UhrenLuft nach oben

Breitling steht wie keine andere Marke für Fliegeruhren. Der neue Chef will weg von dem Image. Das Kunstflugteam aber soll bleiben.
Breitling steht wie keine andere Marke für Fliegeruhren. Der neue Chef will weg von dem Image. Das Kunstflugteam aber soll bleiben.Getty Images

Napoleon ordert ein Kännchen roten Tee. Es ist nicht das erste, das er an diesem Tag in der holzvertäfelten Jagdstube bei Feinkost Käfer in München trinkt. Er muss fit bleiben. Für die Gala am Abend und mehr noch für seine Mission. Und die lautet: Erobere die Welt! „Napoleon“ ist der Spitzname von Georges Kern. So nennen ihn seine Mitarbeiter, wenn er aufbrausend ist. Oder ruppig.

Georges Kern will Breitling auf das "nächste Level" heben. Die Roadshow "Legendary Future" führte ihn um die ganze Welt.
Georges Kern will Breitling auf das „nächste Level“ heben. Die Roadshow „Legendary Future“ führte ihn um die ganze Welt.

Doch dazu hat Kern derzeit kaum Anlass. Er wirkt zufrieden, bloß etwas müde. Kein Wunder, reist er doch gerade um die Welt, um das „neue alte Breitling“ vorzustellen. Sein Breitling. Seit Juli 2017 ist Kern Chef und Teilhaber der Uhren­ikone aus Grenchen in der Schweiz. Zuvor war er jahrelang beim Luxuskonzern Richemont, der ihn erst Monate vor seinem Wechsel zu einem der mächtigsten Manager der Branche gemacht hatte. Kerns Wechsel und neuer Job bei Breitling war 2017 darum ein Paukenschlag.

Singapur, Hongkong, Zürich, jetzt München, morgen New York. „Das ist zwar sehr anstrengend“, sagt Kern. „Aber ich habe in den letzten zehn Jahren selten einen so effizienten Prozess erlebt. Das Interesse an Breitling ist sehr groß.“ Kern redet ruhig, gelassen, aber voller Begeisterung. Er scheint seine neue Freiheit zu genießen. „Breitling ist für mich vergleichbar mit einem Start-up“, sagt Kern. Obwohl es sich um ein etabliertes Unternehmen handele. Hin und wieder lacht er hell auf, seine blauen Augen strahlen Ton in Ton mit Anzug und Krawatte, der Zweitagebart ist akkurat gestutzt. Natürlich, sagt er, wollten einige jetzt auch einfach diesen Typen kennenlernen, der die Marke aufs nächste Level heben will. Er meint sich.

Der Coup des Jahres

Es war ein doppelter Knall in der ­Uhrenbranche. Der britische Finanz­investor CVC Capital kaufte Ende April 2017 Breitling, eine der letzten Schweizer Uhrenmanufakturen in Familienbesitz. In Fachforen machten Fans der Marke ihrem Ärger Luft: „Der Senior würde sich im Grab umdrehen!“, „Tradition zählt auch nichts mehr“ und Ähnliches schrieben sie. Der zweite Knall folgte im Sommer, noch lauter als der erste: Das war Georges Kerns Wechsel von Richemont zu Breitling. Urplötzlich.

„Die Branche hat sehr gestaunt“, sagt Pierre-André Schmitt, Chefredakteur des Schweizer Uhrenmagazins „Watch Around“. Der Einstieg eines Private-Equity-Unternehmens sei zwar als ein positives Zeichen bewertet worden. „Ganz nach dem Motto: Dann kann man mit Uhren wohl noch gutes Geld verdienen.“ Richemont habe aber mit Kern einen erfolgreichen Manager verloren, auf den man zählte, um die Uhrensparte neu aufzugleisen. „Kern kennt den Markt wie nur wenige. Er hatte Einblick in alle Uhrenmarken der Richemont-Gruppe, er kennt sie bis zur letzten Schraube.“

Richemont hatte seinem langjährigen Manager gerade erst den roten Teppich ausgerollt. Als Head of Watchmaking war Kern der Überboss von Marken wie A. Lange & Söhne, Cartier, Jaeger-LeCoultre, Panerai, Piaget und Vacheron Constantin. All das gibt er auf. Warum?

Ikone der Fliegeruhren

Breitling ist Tradition. Und Testosteron. Kaum eine andere Uhrenmarke ist maskuliner. Das 1884 gegründete Unternehmen gilt als Ikone der Fliegeruhren. Willy Breitling, der Enkel des Firmengründers, konzipierte in den 30er-Jahren ein „Armaturenbrett für das Handgelenk“, einen Chronografen mit Rechenschieberlünette für die Navigation. Zu den Kunden zählten die Royal Air Force und die US-amerikanische Luftwaffe. 1952 entwickelte Breitling die Fliegeruhr „Navitimer“. Sie wurde zum Prototyp der Pilotenuhren und Breitlings Aushängeschild.