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Arbeiten im Krieg Zuhause in zwei Ländern

Bogdana Nagaliuk steht im Büro von Evana am Fenster
Bogdana Nagaliuk ist aus der Ukraine geflüchtet
© Miriam Stanke
Die ukrainische KI-Expertin Bogdana Nagaliuk ist mit ihrem halben Team nach Deutschland geflohen. Die andere Hälfte arbeitet in der Ukraine. Hier berichtet sie regelmäßig über ihren Alltag. Diesmal: Über ein altes Zuhause in Kiew und ein neues in Saarbrücken

Als ich am Abend des 24. Februar die Tür meiner Wohnung in Kiew hinter mir schloss, hätte ich nie gedacht, dass es so lange dauern würde, bis ich wieder zurückkehren würde. In der Nacht zuvor war ich durch Sirenen aufgewacht, als die ersten russischen Bomben auf Kiew fielen. Noch am selben Abend beschlossen meine Schwester und ich, dass wir die Stadt so schnell wie möglich verlassen müssen. Wir hatten also nur wenig Zeit, und ich packte für meine Tochter und mich schnell das Nötigste in einen Koffer. Seitdem habe ich unser Zuhause nicht mehr betreten. Ein Freund von mir war noch einmal dort, er hat einige meiner Lieblingsklamotten geholt und Familienfotos, die mir meine Schwester dann später nach Deutschland mitgebracht hat.

Eigentlich ist diese Wohnung in Kiew nichts Besonderes: 50 Quadratmeter in einem Gebäude aus Sowjetzeiten, nur ein Schlafzimmer für meine Tochter und mich zusammen. Trotzdem mag ich sie sehr. Sie ist gemütlich und ich habe alles renoviert, als wir eingezogen sind. Ich finde es schön, dass sie nun ein Zuhause auf Zeit für eine andere Familie geworden ist. Denn zurzeit lebt dort ein Paar aus Kramatorsk mit ihrem Kind, sie mussten wegen des Krieges aus der Ostukraine fliehen. Ich überlasse ihnen die Wohnung umsonst, sie geben mir nur das Geld für die Nebenkosten.

Ich selbst hatte hier in Saarbrücken großes Glück: Ein Kunde unseres deutschen Mutterunternehmens hat mir und meiner Tochter für ein halbes Jahr kostenlos eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Wir fühlen uns sehr wohl hier. Erst war nicht klar, ob wir hier dauerhaft bleiben können. Nun habe ich vor wenigen Tagen erfahren, dass ich die Wohnung ab September übernehmen und einen Untermietvertrag schließen kann. Wir richten uns hier jetzt richtig ein. Ich werde ein Second-Hand-Sofa kaufen und auch eine Kommode habe ich schon für uns ausgesucht.

Und dann gab es in den letzten Tagen noch eine gute Nachricht: Meine Tochter hat einen Ganztagsplatz in einem Kindergarten direkt neben meinem Büro bekommen. Saarbrücken wird also immer mehr zu unserem Zuhause. Trotzdem freue ich mich sehr und bin aufgeregt, dass ich im September nach Kiew reisen werde, um einige geschäftliche Dinge zu erledigen. Dann kann ich endlich auch meine Familie und Freunde in der Ukraine wiedersehen.

Die ersten Wochen in einer Jugendherberge

Eine Kollegin ist über den Sommer dorthin gefahren – und hat beschlossen zu bleiben. Sie wollte wieder bei ihrem Mann sein. Ihre Wohnung hier in Saarbrücken konnte ein anderer Kollege übernehmen, der erst vor drei Wochen angekommen ist. Er hat lange dafür gekämpft, mit seiner Familie aus der Ukraine nach Deutschland ausreisen zu können. Seine dreijährige Tochter ist autistisch und braucht spezielle Unterstützung. Seitdem der Krieg begonnen hat, bekam sie die in der Ukraine allerdings nicht mehr. Die ständigen Sirenen haben sie außerdem sehr unruhig gemacht. Es war eine schwierige Zeit für die Familie.

Sie wohnen nun – anders als meine Tochter und ich – zusammen mit anderen Kollegen in einem Aparthotel hier in Saarbrücken, zwölf Erwachsene und fünf Kinder leben dort. Jede Familie hat eine eigene Wohnung.

Die ersten beiden Wochen haben wir in Saarbrücken alle zusammen in einer Jugendherberge gewohnt. Das klingt vielleicht lustig und nach Klassenfahrt. Aber das war es nicht. Wir alle hatten unser Zuhause und geliebte Menschen zurückgelassen. Wann wir zurückkehren können, wissen wir nicht.

Protokoll: Katja Michel


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