Business as usualDer ermüdende Kampf gegen Windmühlen im Job

Symbolbild Konflikte
Symbolbild KonflikteGetty Images

Jörg ist ein sportlicher, braungebrannter Mittvierziger. Das Start-up, das er vor fünf Jahren gegründet hat, betreibt eine Fitness-Tracking-App. Betritt man die Geschäftsräume, merkt man sofort, dass Jörg in seiner Jugend jahrelang als Animateur in ­einem Club gearbeitet hat – das Team ist offen, hilfsbereit und vor allem sehr gut drauf. Probleme? Gibt es für Jörg nicht. Genau das wurde ­irgendwann zum Problem.

Das Unternehmen hatte knapp 60 Mitarbeiter und stieß mit seinen gewachsenen Strukturen und Abläufen langsam an seine Grenzen. Ein Thema, das Jörg lange mit einem Lachen beiseite wischte. Bis er eine alte Freundin wiedertraf, die genau das beruflich machte: Strukturen und Prozesse aufbauen. Spontan bot er ihr einen Job an.

Die neue Capital

Alex ist ähnlich sportlich, aber ein paar Jahre jünger und deutlich systematischer als Jörg. Sie nahm den Job ohne große Bedenken an. Ihrer Erfahrung nach sind Teams meist froh, wenn jemand Abläufe verbessert. Doch diesmal kam es anders.

Es fing damit an, dass Alex sich das Organigramm des Start-ups anschauen wollte – und feststellte, dass es gar keins gab. Als sie sich die Betriebsstruktur Stück für Stück zusammenpuzzelte, begegneten ihr erstaunlich viele Team- und Abteilungsleiter, deren schillernde Titel kein erkennbares System ergaben. Ähnlich sah es bei den Gehältern aus. Jörg hatte zu allen Wünschen einfach immer Ja gesagt, Hauptsache, die Person passte ins Team und brachte Energie und gute Laune mit.

Alex versuchte, klare Strukturen, vereinheitlichte Titel, ausgewogene Gehälter und nachvollzieh­bare Entscheidungswege einzuführen. Doch entgegen ihren vorherigen Erfahrungen hatte niemand Lust auf Veränderungen. Egal wie viele Abstimmungsschleifen sie drehte, egal wie sehr sie alle mitnahm, unter der Oberfläche blieb alles beim Alten. Alex hatte die Stärke der Unternehmenskultur unterschätzt, die sich unter Jörgs Führung etabliert hatte. Wer braucht Strukturen und Prozesse, wenn der Gründer mit einem kurzen „Okay“ im Vorbeigehen scheinbar alle Probleme löst?

Es dauerte kein Jahr, dann ertrug Alex sich selbst nicht mehr. Sie wurde immer rechthaberischer. Mit Jörg stritt sie nur noch. Bis zu jenem erlösenden, aber viel zu späten Gespräch, bei dem sich beide auf eine faire Trennung einigten.

Im Rückblick sagt Alex, sie habe „einfach kein Gewicht auf die Waage gebracht“, um wirklich ­etwas zu verändern. Heute sei sie froh, dass sie ihrem eigenen Ehrgeiz zum Trotz die Reißleine gezogen habe. Sonst wäre sie wohl noch lange ­gegen Windmühlen angerannt. Und manchmal ist es klüger, einen Schritt zurückzutreten und zu überlegen, welche Kämpfe man führen will und welche nicht. Denn wenn es nicht passt, passt es einfach nicht.

 


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Business as usual