Remote WorkValentin Drießen: „Ich würde Homeoffice gerne vermeiden“

Für Hausfrage-CEO Valentin Drießen ist Kommunikation im Homeoffice das A und O.hausfrage


Valentin Drießen ist CEO des Bremer Start-ups Hausfrage. Das Vermittlungsportal zu Themen rund ums Haus fungiert als Bindeglied zwischen Nutzern und Fachfirmen. Seitdem Drießens Mitarbeiter wegen der Pandemie ins Homeoffice gehen mussten, sieht sich der Gründer mit neuen Herausforderungen konfrontiert.


Herr Drießen, was für ein Problem haben Sie mit dem Homeoffice?

VALENTIN DRIESSEN: Technisch hatten wir keine Probleme, unsere Arbeit nach Hause zu verlagern, denn wir haben bereits vor der Pandemie Remote-Arbeitsplätze im Büro gehabt. Das Problem mit dem Homeoffice ist unsere Tätigkeit. Wir sind in der Kundenberatung aktiv und telefonieren viel. Bei dieser eher eintönigen Arbeit gibt es wenig Abwechslung. Es wird ein Skript abgearbeitet und eine Notiz zum Gespräch verfasst. Währenddessen wählt das Telefonsystem im Hintergrund weiter. In der Zeit kann man nichts anderes machen, weil man bereit sein muss, sobald die nächste Person in der Leitung ist. Nun kann es auch passieren, dass eine halbe Stunde lang niemand erreichbar ist. Das führt zu Frustration und man hinterfragt die Tätigkeit an sich. In der Kundenberatung ist man auf das „Drumherum“ angewiesen: Die Arbeit lebt davon, wie schön wir es uns im Büro gemacht haben, dass sich die Kolleginnen und Kollegen gut verstehen und dass wir Ablenkung finden in den Wartezeiten. Zu Hause alleine auf den Bildschirm zu starren und zu telefonieren, hält man über lange Zeit nur schwer durch.

Hat sich die Arbeitsleistung mit der Umstellung aufs Homeoffice verändert?

Frustration verselbstständigt sich schnell. Bei gutem Wetter oder freitagnachmittags verschlechtert sich zum Beispiel die Erreichbarkeit. Dann lassen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell ihren Frust in der Slack-Gruppe ab. Das kann ich nachvollziehen, bringt aber leider eine negative Dynamik mit sich. An sich sind die Leute im Homeoffice tatsächlich nicht schlechter, was die Zahlen angeht. Aber der Qualitätsaspekt ist ein anderer. Im Büro kann man sich gegenseitig motivieren und eine Art „Wolf of Wall Street“-Feeling herstellen. Nach ein paar Gesprächen allein im Homeoffice werden die Telefonate immer monotoner.

Haben Sie es sich einfacher vorgestellt?

Definitiv. Gerade in unserem Bereich, dachte ich, würde es das Arbeiten vereinfachen. Keine Ablenkungen, keine Pausen. Aber das Gegenteil war der Fall. Das ging sogar so weit, dass ich wegen des Homeoffices eine Kündigung erhalten habe. „Ich kann die Telefonieoberfläche nicht mehr sehen“, war die Begründung. Wir haben auch deutlich mehr Krankheitstage. Vor Corona war das selten der Fall. Niemand wollte etwas im Büro verpassen, sehen, wie das Projekt wächst. Jetzt ist die Hürde zum Krankmachen nicht mehr so hoch.

Inwieweit leidet die Teamkultur?

Wir wissen nicht, wie wir den Team-Spirit aufrechterhalten können. Denn wir sind gerade im Wachstum – an sich eine gute Sache. Seit Jahresende sind 20 neue Leute bei uns angestellt. Das war ein großer Sprung für uns. Früher kannten sich alle untereinander. Jetzt sind wir bei 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Da war das Onboarding ein schwieriger Prozess. In der Telefonie neue Angestellte einzuarbeiten funktioniert am besten live. Das haben wir schlussendlich auch so gemacht. In der Pandemie viele parallel einzustellen, kann eine große Hürde sein. Genauso wie der Büroalltag – wer arbeitet nun mit wem und woran? Aufgaben verlagern sich schnell, die Atmosphäre ist plötzlich weniger familiär. Für die Teamkultur wurde uns das zum Verhängnis. Deshalb haben wir beim Wachstum erst einmal die Notbremse gezogen. Erst sobald der Teamspirit wieder auf altem Niveau ist, geht es an der Stelle weiter. Das aufzuholen dauert nun seine Zeit.

Wie haben Sie sonst versucht, die Probleme anzugehen?

Mit Kommunikation, das ist das A und O im Homeoffice. Alle zwei Wochen gibt es bei uns ein festes Meeting mit allen Leuten aus der Firma. Neben einem Update geben wir auch Dingen abseits der Zahlen eine Bühne. Einmal hat die Marketingabteilung erklärt, wie sie arbeiten, einmal erzählte uns der IT-Service, wie ein Server aufgebaut ist, einmal zeigte uns jemand, wie er kocht. Und auch, wenn wir nicht viel zu erzählen haben, lassen wir unsere Meetings nicht ausfallen. Dass wir uns die Zeit füreinander nehmen, soll unsere Wertschätzung für den anderen ausdrücken. Zudem haben wir beispielsweise einen Kummerkasten ins Leben gerufen. Dort können anonym Feedback, Hinweise und Vorschläge eingereicht werden. Eine Vertrauensperson aus unserem Content-Bereich, die wenig mit der Telefonie zu tun hat, kümmert sich darum. Das kommt gut an. Manchmal trauen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht, persönlich etwas anzusprechen, obwohl wir ein Start-up sind. Aktuell sitzen wir an der Auswertung und Umsetzung.

Werden Sie nach der Pandemie das Homeoffice beibehalten?

Ja, absolut. Denn teilweise sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice auch zufrieden. Wer gerne von zu Hause aus arbeiten will, darf und soll das natürlich machen. Das ist kein Problem und spart zudem einen Platz im Büro. Aber das sind nur eine Handvoll Leute. Langfristig sehe ich nicht, dass 100, 200 Leute im Homeoffice sitzen, wenn man seine Tätigkeit gut machen will. Aus unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter holt man die letzten zehn Prozent nur raus, wenn man im Büro ist. Nur vor Ort kann man sie richtig greifen und motivieren. Es gibt sicherlich Firmen, die das über die Ferne umsetzen können. Wir leben aber von diesen letzten Prozenten mehr. Wenn ich das Homeoffice vermeiden könnte, würde ich es vermeiden.

 


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