Andreas TilpEin Anwalt ohne Angst vor großen Gegnern

Andreas Tilpdpa

Es sollte sein nächster großer Fall werden: eine große Klage institutioneller Investoren gegen Bayer in Deutschland. Andreas Tilp stand in den Startlöchern für einen möglichen großen Anlegerprozess gegen den Agrarchemiekonzern. Er hatte die erste Klage eingereicht, einen Prozessfinanzierer gefunden. Es hätte demnächst losgehen können.

Nun ist der bekannte Anlegeranwalt am Gründonnerstag bei einem tragischen Radunfall mit nur 58 Jahren verstorben. Er hinterlässt seine Ehefrau und drei Kinder. Seine Kanzlei, von Tilp 1994 gegründet, wurde von Capital im vergangenen Jahr zu den Besten im Bereich Banken- und Kapitalmarktrecht für Privatmandanten gekürt. Dabei entstand dieses Porträt über den „Mister Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz“, das erstmals in der Ausgabe 06/2020 erschien und nun aktualisiert wurde.

Wenn Tilp erzählte, war ihm die Freude über seine eigene Schlitzohrigkeit anzuhören. So klingt einer, der sich lustvoll mit großen Kontrahenten misst. Als Anwalt war dieser Mann eine Ausnahmeerscheinung: ein Jurist, der rechtliche Sachverhalte volksnah rüberbringt, kein asketischer Managertyp, sondern einer, der gutes Essen und Weine liebt, die barocke Statur verriet es. Aus dem Rahmen fällt auch der Sitz seiner Kanzlei: eine ehemalige Baumwollspinnerei in Kirchentellinsfurt, einem 6000-Seelen-Dorf bei Tübingen. Unten im Tal arbeitete Tilp, oben auf dem Berg lebte er mit seiner Frau und drei Kindern. Den Weg dazwischen radelte er mit dem E-Bike.

Was nach beschaulicher Provinzkanzlei klingt, ist deutschlandweit eine der besten Adressen für geprellte Kapitalanleger. Wer es mit Industriekonzernen oder Banken wie der Telekom, Hypo Real Estate, VW, Daimler oder eben Bayer aufnehmen will, der ging zu Tilp. Unter Kollegen genoss der Mann aus dem Schwäbischen einen herausragenden Ruf: Im Bereich Banken- und Kapitalmarktrecht gehört seine Kanzlei zu den Branchenführern für Privatmandanten – das bestätigte zuletzt eine deutschlandweite Befragung von Capital und dem Marktforschungsinstitut Statista im Jahr 2020, für die mehr als 4000 Juristen die jeweils Besten ihres Fachs kürten.

Beim VW-Prozess in der ersten Reihe

Tilps Kanzlei wirkt auf den ersten Blick nicht besonders schlagkräftig. Knapp ein Dutzend Anwälte, sieben wissenschaftliche Mitarbeiter, verteilt auf zwei Gesellschaften: die Tilp Rechtsanwaltsgesellschaft, gegründet 1994, zur Vertretung von Kleinanlegern, die die Anwälte in der Regel nie zu Gesicht bekommen; und die Tilp Litigation, aufgesetzt 2011, für die institutionellen Großanleger, zu denen Tilp und seine Anwälte in alle Welt flogen. Erst dank der Verzahnung kleiner und institutioneller Anleger, so Tilp, lohnten sich überhaupt die kleinen Fälle, denn vom Aufwand her mache es kaum einen Unterschied, ob es um einen Schaden von 20.000 oder 20 Mio. Euro gehe. Nur so konnte Tilp riesige Prozesse gegen globale Konzerne aufziehen.

Deshalb saß der Klägeranwalt nun auch beim VW-Anlegerprozess in Braunschweig in der ersten Reihe, dem größten Kapitalmarktprozess, den Deutschland je gesehen hat. Tilp Litigation vertritt den Musterkläger, die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka. Die Tilp Rechtsanwaltsgesellschaft ist beigeladen als Vertreterin der Kleinaktionäre. Anhand des Musterfalls wird geklärt, ob VW die Kapitalmärkte zu spät und mangelhaft über die Abgasmanipulation informiert hat. Über 9 Mrd. Euro stehen für den Konzern auf dem Spiel, Tilp allein streitet für seine Mandanten um 6,3 Mrd. Euro.

