KolumneDas vergiftete Bekenntnis des Bayer-Aufsichtsrats

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Werner Wenning gehört zu den solidesten und erfahrensten Aufsichtsratschefs in der deutschen Wirtschaft. Der 72jährige war fünf Jahre lang Finanzchef von Bayer, acht   Jahre lang Vorstandschef und leitet den Aufsichtsrat nun seit sechs Jahren. Mit dem Konzern ist Wenning seit seiner Zeit als kaufmännischer Lehrling verbunden – bis heute also unfassbare 53 Jahre. Der silberhaarige Mann kennt den Konzern wie kein zweiter. Und bei seiner Tätigkeit in zahlreichen anderen Aufsichtsräten – von Eon über Siemens bis zur Deutschen Bank – hat Wenning auch alle Tricks gelernt, wie man große Unternehmen auf Linie zwingt und allen Widersachern das Wasser abgräbt. Am letzten Freitag erschien ein längliches Interview Wennings im „Handelsblatt“, das offenbar genau dieses Ziel verfolgt.

Die Chefs deutscher Aufsichtsräte geben nur sehr selten Interviews. Kommunikation gehört eindeutig zu den Aufgaben des Vorstands, nicht des Aufsichtsrats. Schon der Vorgang an sich ist also ungewöhnlich – schließlich war Bayer-Vorstandschef Werner Baumann in den letzten Wochen auch bereits zweimal mit ausführlichen Zeitungsgesprächen auf dem Markt. Und inhaltlich weichen die Auslassungen der beiden engen Vertrauten um keinen Millimeter voreinander ab. Die Bayer-Botschaft lautet: Der Kauf von Monsanto war richtig, wir haben keinen einzigen Fehler gemacht, die beiden Niederlagen bei den Glyphosat-Prozessen in den USA ändern überhaupt nichts an unserer beschlossenen Strategie. Offenbar will Wenning durch seine Bekenntnisse jede Kritik an seinem langjährigen Adlatus Baumann im Keim ersticken. „Den Rücken stärken“ nennt man das in deutschen Konzernen. Genau damit aber signalisiert Wenning ungewollt: Baumann hat es nötig, dass man ihn unterstützt oder besser gesagt: stützt. Denn nach dem tiefen Fall der Bayer-Aktie, der offenbar noch nicht zu Ende ist, wächst die Kritik außerhalb und innerhalb des Unternehmens.

Auf Linie bringen

In dem Wenning-Interview gibt es eine einzige interessante Passage, die genau diese Gemengelage enthüllt: „Wir haben der Strategie noch einmal ausdrücklich zugestimmt und einstimmig festgehalten, dass der Aufsichtsrat hinter dem gesamten Vorstand steht.“ Warum sind diese Sätze ungewöhnlich und verdächtig? Der Chef eines Aufsichtsrats redet normalerweise niemals öffentlich über die Diskussion in seinem Gremium. Und schon gar nicht berichtet man über das Ergebnis von Abstimmungen im Aufsichtsrat. Früher konnte sich Wenning selbst über die Durchstechereien aus den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Konzerne erregen. Nun setzt er sich über seine früheren Grundsätze hinweg.

Der Sinn der ganzen Operation ist klar: Wenning will es den Mitgliedern des Aufsichtsrats unmöglich machen, sich in den nächsten Monaten vom bisherigen Kurs Baumanns zu distanzieren. Nicht nur die Vertreter der Kapitalseite, sondern auch die Betriebsräte und Gewerkschafter will Wenning so auf seine Linie zwingen. Ob das allerdings gelingt, darf man bezweifeln. Sollten weitere amerikanische Gerichte Urteile gegen Glyphosat fällen, bricht die Aktie weiter ein. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem eng wird für Baumann. Auch Wenning kann das nicht verhindern.