Uhren Breitling Navitimer: Ein Klassiker hebt ab

„Wir sind eine fröhliche Marke“, sagt Breitling-Chef Georges Kern über die farbenfrohen neuen „Navitimer“-Modelle.
„Wir sind eine fröhliche Marke“, sagt Breitling-Chef Georges Kern über die farbenfrohen neuen „Navitimer“-Modelle.
© Breilting
Zum 70. Geburtstag spendierte Breitling dem berühmten Fliegermodell „Navitimer“ eine respektvolle Generalüberholung. Capital war bei der Enthüllung über Schweizer Wolken dabei 

Wenn der CEO einer weltbekannten Uhrenmarke nach der Landung am Flugzeugausgang in Pilotenuniform kleine Schokotäfelchen verteilt, kann das mehrere Gründe haben. Es gab einen neuerlichen Quarz-Schock und der Auftritt am Exit ist Teil seines neuen Jobs nach der Blitz-Umschulung. Beispielsweise. Er könnte auch aus Versehen in die falsche Folge von „Undercover Boss“ hineingeschnitten worden sein, als versehentlicher Deep Fake. Oder die Passagiere sind Teil eines Spektakels, das Werbeprofis „immersive marketing“ nennen, mittendrin statt nur dabei. So reizvoll die ersten zwei Erklärungen wären, Letzteres war natürlich der Fall, als Breitling-CEO Georges Kern am 29. März ein Körbchen Schweizer Süßigkeiten herumreichte. Nach rund 30 Minuten in der Luft von Zürich nach Genf. Und das alles für eine Uhr, wenn auch eine ganz besondere.

Um wenige Modelle ranken sich so viele Anekdoten, technische Diskussionen und Legenden wie um die „Navitimer“, die Willy Breitling, ein Enkel des Gründers, im Jahr 1952 für die AOPA entwickelte, die Aircraft Owners and Pilots Association. Leicht ablesbar sollte die Uhr sein und gerüstet für die typischen Kalkulations- und Navigationsaufgaben im Verlauf eines Fluges. Ihr stark von Cockpitinstrumenten inspiriertes schwarzes Zifferblatt mit den weiß hervorgehobenen Chronographen–Anzeigen und Rechenschieber-Funktionen erkannte man sofort am Handgelenk. Eine wahre Designikone. 

Die 1952 von Willy Breitling für Piloten entwickelte Urversion der „Navitimer“ kam zwei Jahre später auf den Markt.
Die 1952 von Willy Breitling für Piloten entwickelte Urversion der „Navitimer“ kam zwei Jahre später auf den Markt.
© Breilting

Viele berühmte Träger und eine stetige Weiterentwicklung der Uhr, ihres Werkes und ihrer praktischen Bedienbarkeit haben seither den Ruhm und Respekt gemehrt, der die „Navitimer“ bis heute umgibt. Da wäre beispielsweise ein Modell mit extra breiter Lünette, damit Astronaut Scott Carpenter, der vierte Amerikaner im All, sie mit dem Handschuh seines Raumanzugs bedienen konnte. Auch Formel-1-Piloten wie Jim Clark und Graham Hill trugen in den späten 1960ern eine „Navitimer“, ebenso wie der Jazz-Trompeter Miles Davis, König Hussein von Jordanien, Schauspieler Tony Curtis und Chansonnier Serge Gainsbourg. 

Mit den genauen Spezifikationen des Urmodells wie der unzähligen Varianten, die über sieben Jahrzehnte die Manufaktur verließen – von eingekauften Werken über Quarzversionen mit Digitalanzeige bis zu den ersten Kalibern aus eigener Produktion – könnte man dicke Bücher füllen. Weshalb ein solches nun pünktlich zum Jubeljahr erschienen ist: „Navitimer Story: The Epic Saga of the Breitling Chronograph“. Darin kommen auch Gregory Breitling, der Urenkel des Unternehmensgründers Lèon Breitling, und der Sammler und Experte für die Markengeschichte, Fred S. Mandelbaum, zu Wort. Beide sind seit dem Neustart der Marke nach der Übernahme durch Investor CVC Capital Partners und unter Führung durch Georges Kern, der von IWC dazu stieß, mehr denn je involviert: in die Repräsentation und Sortimentsentwicklung ebenso wie die meinungsstarke Fan-Szene rund um die 1884 in Saint-Imier gegründete Marke.

Bei einer so bewegten Geschichte mutet es fast kühn an, der „Navitimer“ im 70. Lebensjahr eine Design-Überarbeitung zuzumuten, doch genau das haben Kern und sein Team – allen voran Creative Director Sylvain Berneron – gewagt. Und um das Ergebnis zu sehen, pilgerten rund 600 Juweliere, Uhrensammler, Pressevertreter und Influencer in die Halle der Flugsteige B01 bis B10 am Zürcher Flughafen. Nach einer Ansprache von Kern, der sichtlich bewegt seine Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung bekundete, die gerade ganz andere Sorgen als neue Chronografen habe – „We call for peace!“ – ging es in drei A321-Maschinen des langjährigen Partners Swiss auf eine Höhe von 4500 Metern. Und dort wurde sie dann auf Bordtrolleys zur Begutachtung und für „wrist selfies“ auf Instagram herumgereicht, die neue „Navitimer“-Kollektion mit je zwei Versionen im Durchmesser 41, 43 und 46 Millimeter. „Wir sind eine fröhliche Marke“, verkündete Kern über den Bordfunk aus dem Cockpit, was einige der Zifferblattdesigns bezeugten: in Mittelblau, Roségold und Minzgrün. Man setze gern Farben ein, „wenn es die richtigen sind“, ergänzte Kern. 

