Uhren„Jetzt offenbart sich die Kraft der digitalen Kanäle“

Christoph Grainger-Herr, CEO von IWC SchaffhausenIWC

Es sind keine leichten Zeiten für die Schweizer Uhrenindustrie, die in den letzten Jahren Export- und Umsatzbestmarken gewöhnt war. Die Krise bietet aber auch die Chance, (digitale) Versäumnisse der Boomjahre nachzuholen, das Profil jeder Marke zu schärfen und weiter zu emotionalisieren. In diese Richtung steuert CEO Christoph Grainger-Herr derzeit auch die zum Richemont-Konzern gehörende Uhrenschmiede IWC. Er stieß in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Maßnahmen und Initiativen an, die Mitarbeiter und Kunden motivieren und inspirieren sollen. Capital sprach mit ihm über seine Pläne.


Wie ist gerade die Lage in Ihrem Unternehmen – von der Stimmung bis zum Umsatz?

CHRISTOPH GRAINGER-HERR: In der aktuellen Situation liegt uns natürlich zuallererst die Gesundheit unserer Mitarbeitenden, Kunden und Partner am Herzen. Angesichts dieser immensen globalen Herausforderung vertrauen auch wir bei IWC auf die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen und gemeinsam neue Wege und Lösungen zu finden. Unternehmen und Marken, denen das gelingt, werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Wie halten Sie den Kontakt zu Partnern, Kunden und Fans während des Hausarrests?

Gerade jetzt offenbart sich die Kraft von digitalen Kanälen wie den sozialen Medien, die wir bei IWC seit vielen Jahren erfolgreich nutzen. Diese Plattformen erlauben uns, mit unserer weltweiten „Familie“ in Verbindung zu bleiben. Vor ein paar Wochen haben wir zudem die Initiative „Time well shared“ ins Leben gerufen. In deren Rahmen veröffentlichen wir regelmäßig Beiträge von Markenbotschaftern wie dem amerikanischen Star-Quarterback Tom Brady oder dem dänischen Sternekoch Esben Holmboe Bang. Damit möchten wir die Menschen in dieser Zeit der Unsicherheit und Isolation inspirieren, das Beste aus ihrer Zeit zu machen sowie engagiert und miteinander verbunden zu bleiben. Ein zweites Standbein der Initiative ist Online-Nachhilfeunterricht für Schülerinnen und Schüler jeden Alters. Wir ermutigen unserer Mitarbeitenden dazu, in ihrer Freizeit und auf freiwilliger Basis Online-Nachhilfe in Grundlagenfächern anzubieten.

Welcher Mentor hat Sie auf Phasen wie solche vorbereitet – und für welchen Ratschlag sind Sie gerade jetzt besonders dankbar?

Keine Ausbildung, keine Lebenserfahrung und auch kein Mentor hätte mich auf diese Situation vorbereiten können. Umso wichtiger ist es, dass wir uns jetzt soldarisch zeigen und miteinander agieren. Wir verfügen nicht nur über eine hochmoderne Produktionsstätte, sondern auch über bestens ausgebildete Fachkräfte. Deshalb haben wir anderen Unternehmen unsere Hilfe und Unterstützung angeboten. Vor wenigen Tagen haben wir im Rahmen der Initiative „Workingtogether“ nun eine Partnerschaft mit dem Schweizer Medizintechnik-Unternehmen Brütsch Elektronik aufgegleist. Mitarbeitende von IWC werden die Firma bei der Herstellung von Intubations-Langyroskopen unterstützen. Diese Geräte werden bei der Intubation von Covid-19-Patienten in Intensivstationen auf der ganzen Welt eingesetzt.

Was ist gerade Ihr Lichtstreifen am Horizont, auf welches Datum warten Sie sehnlichst?

Das Datum, auf welches ich sehnlichst gewartet habe, war der Samstag, 25. April. An diesem Tag haben wir unsere neue „Portugieser“-Kollektion vorgestellt. Weil die Uhrenmesse Watches & Wonders in Genf nicht stattfinden konnte, haben wir unsere Neuheiten auf einem digitalen Kanal präsentiert. Die Besucher finden online nicht nur eine Fülle von Informationen, sondern können auch einen virtuellen Rundgang durch unseren Messestand machen oder sich die neuen Modelle dank einer Augmented-Reality-App direkt ans Handgelenk oder auf den eigenen Wohnzimmertisch zaubern. Die Reaktionen auf die digitale Messe waren durchwegs positiv, was mich sehr gefreut hat.

Jede Krise ist auch eine Chance zum Feintuning oder für radikale Veränderungen: Was wünschen Sie sich für und was fordern Sie von Ihrer Branche für die Zukunft?

Bei IWC stellen wir seit über 150 Jahren hochwertige mechanische Uhren her, die Generationen überdauern und ihren Besitzern ein Leben lang Freude machen. Deshalb sollten wir uns noch viel stärker auf Nachhaltigkeitsaspekte konzentrieren. Wir legen beispielsweise Wert auf eine verantwortungsvolle Beschaffung von Rohstoffen wie Gold oder Diamanten. Vor wenigen Tagen wurden wir als erster Schweizer Uhrenhersteller gemäß dem neuen Code of Practices des Responsible Jewellery Councils (RJC) zertifiziert. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt, aber damit sind wir noch längst nicht am Ziel: Meine Vision ist, dass künftig jede einzelne Komponente einer mechanischen Uhr bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgt werden kann!

Auf welche Neuheit/Variation im Portfolio dürfen wir uns für die zweite Jahreshälfte 2020 besonders freuen?

Dazu kann ich Ihnen leider noch keine Details verraten. Aber Sie können sicher sein, dass wir alles tun werden, um unsere Kunden auch im Herbst und Winter mit attraktiven und innovativen Zeitmessern zu begeistern.