KolumneAm Ende bleibt Bayer nur ein teurer Vergleich

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Als „Schritt in die richtige Richtung“ hat die Bayer AG die jüngste Entscheidung in einem weiteren Glyphosat-Prozess in den USA bezeichnet. Das ist, um es mit aller Vorsicht zu sagen, eine merkwürdige Sicht der Dinge. Was ist geschehen? Die US-Richterin Winifred Smith senkt die Strafe für den deutschen Konzern im Fall des an Krebs erkrankten Ehepaars Pilliod von rund 2 Mrd. Dollar auf 86,7 Mio. Dollar. Auf den ersten Blick wirkt das tatsächlich wie ein halber Sieg für Bayer. Ist es aber keineswegs.

Um das zu begreifen, muss man etwas tiefer in die komplizierte Rechtsmaterie in USA einsteigen. Es ging bei der Summe von 2 Mrd. Dollar nicht um den eigentlichen Schadenersatz für die beiden Kläger, sondern um eine zusätzliche Strafe für das Fehlverhalten des Monsanto-Konzerns in der Vergangenheit. Die Jury in Kalifornien wollte mit der gewaltigen Höhe dieser Strafe ein Zeichen setzen – sehr wohl wissend, dass die Berufsrichterin anschließend eine deutlich niedrigere Zahlung verhängen musste. Anders als in anderen US-Staaten, wo jeder Einzelfall auch einzeln zählt, ist die Höhe der sogenannten „punitive damages“ in Kalifornien gesetzlich gedeckelt. Die Versicherungen hatten jahrzehntelang für eine derartige Regelung gekämpft und sie schließlich durchgesetzt. Am Ende zählt in dem jüngsten Fall in Kalifornien nur eines: Die Richterin Smith sah keinen Grund, auf eine Strafzahlung zu verzichten. Oder anders gesagt: Sie unterstellt Monsanto ausdrücklich ein grob schuldhaftes Verhalten im Umgang mit den Krebsrisiken von Glyphosat.

Eine kleine Musterrechnung macht deutlich, dass auch die Höhe der Strafe keineswegs für Erleichterung in der Bayer-Chefzentrale sorgen sollte. Die Zahl der einschlägigen Klagen dürfte inzwischen, sehr vorsichtig gerechnet, auf über 15.000 angestiegen sein. Setzt man nach dem kalifornischen Urteil 40 Mio. Dollar pro Einzelfall an und geht man davon aus, dass nur ein Drittel der Kläger tatsächlich vor Gericht gewinnt, wäre man bei der astronomischen Strafsumme von 200 Mrd. Dollar.

Bayer muss einen Vergleich ansteuern

Nun wird es am Ende bei weitem nicht um solche Zahlen gehen, die Bayer niemals verkraften könnte. Amerikanische Gerichte setzen „punitive damages“ auf keinen Fall so hoch an, dass sie die Existenz eines Unternehmens gefährden. Und auch die Klägeranwälte haben eigentlich gar kein Interesse an diesen Strafzahlungen, die in die Staatskasse wandern und bei der Errechnung ihres Erfolgshonorars nicht zählen. Ihnen geht es nur darum, mit den ersten „teuren“ Urteilen einen Vergleich für alle anderen Klienten zu erzwingen.

Für Bayer könnte früher, als viele bisher meinen, die Stunde der Wahrheit kommen. Der Konzern muss aus eigenem Interesse einen Vergleich ansteuern – also ein Ende mit Schrecken. Denn ein Schrecken ohne Ende – also weitere Hunderte Prozesse – ist keine Option. Die fortlaufende Serie von juristischen Auseinandersetzungen kostet nicht nur selbst sehr viel Geld; sie lenkt das Management des Konzerns auch von seinen wichtigsten Aufgaben ab: Endlich eine neue überzeugende Strategie für die Ära nach Glyphosat zu entwickeln und auch schnell umzusetzen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.