InterviewBulgari will Innovationsmotor sein

Jean-Christophe Babin
Jean-Christophe Babin


Jean-Christophe Babin ist seit 2013 CEO der zum Luxuskonzern Moët Hennessy Louis Vuitton gehörenden italienischen Schmuck- und Uhrenmarke Bulgari mit Sitz in Rom. Zuvor stand Babin an der Spitze von TAG Heuer, ebenfalls Teil des LVMH-Portfolios.


Capital: Zunächst ist eine Gratulation angebracht, mit der Octo Finissimo Automatik haben Sie einen Rekord für die flachste Automatikuhr gebrochen. Haben Sie diese Leistung hier in Basel gebührend gefeiert?

Jean-Christophe Babin: Das haben wir, und zwar gleich zweimal. Mit unseren Vertretern in einem Restaurant, wo wir gleich noch auf den Geburtstag eines Mitarbeiters anstoßen konnte. Eine Kollegin ließ sich gleich zu einem tollen Lied für ihn hinreißen. Und dann haben wir tags darauf ein großes Dinner veranstaltet, schließlich sieht man so viele Kollegen im Laufe des übrigen Jahres viel zu selten. Diesen fruchtbaren Austausch in nettem Rahmen nutzen wir hier in Basel gern. Und heute Abend treffen wir etliche Kunden zu einem Get-together. Gut, dass meine Assistentin mittlerweile weiß, dass ich während der Messe morgens einen starken Kaffee mit viel Zucker brauche, um mit einem Energieschub durchstarten zu können.

Wie wichtig ist dieser Rekord, der dritte für Ihre Marke? Zählen solche Höchstleistungen heute so viel wie früher?

Rekorde wie der aktuelle – oder davor der flachste Tourbillon und die flachste Minutenrepitition – sind natürlich vor allem eine Ehrung der Uhrmacher selbst, eine besondere Anerkennung ihrer außergewöhnlichen Expertise durch die Fach-Öffentlichkeit. Das ist neben den Boni, die wir ihnen geben, ein mindestens ebenso großer Motivationsfaktor. Wer möchte nicht von einer Peergroup aufs Podest gehoben werden, ganz gleich in welcher Branche?

Für die Pressearbeit ist ein Weltrekord ebenfalls nicht schlecht, er weckt Neugierde, noch dazu, wenn es keine bizarre, verrückte Bestmarke ist, wie sie das Guiness Book of World Records bevölkern. Für Bulgari ist die Auszeichnung der Octo Finissimo Automatik eine Bestätigung unserer Strategie für die Männeruhren, denen wir eine konkrete Aufgabe in unserem Portfolio geben wollten. Sie sollen Innovationsmotor sein, neue Wege gehen, ihrer Konkurrenz vorauseilen. Bei den Bulgari-Damenuhren war die Sinnsuche deutlich einfacher. Sie ergänzen unseren Schmuck, sind für uns eine Art Geschmeide der Zeitmessung. Die Männeruhren sind derweil stilistisch nicht so ausschweifend wie unsere Schmuckuhren, etwa die neue Serpenti-Linie mit den Wechselbändern und satten Farben. Hier konzentrieren wir uns auf eine edle, schlanke Eleganz, wie sie für die italienische Herrenmode charakteristisch ist. Dieser charmante, smarte Minimalismus zeichnet das gesamte Octo-Finissimo-Projekt aus. Auch die Octo Finissimo Automatik, mit der uns nicht nur ein Rekord gelang, sondern auch der Vorstoß in einen Preisbereich, der überrascht. Statt für ein solches Vorzeigestück jenseits von 100.000 Euro zu verlangen, liegt der Preis bei circa 13.000 Euro. Für einen Weltrekord!

War diese Obergrenze Teil des Rekordversuchs oder eher zufällig?

