Uhren„Diese Krise zeigt, wer wirklich ein Teamplayer ist“

Julien TornarePR

Dass nach einer ausschweifenden (Jubiläums-)Feier am nächsten Morgen ein fieser Kater wartet, ist nicht außergewöhnlich. Darauf hatte man sich beim letzten Glas des Abends bereits innerlich eingestellt. Anders liegt der Fall, wenn der schmerzende Kopf nicht dem Alkohol, sondern einer weltweiten Wirtschaftskrise geschuldet ist, verursacht durch einen unsichtbaren Krankheitserreger. Mit Aspirin und einer Bloody Mary kommt man da als CEO nicht weit.

So ungefähr muss man sich vorstellen, was Julien Tornare, Chef der zum LVMH-Konzern gehörenden Uhrenmarke Zenith, im Januar erlebte. Nach einem erfolgreichen Jubeljahr, in dem das legendäre Uhrwerk „El Primero“ weltweit für fünf Dekaden höchste Präzision geehrt wurde, stimmten die Zahlen und so sollte es bitteschön auch weitergehen. Was dann geschah, erzählt Tornare, der 2017 von Vacheron Constantin an die Spitze von Zenith wechselte, im Interview mit Capital.

Wie ist gerade die Lage in Ihrem Unternehmen – von der Stimmung bis zum Umsatz?

JULIEN TORNARE: Anfang Januar freuten wir uns so richtig auf dieses Jahr. Wir konnten 2019 mit einem zweistelligen Umsatzplus abschließen, nicht zuletzt, weil unser legendäres Werk „El Primero“ seinen 50. Geburtstag feierte, und auch mit der schrittweisen Neupositionierung der Marke Zenith kamen wir gut voran. Aus dieser Position wollten wir Vollgas geben, doch dann mehrten sich Tag für Tag die Zeichen, dass der Ausbruch des Covid-19-Virus wohl keine temporäre und lokal begrenzte Situation sein würde. Und von Februar bis März brach der asiatische Markt dann auch prompt ein. Im April ging es in China zwar wieder bergauf, dafür war inzwischen Europa ein Komplettausfall. Und kurz nachdem ich noch Mitte März in New York gemeinsam mit Landrover eine Uhrenneuheit vorgestellt hatte, kamen auch die USA zum Erliegen. Wir sprechen da je nach Markt von bis zu 80 Prozent Umsatzrückgang!

Die guten Nachrichten: Die Geschäfte in China sind nahezu vollständig wieder geöffnet, und wir haben die Zeit genutzt, unsere E-Commerce-Aktivitäten zu beschleunigen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wie stark uns die Corona-Krise im Plan zurückwirft, dafür ist es noch zu früh. Branchenweit kann das aber in meiner groben Schätzung durchaus 30 oder 40 Prozent Minus bedeuten. Besondere Sorge macht mir Hongkong, denn dort gab es durch die Studenten-Unruhen bereits eine „strukturelle Schwäche“ und mit neuen Covid-19-Fällen nach der Öffnung schwindet das Vertrauen der dortigen Kunden.

Welche Krise ist mit dieser vergleichbar?

Da fällt mir aus meinen bisher 23 Jahren in der Branche wirklich nichts ein. Ökonomische Dellen, politische Spannungen und auch Finanzkrisen waren meist eher lokaler Natur und haben nie die ganze Welt gleichermaßen getroffen. Selbst die Quarzkrise der späten 1970er-Jahre war „nur“ für die Uhrenbranche eine Katastrophe, doch jetzt sind fast alle Geschäftszweige in Schwierigkeiten. Insofern würde ich das momentane Geschehen in seiner wirtschaftlichen Auswirkung schon mit den zwei Weltkriegen des vorherigen Jahrhunderts und der Spanischen Grippe vergleichen.

Wann war Ihre Manufaktur zum letzten Mal für länger geschlossen?

Oh, da müsste ich einen unserer Historiker und Archivare fragen. Vermutlich auch zu Kriegszeiten, wobei ich mir da gar nicht so sicher bin. Ansonsten ist unsere Manufaktur nur während der zweiwöchigen Weihnachtsferien geschlossen.

Wie halten Sie den Kontakt zu Partnern, Kunden und Fans während des Hausarrests?

Ich kommuniziere über alle möglichen Kanälen: per E-Mail, auf dem Smartphone, über Linkedin und auf den gängigen Social-Media-Plattformen. Mit Kollegen, klar, aber auch sehr oft mit Juwelieren, Privatkunden und Fans von Zenith. Ich beantworte alles persönlich und so schnell es geht, was sich kürzlich direkt auszahlte, als ein Kunde in China eine Uhr gekauft hat, weil ihm der Austausch mit mir über Instagram so imponierte. Außerdem kriege ich viele Ideen mitgeteilt, Vorschläge für neue Modelle und anderes – direktes Feedback, das keine andere CRM-Maßnahme einholen kann.