Der Vorwurf der Anwälte: Eine Ad-hoc-Mitteilung wäre am 19. August 2015 fällig gewesen, als VW der US-Umweltbehörde EPA die Manipulation beichtete. Die Aktionäre erfuhren aber erst einen Monat später davon. Damit VW für die Kursverluste haftet, muss Tilp nachweisen, dass die VW-Spitze von der Manipulation wusste. Noch fehlen klare Belege, aber es gibt viel belastendes Material, etwa eine Notiz aus der Post von VW-Chef Martin Winterkorn, in der Mitarbeiter warnen, dass den US-Umweltbehörden hohe Schadwerte in VW-Dieselabgasen aufgefallen seien. An den „Stoff“, erzählt Tilp, sei er nur gekommen, weil er in den USA als ausländische Prozesspartei mitgeklagt hat. 90.000 interne Dokumente musste VW ihm deshalb aushändigen.

Tilp hielt große Stücke auf das US-Rechtssystem. „Während der Gegner im deutschen System mauern kann, zwingen die US-Gerichte Unternehmen dazu, interne Dokumente herauszugeben“, so der Anwalt. „Es ist der Hauptgrund für die Effizienz und Effektivität des US-Systems, wo die Beteiligten sich in der Regel nach zwei bis fünf Jahren vergleichen.“

Noch läuft das Anlegerverfahren. Als „deutlichen Rückenwind“ wertete Tilp, dass der BGH im vergangenen Mai das Verhalten von VW als vorsätzliche sittenwidrige Schädigung einstufte, vom dem auch der damalige Vorstand von VW Kenntnis hatte. Ein Umstand, den VW im Braunschweiger KapMuG-Musterverfahren bis dato geleugnet hatte.

Der Student gewann gegen die Volksbank

Einst hätte nicht viel gefehlt, und Tilp wäre Theologe geworden. Erst als er seiner späteren Frau nach Tübingen folgte, riet ihm dort sein Schwager in spe zum Jurastudium: „Wenn d’ned woisch, was studiera sollsch, studiersch halt Jura.“ Der Einser-Abiturient, der sich damals mehr für Existenziell-Schöngeistiges interessierte, hörte in den ersten drei Semestern am liebsten Rechtsgeschichte und -philosophie. Das BGB mied er.

Das änderte sich schlagartig, als dem 23-jährigen Studenten fast eine Spekulation zum Verhängnis wurde. 1986 startete der Optionshandel für Privatleute. „Das war kein Vergleich zum heutigen Derivatehandel“, so Tilp. „Sie mussten damals die 20- bis 50-fache Menge an Optionen ordern, um was zu bekommen.“ Mit einer Deutsche-Bank-Option machte er 130.000 D-Mark Gewinn, doch als die Börse crashte, lief die Sache aus dem Ruder. „Ich habe halt geordert und geordert, und plötzlich wurde das alles geliefert. Bis ich da wieder raus war, waren ein paar Hunderttausend Mark flöten.“ Geld, das Tilp nicht hatte. Weshalb die Volksbank ihn verklagte. „Da habe ich erkannt: Das Jurastudium kann dir persönlich was bringen.“

Tilp verschlang alles, was er zum Banken- und Kapitalmarktrecht in die Finger bekam. Der Jurastudent wühlte sich durch bis zur Reichsgerichtssprechung, fand erste Entscheidungen zu Termingeschäften in Akten von 1903. Den Prozess gegen seine Hausbank gewann er: Der Richter erklärte ihn für „nicht termingeschäftsfähig“, die Bank hätte besser über die Risiken aufklären müssen. Tilp hatte sein Lebensthema gefunden.

Teil seines Erfolgs war sein Talent zur Selbstvermarktung. Als 1994 der BGH entschied, dass Banken ihre Kunden auf die besonderen Risiken von Dax-Optionsgeschäften hinweisen müssen, verschickte Tilp an alle Redaktionen einen Aufsatz, in dem er sechs Jahre zuvor das Urteil vorweggenommen hatte. Notiz nahm der „Effecten-Spiegel“, der einen Beitrag mit Tilps Telefonnummer brachte. Innerhalb von drei Wochen bekam er 217 Anfragen von geprellten Kapitalanlegern. „Es war die Chance, als Anwalt durchzustarten“, so Tilp. Schnell waren Räume gefunden, mit einer Sekretärin und einem Commodore-Rechner legte er Mandantenlisten an. „Die durchschnittlichen Schadenssummen waren sechsstellig“, erinnert er sich. „Die unter 100.000 Euro habe ich gar nicht gemacht.“

Fortan musste sich Tilp um Aufträge keine Sorgen mehr machen. Jede Börsenwelle brachte neue fragwürdige Produkte mit sich – und Unternehmen, die ihre Anleger hintergingen. In 26 Jahren erstritt Tilp über 200 Entscheidungen des Bundesgerichtshofs und Bundesverfassungsgerichts – immer für die Rechte der Anleger.