Die überarbeitete neue Version der „Navitimer“ von Breitling bietet klassische und modische Designs im Durchmesser 41, 43 und 46 mm.
Die überarbeitete neue Version der „Navitimer“ von Breitling bietet klassische und modische Designs im Durchmesser 41, 43 und 46 mm.
© Breitling

Neben vielen behutsamen Veränderungen im Detail dürfte vor allem das AOPA-Logo über dem Breitling-Schriftzug auffallen, mit dem die moderne „Navitimer“ ihrer Vergangenheit Tribut zollt. Deren Erscheinung wirkt nun kompakter als beim Original und die Kombination aus gebürsteten Metallelementen und hochglänzenden moderner. Dank eines etwas zierlicheren Rotors ist das Manufakturwerk B01 mit 70 Stunden Gangreserve und COSC-Zertifikat zudem besser durch den Saphirglasboden zu erkennen. Und das Datum ist ins Hilfszifferblatt bei 6 Uhr gewandert. Aber sonst: Alles so wie beim berühmten Vorgänger.

Wie auch bei den vorherigen Überarbeitungen der Linien „Chronomat“ und „Premier“ gingen Sylvain Berneron, Kern und historische Berater wie Fred Mandelbaum oder Gregory Breitling mit Bedacht an die Frischzellenkur der „Navitimer“. Man habe, so Berneron bei einer Gesprächsrunde im Anschluss an die Landung in Genf, den Kultcharakter der Legende auf keinen Fall beschädigen wollen. „Und ich könnte Ihnen so einige Marken nennen, die ihre ikonischen Modelle durch einen Relaunch verhunzt haben“, fügte Kern hinzu. Den Reaktionen des Publikums zu Lande und in der Luft nach zu urteilen, ist das Kunststück eines Liftings ohne Entstellung fulminant geglückt. 

Auch die Wahl der Botschafter, die nun in die Fußstapfen berühmter Träger von früher treten, wirkt stimmig: die Ausnahmetänzerin Misty Copeland, erste schwarze Primaballerina des American Ballet Theatre, und NBA-Star Giannis Antetokounmpo von den Milwaukee Bucks. Der einst, daran erinnert Kern beim Panel Talk, als Flüchtling aus Nigeria in Griechenland ankam und sich zuweilen „vom Müll auf der Straße ernähren musste“. Zwei Persönlichkeiten also, die sich ihr Happy End im Leben hart und gegen alle Widerstände erkämpfen mussten. Gerade in diesen Wochen dreht sich da das Assoziationen-Karussell schneller als einem lieb ist.

Doch wie ist es eigentlich um die Nachhaltigkeit eines solchen Events bestellt, fragten sich einige der Gäste, von denen die meisten am nächsten Tag zur Uhrenmesse Watches & Wonders im nahen Palexpo-Gelände weiterfuhren. Die Maschinen der Swiss, erläuterte Kern, der seit fünf Jahren die Geschicke von Breitling lenkt, seien mit Treibstoffen betankt, dessen CO₂-Ausstoß im Vergleich zu herkömmlichem Kerosin rund 80 Prozent niedriger sei. Den verbleibenden „carbon footprint“ würde man finanziell kompensieren. Apropos: Neben neuen Materialien wie Econyl für Armbänder und die radikal verschlankten Verpackungen der Uhren setze man beim Stichwort „Sustainability“ vor allem auf die Transparenz der Blockchain bei den Lieferketten. Nur müssten dort eben alle beteiligten Zulieferer und Partner mitmachen, was zum Teil noch etwas dauern würde.

Zum Abschluss gab sich Georges Kern dann bei Fragen zur Zukunft mechanischer Zeitmesser in einer zunehmend digitalen Welt äußerst zuversichtlich. „Ich glaube, dass analoge Uhren regelrecht boomen werden. Allein schon als Gegentrend zu Metaverse, NFTs und diesem ganzen Mist. Wir sind keine Roboter, wir wollen Dinge anfassen, sie uns umbinden können. Gerade in einer als eher unsicher empfundenen Situation wie dieser, mit Pandemie und Krieg und Inflation.“

Mit dieser Einschätzung könnte er zumindest kurz- bis mittelfristig richtig liegen. Dem Vernehmen nach sollen die Vertreter von Wempe, Rüschenbeck und anderen wichtigen Juwelieren signifikante Orderaufträge für die neue „Navitimer“ abgegeben haben. Da könnte man glatt noch mal abheben …


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