ThemaSo will Freenet das Fernsehen neu erfinden

Wer Christoph Vilanek in diesen Tagen treffen will, sollte nicht in die Freenet-Zentrale in Norddeutschland fahren, sondern in eine Wohnung in Berlin Mitte, in die Bernauer Straße. Dort empfängt Vilanek im 6. Stock die Gäste auf einem Sofa vor dem Fernseher; natürlich wohnt der Freenet-Chef nicht hier, sein Unternehmen hat die Wohnung angemietet, um ein neues Produkt zu zeigen: Es heißt Waipu.tv und soll für Freenet eine Art großer Sprung nach vorn sein – der Einstieg ins TV-Geschäft. Ein „ganz neues Fernseherlebnis“ verspricht der CEO.

Aber was ist daran neu? Und vor allem: Warum stürzt sich Freenet in einem Markt, in dem sich immer mehr tummeln und tummeln wollen, die Kabelnetzbetreiber, die Deutsche Telekom, Pay-TV-Sender aber auch Netflix, Youtube und Amazon? Vilanek hat darauf eine einfache Antwort: Weil er eine eigene und bessere Technologie hat. Mit der möchte er das Netflix-Prinzip aufs analoge Fernsehen übertragen. Mit waipu.tv soll der Kunde analoges Fernsehen in HD-Qualität überall und auf jedem Gerät schauen können. Keine lästigen Aufnahmen auf Festplatten mehr, keine Suche in Mediatheken, keine verpasste Sendung, keine „Ladebalken“.

Wischen statt zappen

Auf den ersten Blick ist Waipu.tv nur eine weitere App. Wer sie öffnet, bekommt – ziemlich fix und ruckelfrei – einen Livestream. Durch Wischen „zappt“ man zum nächsten Programm. Will man einen Sender auf dem Fernseher schauen, wischt man in Richtung TV (auch „waipen“ genannt) und in Sekundenschnelle erscheint das Programm. Auf dem Smartphone kann man weiterwischen, in Programmen suchen, Aufnahmen planen, Vorlieben (zum Beispiel „französische Filme“) speichern – und vor allem das Programm anhalten. Will man einen Film etwa auf dem TV im Schlafzimmer schauen, wechselt man durch Wischen einfach das Gerät.

Hier zeichnet der Freenet-Chef höchstpersönlich das neue Produkt schematisch auf
Hier zeichnet der Freenet-Chef höchstpersönlich das neue Produkt schematisch auf
© Capital

Auch das lästige Aufzeichnen von Sendungen soll entfallen. „Die verdammte Aufnahme ist ja immer auf der Festplatte zu Hause“, sagt Vilanek. Der Waipu.tv-Nutzer kann von überall schauen, seine Aufnahme wird unbegrenzt auf einem Server in Karlsruhe gespeichert. Neben der Fernsehbedienung wird auch die Set-Top-up-Box überflüssig, in Augen von Vilanek ein „überflüssiger Stromfresser, der das Wohnzimmer heizt und vier Mal so viel verbraucht wie ein Kühlschrank.“

Eigenes 12.000 Kilometer langes Glasfasernetz

Man könnte sagen: All das klingt gut und fancy – was aber soll daran „disruptiv“ sein, wie der Freenet-Chef verkündet? Interessant bei Waipu.tv ist vor allem die Technologie dahinter, genauer gesagt ein 12.000 Kilometer langer Schatz, der weitgehend ungenutzt in ganz Deutschland verbuddelt ist: ein eigenes Glasfasernetz. Es gehört dem Münchener Startup Exaring, an dem sich Freenet im Frühjahr beteiligt hat. (Warum es dieses Parallelnetz gibt, ist eine ganz eigene Geschichte). Das neue Netz, das bisher 23 Millionen Haushalte erreicht, soll wie ein Art Bypass oder neue Schnellstraße an den immer dichteren Knotenpunkten des klassischen Netzes das Fernsehen „in Lichtgeschwindigkeit“ auf die Geräte des Kunden bringen.