Coronavirus Aussicht auf „Lockdown“ dämpft Konjunkturausblick dramatisch

Die unübersehbaren Folgen der Corona-Krise: Der Alexanderplatz in Berlin ist wie leergefegt
Die unübersehbaren Folgen der Corona-Krise: Der Alexanderplatz in Berlin ist wie leergefegt
© dpa
Wir hart wird die Corona-Krise die deutsche Wirtschaft treffen? Zwei Wirtschaftsforschungsinstitute befürchten einen dramatischen Einbruch, wenn der „Lockdown“ länger anhält. Das DIW ist etwas optimistischer

Das IfW Kiel aktualisierte seine Berechnungen am Donnerstag auf einen voraussichtlichen Rückgang der Wertschöpfung zwischen 4,5 und 8,7 Prozent. Auch das Münchener Ifo-Institut rechnet für das laufende Jahr je nach Ausmaß und Dauer des inzwischen unausweichlichen Einfrierens des Wirtschaftslebens mit einem Einbruch des Wachstums zwischen minus 1,5 und 6 Prozent.

Die Kieler Ökonomen spielen in zwei Szenarien einen „Lockdown“ der deutschen Wirtschaft jeweils bis Ende April und bis Ende Juli durch – mit einer daran anschließenden Erholung der Wirtschaft auf das Vorkrisenniveau. Demnach werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 um 4,5 Prozent schrumpfen, sofern sich die Stresssituation ab Mai allmählich entspanne. Dies wäre ein Rückgang der Wertschöpfung um 150 Mrd. Euro gegenüber dem Vorjahr. „Setzt die Erholung erst drei Monate später im August ein, würde das deutsche BIP um 8,7 Prozent fallen“, so die deutlich pessimistischere Erwartung.

„In einem Szenario, das größere Produktionseinschränkungen unterstellt, schrumpft die Wirtschaftsleistung um 6 Prozent“, warnen – etwas zurückhaltender – die Münchener Ifo-Ökonomen. „Die Botschaft unserer Prognose lautet, dass das Cornavirus und seine Folgen Deutschland in eine Rezession stürzen wird“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest auf einer Online-Pressekonferenz. Die Prognose von minus sechs Prozent beruht auf der Annahme, dass die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus nur langsam abnimmt und folglich die Produktion im Land länger stillstehen wird als nur bis etwa April oder Mai.

Historischer Absturz des Geschäftsklimas

Ifo-Konjunkturchef Timo Wolmershäuser betonte, es sei sehr schwer, wahrscheinliche Krisenverläufe vorzuzeichnen. Der historische Absturz des Geschäftsklimas im März über alle Wirtschaftsbereiche hinweg deute allerdings darauf hin, dass der Konjunktureinbruch im zweiten Quartal alles Bisherige übertreffen werde. Allein die angekündigten Werksschließungen mehrerer Autobauer stützen ihm zufolge ein pessimistisches Risikoszenario. „Jeder Monat, in dem die Produktion um ein Viertel gedrosselt würde, würde etwas mehr als 2 Prozentpunkte des Wirtschaftswachstums eines Jahres kosten“, sagte er.

Das DIW Berlin senkte am Donnerstag seinen Ausblick für Deutschland gegenüber der Einschätzung vom Winter zunächst nur um 1,3 Prozentpunkte auf minus 0,1 Prozent für 2020. Im laufenden Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung um ein Zehntel Prozent schrumpfen, hieß es in dem neuen Wochenbericht. Die Berliner Ökonomen unterstellen einen Verlauf der Corona-Epidemie ähnlich der Ereignissen infolge der Schweinegrippe, SARS oder der Vogelgrippe: Danach würde es nach einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen in den kommenden Wochen zu einer Eindämmung des Virus auch durch Quarantänemaßnahmen kommen.

Dies vorausgesetzt lautet die Erwartung: „Die negativen wirtschaftlichen Konsequenzen werden überwiegend in der ersten Jahreshälfte zu Buche schlagen – in der zweiten Jahreshälfte ist damit eine Erholung angelegt.“ Eine ausbleibende Normalisierung würde jedoch eine weitaus tiefere Rezession bedeuten. Wenn das Virus zeitlich und räumlich deutlich größere Kreise ziehe und tiefgreifende Einschnitte im Alltag wie bereits in Italien, Frankreich, Österreich, Deutschland, oder Spanien auch in weiteren Regionen unausweichlich werden, geht jedoch auch das DIW von einer „deutlichen“ Beschleunigung der Abwärtsdynamik aus.

Weltwirtschaft leidet beträchtlich

Auch die Weltwirtschaft wird beträchtlich unter der Corona-Krise leiden. Die Münchener Ifo-Ökonomen rechnen damit, dass das globale Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr nur noch um 0,1 Prozent zulegen wird – nach 2,6 Prozent im vergangenen Jahr. Der Welthandel dürfte mit einem Rückgang um 1,7 Prozent besonders stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Nach der rückläufigen realen Aktivität in China und Südkorea und gebremster Leistung in Japan werde die globale Wirtschaftsleistung angesichts der weiteren Verschärfung der Pandemie in Europa und den USA vor allem im zweiten Quartal um 2,6 Prozent einbrechen.

Dagegen dürfte die Wirtschaft in China und Südkorea wegen der gesunkenen Infektionszahlen laut Ifo Institut wieder leicht zulegen. Ab dem Sommer werde es voraussichtlich weltweit zu einem allmählichen Aufholprozess kommen mit knapp 2 Prozent Zuwachs im dritten und 1,7 Prozent im vierten Quartal.

Das IfW erwartet dagegen einen weniger folgenschweren Verlauf. Dort wird damit gerechnet, dass die weltwirtschaftliche Dynamik infolge der Corona-Pandemie um knapp einen Prozentpunkt schwächer ausfallen wird. Die Weltwirtschaft dürfte in diesem Jahr damit nur noch um 2,5 Prozent wachsen, nachdem zuvor 3,7 Prozent prognostiziert worden waren. „Im kommenden Jahr werden wohl 3,5 Prozent erreicht werden, wenn sich die Lage wieder normalisiert“, so die aktualisierte Prognose.


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