KolumneAutoindustrie zieht BASF bergab

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Auf Paliogen Blau EH 1900, einen „farbstarken, rotstichigen Blauton“, waren sie bei der BASF mal unheimlich stolz. Genauso wie auf Lumina Royal Magenta, einen „besonders intensiven Perlglanz“. Mit seinen Pigmenten für die Autoindustrie galt der Ludwigshafener Chemiekonzern in der Vergangenheit als besonders innovativ. Jetzt geht die Sparte für rund 1 Mrd. Euro an den japanischen Konkurrenten Dic, der angebliche eine bessere Wachstumsperspektive für dieses Geschäft bieten kann. Die BASF verzichtet auf rund 1 Mrd. Euro Umsatz und 2600 Mitarbeiter. Die Börse reagierte nicht groß – schließlich geht es nur um ein Sechzigstel des Gesamtumsatzes und einen überschaubaren Gewinnbeitrag.

Die Pigment-Sparte spiegelt ein wenig die Probleme des Gesamtkonzerns: Die BASF SE produziert zwar für viele Branchen, aber doch vor allem für eine: die deutsche und internationale Autoindustrie. Rund ein Viertel des Gesamtumsatzes entfällt auf diese Kundengruppe – zu viel, wie sich jetzt in der Umbruchphase von BMW, Audi und Mercedes zeigt. In der Vergangenheit hatte der Konzern seine Rolle als Zulieferer für die Branche bewusst immer weiter ausgebaut. Die BASF wollte sich so auch von den zyklischen Schwankungen ihres Kerngeschäfts abkoppeln. 2006 stemmte der Konzern nicht zuletzt deshalb die bis dahin teuerste Übernahme seiner ganzen Geschichte: den Kauf des US-Konzerns Engelhard, den Erfinder des Drei-Wege-Katalysators für Autos.

Ganz kommt die BASF von der Autoindustrie nicht los

Viele Jahre war die Autoindustrie ein toller Kunde für die BASF: Hohe und sehr sichere Umsätze, wenige ausgesuchte Großkunden, überschaubare Mühe. Dass sie damit aber auch ein Klumpenrisiko für die BASF schufen, hielten mehrere Vorstandschefs hintereinander für nicht besonders gefährlich. Nun muss ihr ohnehin an sehr vielen Fronten gleichzeitig geforderter Nachfolger Martin Brudermüller auch dieses Problem lösen. Denn niemand kann davon ausgehen, dass die unbeschwerten Zeiten in der Autobranche so schnell wiederkommen.

So schnell gibt es keine Lösung – vor allem keine große. Es geht nur mit vielen kleinen Schritten, wie das Beispiel der Pigment-Sparte zeigt. Die Autoindustrie bleibt auf jeden Fall auch auf lange Sicht der wichtigste Kunde. Aber trotzdem wäre es tatsächlich ein Fortschritt, wenn sich die BASF etwas weniger von ihr abhängig machen könnte.

Die BASF hat schon immer eine sehr aktive Portfolio-Strategie verfochten. Bereiche wurden ein- und ausgegliedert, gekauft und verkauft. Anders als zum Beispiel bei der Siemens AG, wo es beim Umbau des Konzerns immer wieder um große Brocken ging (und weiter geht), blieb man bei der BASF eher an der Peripherie. Der Grund dafür steht sogar in der gültigen Unternehmenssatzung: keine einzelne Maßnahme darf so riskant sein, dass sie den Fortbestand des Konzerns aufs Spiel setzen könnte. Die Übernahme von Monsanto, die Bayer mit Milliarden Euro an Krediten finanziert, wäre den BASF-Managern deshalb niemals in den Kopf gekommen. Diese Vorsicht war gut und nicht schlecht. Aber heute stellt sich die Frage, ob es mit kleinen Schritten wie in der Vergangenheit gelingen wird, die BASF wieder an die Spitze zu bringen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.