GlosseAuf der Flucht vor Tischtennisplatten

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Am Wochenende kamen mein Sohn und ich auf eine geniale Idee: Warum sollten wir nicht eine Tischtennisplatte in unserem Garten aufstellen, wo doch alle Outdoor-Spielplätze in der Umgebung seit dem Beginn der Kontaktsperre mit rot-weißem Polizeiband gesperrt sind? Bewegung muss schließlich sein, sagt selbst Jens Spahn. Ich setzte mich also an den Computer und sichtete das Angebot bei einschlägigen Herstellern und Sportartikel-Online-Händlern.

Doch leider waren vor mir offenbar schon Tausende von anderen Deutschen auf die gleiche geniale Idee gekommen. Die Lieferzeiten für Outdoor-Tischtennisplatten liegen mittlerweile nur knapp unter denen für Toilettenpapier und Schutzmasken. Und wer weiß, ob ich im Mai oder Juni tatsächlich noch wirklich eine brauche?

Selbst bei Ebay übersteigt die Nachfrage nach gebrauchten Platten das Angebot schätzungsweise um den Faktor 100. Und auch meine bisher wenig beachtete Nachbarschafts-App, die ich aus diesem Anlass zum ersten Mal seit Wochen wieder konsultierte, bietet wenig Hoffnung. Mit blieb nichts anderes übrig, als die Suche zu beenden.

Ein Internet nur für Tischtennisplatten

Doch die Tischtennisplatten verfolgen mich seitdem im Internet wie die drei Rachegöttinen der alten Griechen. Ob ich mich bei Spiegel Online informiere, den Stern anklicke oder selbst die Homepage des amerikanischen Senders CNN: Überall springt mich die Werbung für Tischtennisplatten an wie ein ganzes Rudel von Raubkatzen. Nicht einmal pro Homepage, sondern gleich vier- oder fünfmal. Großflächig und kleinteilig, zwischen den Info-Blöcken und an den Rändern der Angebote.

Gerade verbrachte ich eine Stunde Surfen für eine Art von werbewissenschaftlichem Experiment: Gibt es irgendwo da draußen im weiten Web noch eine Informationsseite ohne Tischtennisplatten für mich? Die Antwort lautet: Nein! No way!

Der Sieg der Tischtennisplattenindustrie über den gesunden Menschenverstand hat natürlich etwas mit Google zu tun. Weil viele normale Werbekunden leider keine Annoncen mehr schalten, machen alle Internetanbieter ihre Werbeplätze für den Suchmaschinenbetreiber frei. So verdient man zwar keine Euros mehr, aber doch wenigstens ein paar Cents. Und, liebe Verbraucher, damit regiert der gnadenlose Algorithmus Ihrer allerletzten Google-Anfragen.

Ich will nichts mehr bei Euch kaufen!

Wer zuletzt vielleicht einen Handmixer suchte, den verfolgen nun im Internet die Küchengeräte. Wer zuletzt nach einem gebrauchten Panzer schaute, der wird die Rüstungsindustrie nicht mehr los. Und wer zuletzt leicht bekleidete Damen googelte … nun ja, sollte vielleicht in diesen Tagen nicht mehr die Ehefrau über die Schulter blicken lassen, wenn er im Homeoffice am Computer sitzt.

Weil ich Angst davor habe, die Hersteller von Tischtennisplatten nicht mehr los zu werden, so lange diese Krise anhält, versuche ich es jetzt mit dieser Glosse in Capital: Liebe Tischtennisplattenfirmen, ich will nichts mehr bei Euch kaufen! Eine Lieferung „ab Juni“ ist mir irgendwie zu spät. Auch habe ich den Eindruck, dass Ihr Krisengewinnler Eure Preise schamlos erhöht habt! Nicht mit mir! Also schaltet bitte den Algorithmus aus!