GastkommentarDas Ende der Banken wie wir sie kannten

Bankschalter mit Publikumsverkehr 1984
Bankschalter in den 80er-Jahren
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Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken (GLS) in Bochum. Die GLS wurde 1974 als Genossenschaftsbank gegründet und versteht sich als weltweit erste Bank für sozial-ökologische Geldanlagen und zur Finanzierung nachhaltiger Unternehmen und Projekte. Sie hat heute knapp 200 000 Kunden. Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken (GLS) in Bochum. Die GLS wurde 1974 als Genossenschaftsbank gegründet und versteht sich als weltweit erste Bank für sozial-ökologische Geldanlagen und zur Finanzierung nachhaltiger Unternehmen und Projekte. Sie hat heute knapp 200.000 Kunden. (Foto: Martin Steffen –  CC BY-NC-ND)


Banken, wie wir sie kennen, wird es in zehn Jahren nicht mehr geben. Sie müssen sich neu erfinden, denn gleich vier Faktoren stellen ihre Geschäftsmodelle heute in Frage: Die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz, die anhaltenden Niedrigzinsen, die Regulierung und die Digitalisierung.

Diese Herausforderungen machen Banken zwar nicht überflüssig. Aber sie zwingen die Branche, ihr Selbstverständnis und ihr Geschäftsmodell völlig zu verändern. Geschieht das nicht, dann könnten am Ende ausgerechnet diejenigen Finanzdienstleister an Dominanz gewinnen, die am wenigsten zur Entwicklung der Realwirtschaft beitragen.

Verlorene Akzeptanz

Fast alle Bürger nehmen fast täglich Bankdienstleistungen in Anspruch. Doch die gesellschaftliche Akzeptanz für die Art, wie diese erbracht werden, ist heute so gut wie nicht mehr vorhanden. Das zeigt sich auf vielen Ebenen.

– Während Banken noch vor wenigen Jahren unter Hunderten von Bewerbern für die begehrten Ausbildungsplätze auswählen konnten, finden sie heute nur noch schwer Auszubildende.

– Laut einer repräsentativen GfK-Umfrage sind für 38 Prozent der Verbraucher Kontoführungsgebühren das größte Ärgernis, und nur sieben Prozent halten Bankgebühren für akzeptabel. Durch die Niedrigzinsphase fühlen sich viele Einlagenkunden geradezu enteignet, während Kreditzinsen nach wie vor als zu hoch empfunden werden.

– Die Justiz hält Kreditbearbeitungsgebühren für unzulässig und lässt trotz dreijähriger Verjährungsfrist eine Rückforderung für die letzten zehn Jahre zu. Bei Formfehlern in der Widerrufbelehrung für Baufinanzierungen kann auch noch acht Jahre nach Abschluss eines Kreditvertrages der gesamte Vertrag widerrufen und es können zig Tausende von Zinsen gespart bzw. zurückgefordert werden.

– Die Steuerzahler mussten Milliarden für die Rettung von Banken aufgebringen, die fast ganze Volkswirtschaften ruiniert hatten. Zu viele Banker haben sich selbst die Taschen voll gemacht und dabei getrickst, bestochen und manipuliert. In Europa, USA und anderswo müssen große Banken Milliardensummen für entsprechende Strafprozesse zurückstellen.

Diese Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen und macht überdeutlich: Die gesellschaftliche Akzeptanz des bisherigen Bankgeschäfts ist langfristig gestört, wenn nicht zerstört.

Niedrigstzinsen

Die derzeitige Niedrigstzinsphase hat bereits einen langen Vorlauf. Ihre Ursachen liegen keineswegs nur bei den Notenbanken. Zwar hat die lockere Geldpolitik die Überliquidität an den Finanzmärkten noch verstärkt. Die Notenbanken wären aber heute gar nicht in der Lage, den Zinssatz deutlich nach oben zu treiben.

Die Niedrigzinsen sind das Ergebnis eines dauerhaften Überangebotes von Geld auf den Finanzmärkten, zu dem auch beiträgt, dass die Staaten ihre Neuverschuldung reduzieren wollen. Selbst wenn eine anziehende Konjunktur für eine höhere Investitionstätigkeit sorgen sollte, würde dieses Überangebot nicht nachhaltig abgebaut.

In Bereichen wie Soziales, Kultur, Ökologie, Forschung und Entwicklung gibt es zwar einen enormen Finanzierungsbedarf. Dieser Bedarf wird aber nicht gedeckt. Eine massive Flucht der Anleger in Aktien, Gold, landwirtschaftliche Flächen oder Immobilien wird dagegen nur zu einer Inflation der Preise dieser Vermögensanlagen führen, nicht aber zu einem höheren Zins.

Die Banken müssen sich deshalb langfristig auf ein Null- bzw. Niedrigstzinsniveau für sichere Geldanlagen einstellen. Damit verfallen unweigerlich die Zinsmargen, denn aus einem Niedrigstzins lässt sich keine auskömmliche Marge mehr erzielen. Wenn aber neben den Erträgen aus Gebühren auch die Zinsmarge in Frage steht, dann ist das ursprüngliche Geschäftsmodell von Banken zunehmend gefährdet.