Nein, unser Ziel war es schon, am Schluss im Bereich zwischen 10.000 und 20.000 Euro zu landen. Warum? Weil wir wissen, dass dieses Segment genau passt und wir it einer Uhr für 160.000 Euro oder mehr wie der Gipfel des Mount Everest agieren, den nur sehr wenige Kunden überhaupt erklimmen können oder wollen. Wir positionieren uns also nach wie vor im absoluten Luxusbereich, haben die besten Uhrmacher im Team, aber wir nutzen dieses Wissen und Kunsthandwerk dazu, auch jenseits der Mondpreise echte Höchstleistungen anzubieten. Allein die Weiterentwicklung vom Handaufzug zur Automatik-Version der Octo Finissimo Automatik brauchte viel Zeit. Jede einzelne Komponente musste für die Werkhöhe von gerade mal 2,23 Millimetern neu gestaltet und noch winziger werden. Viele Teile sind dadurch so stark geschrumpft, dass sie mit bloßem Auge kaum zu sehen sind. Auf kleinstem Raum genügend Schwungmasse unterzubringen – schließlich wollten wir 60 Stunden Gangreserve erreichen – führte zu weiterem Kopfzerbrechen.

Kein Interview über Uhren kommt derzeit ohne eine Frage nach der Sicht des Marktes aus. Auch dieses nicht. Wie blicken Sie auf die Gegenwart und Zukunft der Branche?

Von oben betrachtet sind die Märkte insgesamt seit gut drei Jahren klar rückläufig. Bulgari ist in dieser Zeit gegen den Trend deutlich gewachsen, weil wir breiter aufgestellt sind als mancher Mitbewerber. Wir konnten starke Premieren bei den Damenuhren feiern, beim Schmuck und auch im Bereich der Accessoires und Düfte brauchen wir uns überhaupt nicht zu verstecken. Mit der Serpenti-Linie punkten wir jetzt im wachsenden Segment der Customizing-Produkte, bei denen der Kunde zum Mitgestalter wird. Das Kombinieren der Farben zu insgesamt 212 möglichen Designs ist ein echter Mehrwert und ein neues Kauferlebnis, nimmt man die verschiedenen Armbänder dazu, sind es sogar an die 4000 Optionen. Außerdem ist die Gravur des Namens möglich, so dass die Kundin nicht bloß kauft, sondern mitten im Schöpfungsprozess steht.

Halfen Ihnen eher die Männer- oder die Frauenuhren durch die Krisenjahre?

Ich würde sagen, wir waren in beiden Bereichen sehr umtriebig. Die Octo-Linie haben wir 2012 lanciert, und aus der eigentlich geplanten einen Uhr wurde eine ganze Kollektion mit verschiedenen Größen und Materialien. Es folgte die erste Octo Finissimo, die Octo Roma und mit ihnen weitere Modelle, neue Zielgruppen, verschiedene Preisklassen. Diese Vielfalt und Flexibilität hat uns sehr genützt. Die Lycea-Linie kam 2014 dazu, und auch hier starteten wir mit einem Basissortiment, das 2015 und 2016 ergänzt wurde. Und jetzt geben wir mit der Serpenti ordentlich Gas. So hielten wir alle Linien im Vergleich zu etlichen Konkurrenzmarken sehr up to date, hatten immer etwas Neues zu erzählen ohne unser Sortiment zu überfrachten. Schließlich haben wir zudem durch regelmäßige Markteinführungen mehr Marketing-Ressourcen verfügbar gemacht als andere, die zögerlicher vorgingen. Das hat Bulgari dauerhaft sehr sichtbar gemacht.

Spricht man mit Ausstellern in Basel, dann scheint die Zeit der prägnanten, der eindeutig spürbaren Trends vorbei zu sein, jeder Akteur sucht nach dem persönlichen goldenen Weg. Gleichzeitig sehen sich alle den gleichen Herausforderungen gegenüber. Millennials, Digitalisierung, eine neue Mitte im Preisgefüge … Lassen Sie uns einmal in Ihre strategische Toolbox blicken.

Innovation ist definitiv eine unserer Stärken, wobei es dabei verschiedene Stufen gibt: vom extrem ambitionierten Prototyp bis zur Modifizierung des Zifferblattes einer bestehenden Kollektion. Grundsätzlich versuchen wir uns möglichst oft im oberen Bereich des Spektrums zu bewegen und selten im unteren. Klar, auch bei uns gibt es eher oberflächliche Design-Updates, doch die substanziellere Erneuerung ist uns weitaus wichtiger. Ohne ständig Prototypen zu produzieren, die jeden begeistert, doch leider nie zur Marktreife gebracht werden. Luftschlösser und reichlich sinnloser Aufwand. Und diesen Weg werden wir weitergehen, bei Männer- wie Damenmodellen.