KolumneBayer und die Tücken der Wissenschaft

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Das Urteil eines Berufungsgerichts in Lyon treibt die Bayer AG weiter in die Defensive. Dieses Mal geht es nicht um Glyphosat, sondern um das Herbizid Alachlor. Der französische Landwirt Paul Francois klagt seit Jahren gegen Monsanto, nachdem er durch das versehentliche Einatmen von Alachlor-Dämpfen schwere neurologische Schäden erlitten hatte. Die Lyoner Richter bescheinigten dem Hersteller jetzt, wie zuvor bereits die erste Instanz, „grobe Fahrlässigkeit“. Und sie verurteilten den Konzern, den Kläger zu entschädigen. Die Höhe der Zahlung steht noch nicht fest.

Nun kann man einwenden: So schlimm ist das Urteil für Bayer nun auch wieder nicht. Eine so hohe Entschädigung wie bei den beiden verlorenen Glyphosat-Prozessen in den USA muss der Konzern nicht fürchten. Außerdem ist der Wirkstoff Alachlor, den Monsanto seit den sechziger Jahren unter dem schönen Namen Lasso vermarktet, für den Umsatz der Bayer AG auch nicht annähernd so wichtig wie Glyphosat. Und last but not least bietet Bayer das Herbizid in Europa gar nicht mehr an, so dass auf dem Heimatmarkt nichts zu befürchten ist.

Das Urteil von Lyon stellt jedoch die zentrale Botschaft in Frage, mit der Bayer nun seit Monaten in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Das Narrativ geht ungefähr so: Der Konzern stützt sich auf das nahezu einmütige Urteil „der“ Wissenschaft. Die Richter und Juroren, die gegen Bayer entscheiden, urteilen dagegen emotional und haben von der Sache keine Ahnung. Das gleich gilt für kritische Publizisten, Umweltschützer, Grüne i tutti quanti.

Keine ausreichenden Warnhinweise

Die gleiche Linie vertrat Monsanto früher auch in Sachen Alachlor. Auch bei diesem Herbizid argumentierten die Amerikaner lange Zeit genauso wie bei Glyphosat, seine Unschädlichkeit für den Menschen sei wissenschaftlich eindeutig bewiesen. Alle Kritiker seien ahnungslos oder böswillig. Dabei war die Gemengelage spätestens seit den neunziger Jahren sehr viel komplizierter. Einige Wissenschaftler wandten sich schon früh gegen Alachlor, drangen damit aber zunächst nicht durch.

Auch heute gibt es sehr unterschiedliche wissenschaftliche Ansichten zu Alachlor, wie das Verhalten der zuständigen Aufsichtsbehörden zeigt: Seit 2006 ist der Gebrauch des Herbizids in der Europäischen Union nicht gestattet, in Frankreich seit 2007 sogar ausdrücklich verboten. Indien – ein Entwicklungsland – entschloss sich im letzten Jahr zu einem „vollständigen Verbot“ des Herbizids zum 31. Dezember 2020. In den Vereinigten Staaten verwenden Farmer das Monsanto-Produkt Lasso jedoch weiter. Die US-Umweltbehörde EPA hat Alachlor in der Vergangenheit sogar ein zweites Mal ausdrücklich zertifiziert (ein üblicher Vorgang bei älteren Wirkstoffen) und dabei lediglich die Grenzwerte (zum Beispiel im Wasser) strenger gefasst.

In dem Prozess von Lyon spielte die Tatsache eine große Rolle, dass auf der Verpackung des Monsanto-Präparats keine ausreichenden Warnhinweise vorhanden waren. In der Vergangenheit war das typisch für das Verhalten von Monsanto. Bayer tut heute manchmal so, als ob Monsanto früher nach den gleichen Grundsätzen geführt worden sei wie der deutsche Konzern. Ein Fehlverhalten in Sachen Glyphosat streiten die Manager in Leverkusen grundsätzlich ab – auch für die Vergangenheit. Hinter vorgehaltener Hand argumentieren Bayer-Mitarbeiter, man habe die amerikanischen Kollegen bei Monsanto im Fusionsprozess nicht durch Kritik entmutigen wollen. Das kann man zwar nachvollziehen. Der Glaubwürdigkeit der Bayer AG aber schadet es.