Business as usualWarum Manager auf ihr Bauchgefühl hören sollten

Ein Mann schaut nachdenklich aus einem Fenster
Manager sollten ihrer Intuition vertrauenGetty Images

Sven-Peter ist ein ruhiger und besonnener Mittvierziger, der schon vor 15 Jahren ein produzierendes mittelständisches Unternehmen von seinem Vater übernommen hat. Seitdem führt er es Schritt für Schritt ins digitale Zeitalter und hat insbesondere seinen engsten Führungskreis weiterentwickelt. Allen voran seinen ähnlich erfahrenen Vertriebsleiter Jochen, mit dem er gut, gern und vertrauensvoll zusammenarbeitet.

Als wir uns im Sommer trafen, erzählte er mir, dass er seit ein paar Wochen ein merkwürdiges Gefühl mit eben diesem habe, das er aber überhaupt nicht greifen könne. Jochen sei auf der einen Seite deutlich energetischer und aktiver, aber irgendwie auch fordernder, fast aggressiver im Umgang, was er so gar nicht von ihm kenne. Er wolle zunächst weiter beobachten.

Gutes Ergebnis, komisches Gefühl

Auf der Umsatzseite dagegen gab es überhaupt keinen Grund zur Besorgnis. Die Vertriebszahlen wurden von Monat zu Monat besser. Das komische Gefühl jedoch blieb. Dazu kam, dass sich die Stimmung in der Vertriebsmannschaft veränderte und irgendwie gedrückter wurde, was so gar nicht zu den guten Ergebnissen passte. Als er seinen Vertriebschef in einer ruhigen Minute darauf ansprach, ließ der ihn ungewohnt kalt abblitzen: Er solle sich doch über das gute Ergebnis freuen und ihn seinen Job machen lassen.

Spätestens ab da war Sven-Peter wirklich alarmiert. Und setzte nun die Hinweise zusammen, die sich wie bei einem Krimi Schritt für Schritt verdichteten: Da waren verfrühte Anreisen zu Veranstaltungen, obwohl Jochen doch eigentlich gern bei seiner Familie war. Oder zwei Kurzurlaube außerhalb der Schulferien. Dann der entscheidende Hinweis der Buchhalterin, dass die Reiserouten des Vertriebschefs und seiner Außendienstleiterin sich immer auffälliger ähnelten.

Ahnungen nicht ignorieren

Darauf angesprochen, eskalierte das Gespräch zwischen Sven-Peter und Jochen so schnell und unverhältnismäßig, dass sie bereits wenige Tage später eine Aufhebungsvereinbarung unterzeichneten. Ein echter Schlag für beide. Was Sven-Peter an der Situation jedoch am meisten mitnahm, war all das, was im Nachgang an die Oberfläche kam: Als das Verhältnis im Vertriebsteam bekannt wurde, hatte Jochen einzelnen Mitarbeitern auf sehr unangenehme Weise gedroht, damit sie dichthielten. Darüber hinaus hatte er versucht, das Team mit dem Ausblick auf ein sehr gutes Vertriebsergebnis und entsprechende Boni ruhigzustellen.

Sven-Peter ärgerte sich lange, seinem Gefühl nicht viel stärker nachgegangen zu sein. Und sich stattdessen mit den guten Zahlen beruhigt zu haben, obwohl er tief in sich wusste, dass etwas faul war. Eine Lehre, die sich leicht auf jede andere Situation übertragen lässt: Wenn das Bauchgefühl Alarm schlägt – dann sollte man es nicht ignorieren.


Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Business as usual