AutoindustrieWie der Ex-Opel-Chef ein revolutionäres E-Auto bauen will

Drei von vier Evelozcity-Chefs: Karl-Thomas Neumann, Stefan Krause und Richard Kim (v. l.).
Drei von vier Evelozcity-Chefs: Karl-Thomas Neumann, Stefan Krause und Richard Kim (v. l.).Alex Welsh

Auf dem Weg hierher ist eigentlich immer Stau, aber der frühere Chef von Continental und Opel hat es dann doch geschafft. Karl-Thomas Neumann sitzt in einem Restaurant in Manhattan Beach, Los Angeles, und vor der Terrasse glitzert der Pazifik in der gerade untergehenden Sonne. Nicht weit entfernt in der anderen Richtung verläuft die Interstate 405, eine der meistbefahrenen Autobahnen der Welt: zehn vollgestopfte Spuren, und wenn man ehrlich ist, ist Los Angeles zu Stoßzeiten überhaupt ein einziger Stau. Neumann zeigt ein gut gebräuntes Lächeln und sagt, als sei es für einen Automanager das normalste der Welt: „Das Beste wäre, wenn die Autos verschwinden könnten.“

Neumann, 57 Jahre, sportlich, war einst der Tausendsassa der deutschen Automobilindustrie. Er wurde als möglicher Volkswagen-Chef gehandelt, sprang zwischen röhrenden Motoren auf den Automessen der Welt herum und predigte das Mantra der Branche: Das eigene Auto muss sein, und Verbrennungsmotoren wird es noch lange geben. Das alles ist nun vorbei.

Nachdem die PSA-Gruppe den Opel-Konzern übernommen hatte, musste Neumann im Juni 2017 gehen. Erst einmal segelte er über den Atlantik, ein alter Traum. Luft holen, leben. Dann schaute er sich um, was noch so möglich ist in der Industrie. Dabei traf er auf einen anderen alten Kämpen des Autobaus: Stefan Krause, einst Finanzvorstand bei BMW. Krause hatte ein Start-up für Elektroautos in Los Angeles gegründet: Evelozcity. Gesprochen Iwelossitti. Ein Mix aus „EV“ für E-Auto und „velocity“ für Geschwindigkeit. (Anm.d.Red.: Mittlerweile hat das Unternehmen seinen Namen in „Canoo“ geändert) Neumann war skeptisch, es gibt viele schlecht laufende E-Auto-Buden auf der Welt. Aber er war auch neugierig genug, um nach Kalifornien zu fliegen und sich das Ganze anzusehen. Danach war er überzeugt und stieg ein.

„Ich hatte mir vorher selber schon mal überlegt, wie man es denn machen müsste“, sagt Neumann. „Und einer der wichtigen Punkte war: Es muss lean sein, wir können keine Fabrik bauen. Wir wollen uns auf die Vermarktung und die Geschäftsmodelle konzentrieren und nicht auf Dinge, die andere schon sehr gut können.“ Und: bloß keinen weiteren Super-Sportwagen, sondern ein für die Masse erschwingliches Auto. Genauso hatte auch Krause gedacht. Das Unternehmen soll alles anders machen, als es bisher gemacht wurde: voll elektrisch, keine eigenen Fabriken, kein Besitz mehr. Wenn Neumann sagt, die Autos müssten verschwinden, dann meint er nicht, dass es keine mehr geben soll. Er meint, dass sie keine Belastung mehr sein dürfen, sondern nur noch eine Dienstleistung. Man nutzt ein Auto, und dann „verschwindet“ es wieder – zum nächsten Kunden.

Ulrich Kranz gilt als Vater der E-Auto-Reihe i von BMW. Jetzt ist er bei Evelozcity
Ulrich Kranz gilt als Vater der E-Auto-Reihe i von BMW. Jetzt ist er bei Evelozcity (Foto: PR)

Ihre Mitstreiter: Ulrich Kranz und Richard Kim, die einst bei BMW den Bau der Elektroauto-Reihe i vorantrieben. Ein gut sortiertes Vierer-Team: ein Finanzer, ein Techniker, ein Designer und ein Verkäufer. Sie wollen mit den deutschen Konzernen nichts mehr zu tun haben. Und mehr noch: Sie haben den Glauben an deren Zukunft verloren. „Alle wollen Elektromobilität, aber sie wollen auch, dass alles so bleibt, wie es ist“, sagt Neumann. „Es muss sich aber alles ändern, damit es elektrisch werden kann, und diesen Gedanken haben die Traditionellen nicht.“

Evelozcity ließe sich leicht als kleiner Möchtegern abtun, den man nicht weiter ernst nehmen muss. Doch dessen Führungsriege besteht aus Leuten, die genau wissen, wie in den Konzernen kalkuliert wird. Und wo die Schwachstellen liegen. So entwickelt sich das Start-up aus Kalifornien zu einer Kassandra der Branche. Krause, Neumann und ihre Kollegen glauben, dass die alten Autogrößen mit den Anforderungen des Wandels nicht zurechtkommen werden – und sie sagen das auch. „Das ist ein völlig anderes Denken“, sagt Neumann. „Und es bedeutet Zerstörung für alles, was die Hersteller derzeit tun.“

Die vier stellen die ehernen Grundprinzipien ihres Gewerbes infrage. Sie tun dies nicht aus der Position von Silicon-Valley-Stars, denen in Deutschland gern die Auto-Expertise abgesprochen wird. Sondern aus der Sicht von Insidern. Es ist ein kalifornischer Angriff von innen.

Die Argumentation: Die herkömmliche Autoproduktion beruht auf einer hohen Bruttomarge. Die ermöglicht Produktvielfalt und eine eigene Vertriebsstruktur. Mit dem Siegeszug der Elektromobilität aber – und von dem sind die Evelozcity-Chefs überzeugt – ändert sich das alles. E-Autos sind einerseits einfacher zu produzieren, weshalb mehr Konkurrenten einsteigen können. Andererseits gibt es mit der teuren Batterie einen sehr großen Kostenblock.