimler und Allianz holten „King Joe“ in den Aufsichtsrat: Interessenkonflikte? Möglicherweise, aber was soll man machen? Es gibt ja keine alternativen Kandidaten.

Und in solch verzweifelter Notlage zwingt der Gesetzgeber jetzt die Konzerne dazu, Damen in den Aufsichtsrat zu holen? Der schiere Wahnsinn: Damen scheiden für Aufsichtsratsaufgaben aus drei Gründen aus: Sie haben nicht genügend unternehmerische Erfahrung, sie leisten nicht genug oder sie sind zu alt. Man sieht doch, wie schnell die scheitern. Männer können das einfach besser.