Business as usualWie in Krisen Menschen über sich hinauswachsen

Manche Menschen zeigen in einer Krise erst ihr wahres Können dpa

Marianne ist Mitte fünfzig, eine kleine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, mit wachen Augen und einem scharfen Verstand. Seit vielen Jahren ist sie Personalleiterin bei einem inhabergeführten Mittelständler, der Werkzeuge produziert. Das wäre sie wohl auch geblieben, wäre alles nach Plan gelaufen. Ihr Chef hatte vor, noch ein paar Jahre weiterzumachen, bevor er das Ruder an seinen Sohn übergeben und sich in den Ruhestand verabschieden wollte.

Dann kam alles, wie es nicht kommen sollte. Der Chef erlitt einen schweren Schlaganfall. Ob und wie er weiterarbeiten könnte, wagte niemand vorauszusagen. Die Ungewissheit war belastend für seine Familie, aber auch für seine Mitarbeiter.

Die neue Capital
Die neue Capital

Als Personalerin verbreitete Marianne in jener Zeit Zuversicht, so gut es ging. Und nahm dabei, ohne es geplant zu haben, allmählich das Ruder in die Hand. Sie war es, die in den ersten Wochen der Ungewissheit Entscheidungen traf, die getroffen werden mussten.

Und so entschied sich, als absehbar wurde, dass der Chef nicht mehr in der Lage sein würde, das Unternehmen zu führen, die Familie gegen den Einsatz eines fremden Geschäftsführers. Stattdessen sollte zunächst einmal Marianne die Unternehmensleitung übernehmen.

Doch was in der Not des Augenblicks so gut funktioniert hatte, nutzte sich im Alltag schnell ab. Marianne wurde klar, dass sie das Unternehmen zwar verwalten, aber keineswegs zukunftsfähig machen konnte. Es dauerte nicht lange, bis Selbstzweifel zu ihren ständigen Begleitern wurden. Erst als sie schon kurz vor dem Aufgeben stand, kam ihr die entscheidende Idee.

Mit unbedingtem Willen aus der Krise

Sie stellte ein Team aus jungen Nachwuchskräften zusammen, in das sie auch den studierenden Sohn des abwesenden Inhabers einband. Der Arbeitsauftrag: Maßnahmen zur schrittweisen Modernisierung erarbeiten. Es war eine Entscheidung, die das Unternehmen in den folgenden Monaten langsam, aber von Grund auf verändern sollte.

Anfangs waren die Reformen klein. Ein internes WLAN wurde eingeführt, ein moderneres Recruiting-Tool, ein neuer Vertriebskanal, Onlinemarketing. Die Entscheidungen trafen die vereinte Geschäftsleitung und der Sohn des Chefs, der seitdem regelmäßig in den Betrieb kommt. Lief das alles wie am Schnürchen? Keineswegs. Aber der unbedingte Wille, es gemeinsam zu schaffen, zog das Unternehmen aus der Krise.

Ich habe die Mannschaft in dieser Zeit in wenigen Workshops begleitet. Und erzähle Ihnen diese Geschichte, weil mich die Selbstverständlichkeit beeindruckt hat, mit der Marianne, der Junior und das Nachwuchsteam die Verantwortung angenommen und gemeinsam den Übergang gemeistert haben. Krisen haben das Potenzial, Menschen über sich hinauswachsen zu lassen.