Wie hat Sie ein Mentor auf Phasen wie diese vorbereitet, für welchen seiner Ratschläge sind Sie gerade jetzt besonders dankbar?

Mein früherer Chef bei Vacheron Constantin, Marc Guten, hat mir einmal gesagt, dass mein Optimismus, meine Dynamik und nimmermüde Energie mir in Zeiten des Booms sehr helfen würden. Mehr noch aber, meinte er, wenn es mal nicht so läuft, in einer Krise. Und auch an einen Rat von Jean-Claude Biver, Chef der LVMH-Uhrensparte, der mich 2017 zu Zenith holte, erinnere ich mich gut. Er hörte sich meine ganzen Analysen und Pläne an, alles, was ich so rasch wie möglich umsetzen wollte, und sagte dann: „Du hast viel vor, aber das wird seine Zeit brauchen. Bleib geduldig und denke in langfristigen Szenarien.“ Das hilft mir gerade jetzt, um mich in der aktuellen Lage nicht vom allgemeinen Aktionismus anstecken und zu Entscheidungen verleiten zu lassen, die Zenith später schaden könnten.

Was war die für Sie persönlich härteste Entscheidung, die Sie treffen mussten?

Für mich ist die Verschiebung einer besonderen Neuheit ins nächste Jahr besonders enttäuschend, auf die ich mit den Kollegen gut zwei Jahre hingearbeitet habe. Jetzt erlebt sie erst 2021 ihre Premiere …

Was ist gerade Ihr Lichtstreifen am Horizont, auf welches Datum warten Sie sehnlichst?

Die (Wieder-)Eröffnung unserer Manufaktur. Ich hoffe, dass wir vielleicht ab Mitte Mai langsam wieder auf eine normale Belegschaftsstärke kommen. Masken für sechs Monate habe ich jedenfalls schon gekauft, zwei pro Tag für jeden Mitarbeiter.

Jede Krise ist auch eine Chance zum Feintuning oder für radikale Veränderungen: Was wünschen Sie sich für und was fordern Sie von Ihrer Branche für die Zukunft?

Die Digitalisierung muss weitergehen, da wird gerade aus der Not heraus sehr viel Neues und Kreatives ausprobiert, was ich gut finde. Vom Standpunkt des Managers betrachtet finde ich aber besonders interessant, wie deutlich diese große Krise zeigt, wer wirklich ein Teamplayer ist, wer sich um seine Kollegen sorgt, wer vorausdenkt. Die Belastung durch Angst um die eigene Gesundheit, die der Familie, die Sorge um den Job und der Stress, sich anders organisieren zu müssen – all das führt dazu, dass Menschen ihre wahre Stärke zeigen. Oder auch, wo sie Hilfe und Unterstützung brauchen. Dadurch lerne ich als Chef enorm dazu.

Zudem ist das erzwungene Homeoffice eine wertvolle Erfahrung. Mancher Mitarbeiter wusste schon, wie viel man daheim schafft, wenn man sich selbst organisieren und disziplinieren kann. Aber mich selbst hat definitiv überrascht, wie hart ich seit Beginn der Krise von zu Hause arbeite, oft bis spät in die Nacht. Ein klein wenig mehr Zeit für Frau und Kind wäre nett gewesen, doch davon ist mein Alltag weit entfernt. Ich habe nie zuvor mehr telefoniert, an Videokonferenzen teilgenommen und Interviews geführt. Das ist wie ein frischer Wind für unsere manchmal noch recht konservative Branche. Auch in der Produktentwicklung, wo wir bisher fast immer im gleichen Raum saßen, jeden Prototyp in die Hand nehmen konnten, ist digital und aus der Ferne eine ganze Menge möglich.

Auf welche Neuheit bzw. Variation im Portfolio dürfen wir uns für die zweite Jahreshälfte 2020 besonders freuen?

Was wir im Januar noch auf der LVMH Watch Week in Dubai vorstellen konnten, war unsere Rückkehr in den Bereich Damenuhren, in größerem Maßstab. Insofern freue ich mich auf die Auslieferung dieser Modelle, hoffentlich ab September. Dann haben wir unsere elegante „Elite“-Linie überarbeitet, deren Design vorher nicht jeden Geschmack traf. Und schließlich, wie schon erwähnt, eine Evolution in unserer „Chronomaster“-Kollektion, die ich „dank“ Covid-19 nun erst in 2021 enthüllen kann.