Die Finanzkrise brachte das Klagegeschäft in Schwung

Ein Aha-Erlebnis war der Kampf gegen die Deutsche Telekom, die im Prospekt für ihre „Volksaktie“ manches beschönigt hatte. Als 2000 nach dem dritten Börsengang die Kurse purzelten, fühlten sich viele Anleger verschaukelt. 17.000 Kläger wollten Geld zurück, es ging um 100 Mio. Euro Schadensersatz. Tilp vertrat 350 Anleger, darunter den Musterkläger. Es war der erste KapMuG-Fall, Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, eigens für die Telekom geschaffen – Tilp gehörte zu den Pionieren des Prozesswegs.

Bloß: Schadensersatz floss nie. Fast 20 Jahre nach Prozessbeginn hängt der Fall nach etlichen Instanzschleifen wieder beim OLG Frankfurt. Der Bundesgerichtshof hatte das älteste Verfahren der KapMuG-Geschichte im Februar 2021 dorthin zurück verwiesen. Dieses soll nun klären, ob Falschangaben im Börsenprospekt Ursache waren für den Wertverlust der sogenannten Volksaktie. Das der BGH dabei der Telekom die volle Beweislast auferlegt habe, feierte Tilp als „historischen Meilenstein“. Das Verschulden der Telekom für den falschen Börsenprospekt DT 3 stehe damit rechtskräftig fest.

Viele Kläger sind indes längst tot. In den USA hingegen zahlte bereits 2005 die Telekom ihren Aktionären 120 Mio. Dollar. Damals erkannte Tilp die Chance, europäische Kläger an US-Prozessen zu beteiligen. Viele große deutsche Gesellschaften nutzten die Möglichkeit. Erst als der US-Supreme-Court 2010 entschied, Klagen ausländischer Aktionäre in den USA drastisch einzuschränken, fiel dieses Geschäft weg.

Doch mit der Finanzkrise 2008 kam das Klagegeschäft auch in Deutschland in Schwung. „Seither“, so Tilp, „war es vorbei mit der Deutschland AG, wo sich alle lieb haben und nicht verklagen, sondern lieber im Hinterzimmer des OLG-Präsidenten kungeln.“ Erstmals zog 2009 ein institutioneller Anleger gegen eine deutsche Bank vor ein deutsches Gericht. Der Vorwurf an die Hypo Real Estate: Bilanzmanipulation und fehlerhafte Angaben im Börsenprospekt. Das Schadensvolumen aufgrund der massiven Kursverluste beziffern die Kläger auf 1,5 Mrd. Euro. Bis heute ist der Fall nicht rechtskräftig entschieden. Nach sieben Jahren verwies der BGH im Frühjahr 2021 zurück an den Spezialsenat des OLG München. Der muss den nun schon mehr als ein Jahrzehnt dauernden Rechtsstreit teilweise neu aufrollen. Tilp jedenfalls gab sich nach der Entscheidung „euphorisch“, den Fall nun endgültig zu gewinnen.

Sein größter Erfolg, sagt Tilp, war das Kick-back-Urteil des BGH von 2006. Damals erstritt er für eine Klägerin vollen Schadensersatz, die im New-Economy-Boom Aktienfonds gekauft und im Crash massiv verloren hatte. Beim Verkauf hatte die Bank verschwiegen, dass sie über eine Provision kräftig mitverdiente. Das Eigeninteresse hätte offengelegt werden müssen, argumentierten die Richter – ein Urteil, das Banken seither viele Milliarden gekostet und Tilps Ruhm weiter gemehrt hat.

„Ich habe einfach Spaß daran, neue Fässer aufzumachen und mir die vorzuknöpfen, die es verdient haben“, sagt Tilp. Deshalb schien auch der Fall Bayer nach seinem Geschmack. Es ging um die nachlässige Bewertung von Risiken bei der Übernahme von Monsanto. Der folgende Kurssturz hat viele Anleger nicht froh gemacht. Tilp aber sah darin einmal mehr eine Chance.