Gastbeitrag Wie Macht sexueller Belästigung Vorschub leistet

Der Fahrdienst Uber musste sich massive Kritik wegen sexueller Belästigungen von Frauen stellen
Der Fahrdienst Uber musste sich massive Kritik wegen sexueller Belästigungen von Frauen stellen
© Getty Images
Mit Schlagzeilen über Sexismus und sexuellen Belästigungen machten Unternehmen wie Uber und Google Schlagzeilen. Nur ein Problem der IT-Branche? Für IMD-Professorin Jennifer Jordan greift das viel zu kurz.

Sie gehören in der IT-Branche mittlerweile zur Tagesordnung: schlechte Nachrichten über sexuelle Belästigungen, Sexismus und generell schlechte Arbeitsatmosphäre für Frauen . Beispiele dafür gibt es nicht nur bei Uber, sondern auch bei zahlreichen Wagniskapitalgebern der Branche. Jüngstes Beispiel: Google, mit Geschichten über schlüpfrige Bemerkungen, nicht ernst genommene Vorschläge und sexuelle Annäherungsversuche.

Als Professorin am IMD und als Beraterin arbeite ich mit vielen weiblichen Führungskräften zusammen. Ich bin der Auffassung, dass solche Vorfälle nicht nur in der IT-Branche vorkommen. Gerade Frauen aus der Finanzbranche oder aus großen Konzernen berichten von ähnlichen Erfahrungen. Dabei glaube ich: Das ist keine spezielle Frage, wie Männer mit Frauen umgehen. Auf Grundlage meiner Forschungsarbeit komme ich zu dem Schluss: Bei dem Phänomen geht es darum, wie Menschen mit Macht auf Menschen mit weniger Macht reagieren.

Ich habe mich in meiner Karriere intensiv damit beschäftigt, wie Macht das menschliche Verhalten beeinflusst. Dabei hat sich gezeigt, dass Macht Menschen dazu bringt, sich unbezwingbar zu fühlen, größere Risiken auf sich zu nehmen oder Risiken komplett zu negieren, und die Perspektive anderer außer Acht zu lassen. In einer Untersuchung bei 1500 Personen hat sich gezeigt, dass Menschen mit Macht eher zu sexuelle Zweit-Beziehungen neigen. Und zwar nicht, weil sie gewöhnlich aufgrund von Geschäftsreisen öfter von ihrem Partner getrennt waren, sondern weil sie sich selbst für das andere Geschlecht als besonders begehrenswert einordneten.

Interessant dabei: Die Studie fand nicht heraus, dass es dabei irgendeinen Unterschied nach dem Geschlecht gab. Sowohl Frauen in Machtpositionen als auch Männer in Machtpositionen schienen diese Überzeugung zu haben; verschieden war allerdings, dass absolut gesehen Männer sehr viel häufiger in einflussreichen Positionen zu finden sind.

Sexuelle Belästigung kein rein männliches Problem

Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Untreue und sexueller Belästigung. Untreue findet einvernehmlich zwischen zwei erwachsenen Menschen statt; bei sexueller Belästigung macht üblicherweise ein(e) Einzelne(r) unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche. Wenn bei Untreue das Verhalten von Frauen und Männern ähnlich sein mag, ist dies meiner Erfahrung nach bei sexueller Belästigung ganz anders. Warum?

Im Geschäftsleben und darüber hinaus haben sich bestimmte Normen etabliert. Diese Normen werden vor allem von denjenigen beeinflusst, die in den Machtpositionen sind. Da es sich dabei weiterhin vor allem um Männer handelt, ist es gesellschaftlich kaum akzeptabel, dass Frauen gegenüber Männern unerwünschte Annäherungsversuche machen. Umgekehrt jedoch schon! Dieses unglückliche Rollenspiel muss dringend öffentlich diskutiert werden!

Es gibt eine Reihe von Opfern dieser gesellschaftlichen „Norm“: Zunächst die Frauen, die zur Zielscheibe der schlüpfrigen Bemerkungen werden! Aber auch Männer, die sich nicht an diesem Rollenspiel beteiligen, stehen „dumm“ da. Ich habe mit einigen männlichen Führungskräften gesprochen, die von Problemen berichten, talentierte junge Frauen genauso zu behandeln wie ihre männlichen Kollegen. Warum? Einladungen auf einen Drink oder zu Meetings mit ausgesuchten Geschäftspartnern werden schnell als unerwünschter Annäherungsversuch falsch verstanden.

Führungskräfte müssen klare Normen setzen

Es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem. Zumindest, so lange die Geschlechter auf den oberen Führungsebenen so ungleich vertreten sind. Um etwas zu verändern, muss deutlich werden, dass alle, die solche Verhaltensweisen an den Tag legen, mit ihrem Job, ihrem Ruf und ihrer finanziellen Sicherheit spielen. Dafür müssen Frauen, die mit sexueller Belästigung konfrontiert werden, lernen, darüber zu reden. Das ist abhängig von der Unternehmenskultur gar nicht so einfach. So gab es bei Uber eine Hotline, an die sich Frauen bei sexueller Belästigung wenden konnten. Aber trotz vieler Meldungen an diese Hotline wurde nichts getan, um etwas zu ändern! Stattdessen fühlten sich die Frauen, die den Mut hatten, sich an die Hotline zu wenden, innerhalb des Unternehmens plötzlich kompromittiert.

Deshalb wird sich nur etwas ändern, wenn die Führungskräfte an der Spitze des Unternehmens klare Normen setzen, die sexuelle Belästigung in keiner Form tolerieren, deutlich bestrafen und Frauen unabdingbar auf Augenhöhe behandeln. Ein gutes Beispiel dafür: Reid Hoffmann, der Gründer von LinkedIn. Er ärgerte sich derart über die Vorkommnisse bei Uber, dass er andere Unternehmensführer aus der Branche dazu brachte eine Ethik-Vereinbarung zu unterschreiben, die Normen dafür formuliert, wie Menschen – unabhängig vom Geschlecht – mit denjenigen umgehen, die weniger Macht als sie selbst haben.

Jennifer Jordan
Jennifer Jordan
© IMD

Jennifer Jordanist Professorin für Leadership and Organizational Behaviour an der IMD Business School in Lausanne. Jordan ist Psychologin und hat ihren Abschlüsse an der Yale University erworben. Im Rahmen ihrer Laufbahn arbeitete sie u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Schwerpunktfelder liegen in der Forschung rund die Identifikation von Lüge und Wahrheit sowie in der Konfliktlösung.



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