Mode„Die Modebranche muss wie die Politik ein Exit-Szenario definieren“

Julius Brinkmann, Bugatti Brinkmann HoldingPR

Das Coronavirus hat die Modebranche und den stationären Einzelhandel jäh ausgebremst. Statt frischer Sommerkollektionen in fröhlichen Farben prangen „Wegen Corona geschlossen“-Schilder in den Schaufenstern der Geschäfte und Boutiquen, allenfalls in Onlineshops wird noch etwas Ware abgesetzt, doch auch im Netz hält sich die Kauflaune aktuell in Grenzen. Und das dürfte sich auf absehbare Zeit kaum ändern, auch nach einem Neustart des öffentlichen Lebens nicht. Das legt zumindest das Update einer Studie von McKinsey und dem Fachmedium Business of Fashion nahe. Ihr Fazit: Zwei Monate Zwangsruhe könnten bis zu 80 Prozent der Textilunternehmen in Europa und den USA in ernste finanzielle Nöte bringen. Auch weil die Online-Verkäufe ebenfalls um bis zu 20 Prozent nachgelassen haben, das Minus im Einzelhandel also kaum auffangen können, und 38 Prozent der Verbraucher ihre Haushaltsausgaben – darunter eben auch Geld für Bekleidung – kürzen wollen.

Capital befragt dazu in loser Folge Modeunternehmen aus Deutschland, wie es Ihnen aktuell ergeht, was sie von der Politik fordern und wie sie in die Zukunft ihrer Branche blicken. Diesmal antwortet Julius Brinkmann, Geschäftsführender Gesellschafter der Bugatti Holding Brinkmann mit Sitz in Herford. Zum Portfolio gehören unter anderen die Marken Bugatti, Eduard Dressler, Wilvorst und Pikeur.

Capital: Ab welchem Tag hörte das Jahr 2020 auf, „normal“ zu verlaufen, nach Plan?

JULIUS BRINKMANN: Das war der 12. März, als unser stärkster Exportmarkt Italien ein Schutzpaket zur Eindämmung des Virus umsetzte, und mit den Bars und Restaurants auch fast alle anderen Geschäfte schließen mussten. Da war uns klar: Die Pandemie hat Europa erreicht, mit voller Wucht!

Was war Ihre erste Maßnahme, um das Schlimmste zu verhindern?

Wir haben eine Corona-Arbeitsgruppe gebildet, eine richtige Task Force auf Basis eines empfohlenen Pandemiekonzeptes. Dieses spezielle Team befasst sich mit Maßnahmen und Regeln, die folgende Zeiele haben: eine Sicherstellung der Gesundheit aller Mitarbeiter, soweit es von uns beeinflussbar ist, und die weitgehende Aufrechterhaltung unseres Geschäftsbetriebes für unsere Kunden und Partner.

Wie stark ist Ihr Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen?

Für den März verzeichnen wir bisher Einbrüche von bis zu 40 Prozent und für den April, wo das Geschäft nahezu still steht, erwarte ich einen vollumfänglichen Umsatzausfall. Nach der Lockerung des Shutdown erwarten wir zudem eine spürbare, länger andauernde Rezession.

Ab wann rechnen Sie mit einer deutlichen Erholung? Was muss dafür passieren?

Das lässt sich in der momentanen Lage sehr schwer vorhersagen; aus unserer Sicht tritt die vermutlich nicht vor 2022 ein. Was wir zwischen Industrie und Handel sowie Produzenten partnerschaftlich und fair lösen müssen, sind drei Kernprobleme: Ware, Liquidität und Rentabilität. Wie die Politik müssen auch wir ein Exit-Szenario inklusive aller nötigen Maßnahmen definieren.

Was fordern Sie aktuell und zukünftig von der Politik?

Ein zentral gesteuertes Krisenmanagement mit deutlich mehr Geschwindigkeit. Der Föderalismus hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt, allerdings zeigt sich, dass die permanente Abstimmung zwischen den Ländern zu deutlichen Reibungsverlusten führt. Wir müssen außerdem den digitalen Wandel in unserem Land durch weitreichende Investitionen noch einmal deutlich beschleunigen. Finanzhilfen werden bereitgestellt, das ist extrem wichtig, nur muss man hier die damit verbundenen Auflagen berücksichtigen. Aktuell deckt die Unterstützung nämlich weite Teil des Mittelstandes nicht ab. Zudem dauert etwa die Beantragung von KfW-Krediten zu lange, die geforderten Garantien der Hausbanken über 20 Prozent der Summe sind zu hoch – und die Rückzahlungsfristen von fünf Jahren sind zu kurz.

Wie muss Ihre Branche reagieren und welche Weichenstellungen sind für die Zukunft überfällig?

Die digitale Transformation wird auch unsere Branche stärker fordern und erheblich beschleunigen. Was mal noch bis zu vier Jahre dauern sollte, wird sich binnen der nächsten ein bis zwei Jahre vollziehen.

Welche kreativen Projekte, Kommunikationsmaßnahmen und Botschaften an Kunden und Partner haben Sie seit Beginn der Krise gestartet/gesendet? Welche hatte den größten Erfolg?

Wir haben beispielsweise unsere Produktion angeglichen: Unserer Firma Wilvorst fertigt in Northeim neben Hochzeitsanzügen inzwischen seit dem 25. März Gesichtsmasken, und zwar 50.000 Stück pro Woche. Auszubildene bei unserer Marke Bugatti nähen ebenfalls Schutzmasken, die wir bereits einigen Physiotherapie-Praxen in Herford und Umgebung zur Verfügung gestellt haben. Außerdem können Besucher unseres Onlineshops und unserer Social-Media-Kanäle gegen Spende für ein Projekt ihrer Wahl solche Maske erhalten. Diese Benefiz-Aktion motiviert unsere Mitarbeiter wie auch treue Kunden von Bugatti gleichermaßen.

Wie gehen Sie persönlich mit den Sorgen, der Unsicherheit, vielleicht auch der zusätzlichen freien Zeit um?

Wir sind innerhalb unserer Familie grundsätzlich Berufs-Optimisten. Und als solche kämpfen wir jeden Tag dafür, die Brinkmann-Unternehmensgruppe so gut wie möglich durch und aus dieser Krise zu führen. Für uns, unsere Mitarbeiter, alle Partner und Kunden gibt es eine gemeinsame „Nach Corona“-Zeit. Das treibt uns an!

Worauf freuen Sie sich am meisten nach Corona?

Meine Liebsten in den Arm zu nehmen, weil ich es (wieder) kann und darf.