Business as usualWarum wir uns im Hamsterrad wohlfühlen

Raus aus dem Hamsterrad: Aber ist man dann glücklicher?Getty Images

Sandro ist ein asketischer Typ Mitte 30 – sehr ehrgeizig, rational, über die Maße hart zu sich selbst. Als ich ihn das erste Mal traf, sah er aus wie ein Gespenst, mit tiefen Ringen unter den Augen, total erschöpft. Er ist Unternehmensberater und hatte für einen großen Kunden gerade ein internationales Projekt abgewickelt, nach dessen Ende er nun eine kurze Verschnaufpause einlegen konnte. Zu Sandros körperlicher Erschöpfung gesellte sich eine generelle Unzufriedenheit mit dem Beraterleben, die ihn das berufliche Set-up grundsätzlich infrage stellen ließ. Er wollte sich neu orientieren.

Gesagt, getan. Gemeinsam erarbeiteten wir ein Zielbild und überlegten, welchen Beitrag der neue Job dazu leisten könnte. Nichts daran wird Sie wirklich überraschen: Sandro wünschte sich eine Work-Life-Balance, die diesen Namen verdient, dazu wenig bis gar keine Reisetätigkeit, ein junges, dynamisches Umfeld mit inspirierenden Menschen sowie im besten Fall das Gefühl, einen Beitrag zu etwas Sinnvollem zu leisten.

Nach unseren Gesprächen machte er sich voller Tatendrang auf den Weg und redete mit Personalberatern und Unternehmen in ganz Deutschland. Die Angebote ließen nicht lange auf sich warten.

Dann aber kam die große Überraschung. Trotz intensiver Reflexion wählte Sandro am Ende einen Job, der ein exakter Abklatsch seines alten ist. Ein Hochleistungsumfeld aus ehemaligen Beratern, eine Aufgabe, in der das Hamsterrad frei Haus mitgeliefert wird, dazu regelmäßige Interkontinentalflüge – und von der tieferen Sinnhaftigkeit des Ganzen war Sandro auch nicht überzeugt. Unterschrieben hat er trotzdem.

Hamsterrad statt Work-Life-Balance

Wenn Sie jetzt vermuten, dass es am Geld lag, liegen Sie falsch. Gut bezahlt war das Angebot natürlich, aber nicht überdurchschnittlich.

Der Grund für Sandros Entscheidung war ein anderer. Er hatte seine Möglichkeiten mit dem Zielbild abgeglichen – und am Ende eines schwierigen Reflexionsprozesses eine ehrliche Wahl getroffen. Sandro wollte „den Kick, weiter mit den richtig harten Jungs“ zu arbeiten. Er wollte sich beweisen, dass er in dieser Liga mitspielen kann, er wünschte sich Anerkennung von Menschen, zu denen er aufschaut. Inspiration, Work-Life-Balance – all das wurde im Vergleich schnell nebensächlich. Der Wiedereinstieg in die 80-Stunden-Woche war am Ende schlicht gewollt.

Anfangs hat mich Sandros Entscheidung verblüfft – um mir dann aber nur erneut vor Augen zu führen, was insgeheim wohl jeder von uns ahnt: Wir sind alle da, wo wir sind, weil wir genau dort sein wollen. Auch wenn wir uns das nicht immer gern eingestehen.

Manchmal sind es vielleicht unbewusste Bedürfnisse und Beweggründe, die uns in unseren Entscheidungen leiten, manchmal reflektieren wir unsere Motive nicht. Aber am Ende treffen wir doch immer eine bewusste Wahl.

 


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Business as usual