FinanzevolutionBanken im Strudel der Digitalisierung

Weltspartag
So war es einmal, so wird es nicht wieder: Bankgeschäfte werden heute elektronisch erledigt – Foto: Ullstein-Bild

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.Dirk Elsner schreibt an dieser Stelle normalerweise seine Kolumne Finanzevolution. Diesmal hat er sich für eine ungewöhnliches Form entschieden: Per Mail hat er ein Gespräch mit dem Fintech-Analysten der Research-Abteilung der Deutschen Bank Thomas Dapp geführt. Dapps thematischer Fokus umfasst im weitesten Sinne die Bereiche Innovation, digitaler Strukturwandel sowie digitale Ökonomie. (Foto Elsner: Sebastian Berger, Stuttgart)


Gerade erst hat die Bundesbank Banken davor gewarnt, den digitalen Umbruch zu verschlafen. Einer, der davor schon länger warnt, ist Thomas F. Dapp vom Research der Deutschen Bank. Er beobachtet und untersucht schon seit Jahren die digitale Transformation in verschiedenen Sektoren. Immer häufiger fällt in diesem Zusammenhang der Begriff vom digitalen Bank-Ökosystem. Damit hat sich Dapp gerade in einer in Fachkreisen viel herumgereichten Studie befasst. Ich habe mit ihm darüber und über aktuelle Entwicklungen gesprochen.

Dirk Elsner: Digitale Plattform oder digitales Ökosystem. Das klingt nach Buzzworten und Ökologie. Können Sie erklären, was Sie darunter verstehen?

Thomas F. Dapp:  Innovationen im digitalen Zeitalter finden kaum noch in abgeschotteten Räumen von Unternehmen oder in einzelnen isolierten Bereichen und Branchen statt. Innoviert wird zunehmend an den jeweiligen offenen (Programmier-)Schnittstellen entlang des vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsnetzes. Künftig wird also nicht mehr die Kompetenz und der Erfahrungsschatz eines einzelnen Akteurs in abgeschotteten Märkten relevant sein, sondern die intelligente (digitale) Verbindung der diversen Infrastrukturen, Fertig- und Fähigkeiten unterschiedlicher Marktteilnehmer.

Für eine optimale Umsetzung hat sich daher international eine flexible Unternehmensarchitektur durchgesetzt, die zunehmend unter dem Begriff „digitales Ökosystem“ diskutiert wird. So erlaubt es beispielsweise die flexible Unternehmensarchitektur eines digitalen Banken-Ökosystems, sämtliche Kompetenzen zu vereinen, die auf dem Finanzmarkt vorhanden sind. Das Angebot an modernen daten- und selbstlernenden Algorithmen-basierten Finanzdiensten- und Produkten wird für den Konsumenten dadurch aus einer Hand angeboten. Die diversen Leistungen von unterschiedlichen Marktakteuren werden miteinander digital verzahnt und bieten dem Kunden maximale Flexibilität bei der Ausgestaltung seiner Finanzbedürfnisse. Der Konsument muss die Plattform nicht mehr verlassen und bekommt die Anwendungen und Finanzinhalte in Form von Apps oder web-basierten Diensten auf seine jeweilige IT-Umgebung individuell zugeschnitten.

Bekannt sind die digitalen Ökosysteme zudem für ihre sogenannten „Walled Garden“-Monetarisierungsstrategien. Vereinfacht lautet ihr Erfolgsrezept: Je länger Konsumenten auf einer einzelnen Plattform verweilen und gemäß ihrer Bedürfnisse bedient werden können, desto effizienter lassen sich die unterschiedlichen Monetarisierungsstrategien in lukrative Gewinne umwandeln. Dies beweisen beispielsweise die lernfähigen Empfehlungsalgorithmen sowie P2P-Bewertungen auf der Plattform des Onlineriesen Amazon.

Außerdem trägt die Plattformarchitektur dazu bei, traditionelle Hierarchiegrenzen und dekadenlange, eher suboptimale Siloprinzipien traditioneller Banken zu überwinden, um neue Wege der Vernetzung von Kommunikation, Soft- und Hardware zu beschreiten. Ein neues Banken-Ökosystem mündet somit in eine über offene Schnittstellen (open APIs) organisierte Plattform mit einem Angebot an eigenen und fremden Finanzdiensten, -systemen und -produkten. Die diversen Finanzdienste können über einen offen zugänglichen Banking-Appstore bequem und sicher bezogen werden und münden idealerweise in einer für den Kunden bequemen, sicheren sowie interaktiven Finanzplattform mit Community-Charakter.

Sie schreiben in Ihrer Studie: „Das digitale Zeitalter zwingt uns alle zum Umdenken“. Was bedeutet Umdenken hier konkret?

Die liquiden Mittel mancher digitaler Ökosysteme sind teils so hoch, dass sie ihre Fühler branchenübergreifend ausstrecken und Milliardenbeträge auch außerhalb der bisherigen Kernkompetenzen investieren. Ihr breites Angebot an unterschiedlichen Produkten, Diensten und Prozessen auf einer einzelnen Plattform basiert daher auf einer stärker werdenden Interdisziplinarität. Bei vielen Unternehmensleistungen handelt es sich um die Kombination von Wissen aus den Bereichen Algorithmik, Statistik, Kryptographie, künstliche Intelligenz, Robotik, Verhaltenswissenschaften, Mathematik oder Informatik. In der Kombination dieser Forschungsfelder lassen sich branchenübergreifend neue digitale Lösungen für unsere täglichen Routinen in allen möglichen Lebensbereichen anbieten, die uns mehr Effizienz, Produktivität und Annehmlichkeit bescheren.

Darüber hinaus geht es darum, dass vor allem traditionelle Unternehmen, wie etwa Banken, künftig die Bedürfnisse der internetaffinen Kunden befriedigen und hierzu vermehrt die Sprache des Internets einsetzen sollten. Hierfür ist es beispielsweise notwendig, den Umgang mit (Kunden-)Daten innerhalb geltender Datenschutzregelungen neu zu begreifen, um neue Algorithmen-basierte Analysemethoden einzusetzen. Somit lassen sich dann zusätzliche, wertvolle Informationen aus vorhandenen, aber auch aus neu hinzukommenden Daten filtern.