KolumneRegiert uns jetzt die Wissenschaft?

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker


Es wird wohl noch ein bisschen dauern mit dem großen Lockermachen in Deutschland. Stattdessen gibt es jede Menge wenig erfreuliche, öffentliche Debatten um die Corona-Maßnahmen, denen ich nicht entkomme – und Sie wahrscheinlich auch nicht.

Ich kann nicht wissen, wie es Ihnen damit geht, aber mir fällt in diesen Diskursen ein interessantes und meines Erachtens gefährliches Phänomen auf.

Sind Sie etwa Populist?

Egal, welche dieser Debatten Sie verfolgen, auf eines können Sie wetten: Nach kürzester Zeit leitet ein Teilnehmer seinen Redebeitrag ein mit so etwas wie: „Wir müssen auf die Wissenschaftler hören und die sagen …“. Was dann folgt, ist eine spezifische Art von Statement. Die besagt: Wir können die Diskussion beenden, denn die Sache ist klar. Und die anderen Teilnehmer verstehen diese Ankündigung auch so. Denn in jüngster Zeit hat sich in große Teile der öffentlichen Kommunikation ein Narrativ eingenistet.

Dieses Narrativ lautet: Jede kluge und vernünftige Führungskraft in Wirtschaft und Politik hört auf die Wissenschaft. Wer das nicht tut, der muss ein Populist sein. Und so wird Wissenschaft zu einer Art Generalargument.

Diese Erscheinung ist nicht neu, doch die Pandemie spült sie mit voller Wucht an die Oberfläche. Zu Lasten abgewogener Entscheidungen voller Maß und Mitte.

Die alternativlose Entscheidung

In der Regel sind es nicht einmal Wissenschaftler, die so argumentieren. Es sind andere Debattenteilnehmer, die der Runde wissenschaftliche Erkenntnisse aus Studien entgegen schleudern. Sie tun so, als wäre damit sonnenklar, welche Entscheidung die richtige ist. Welche Entscheidung getroffen werden muss, weil alles andere doch der Faktenlage widerspricht. Dass die Entscheidung also alternativlos ist.

Doch das ist sie nicht. Kann sie gar nicht sein.

Denn der Generalverweis auf die Wissenschaft wirft aus meiner Sicht drei Fragen auf.

Frage 1: Welche Wissenschaft überhaupt?

Die erste Frage: Wenn wir auf die Wissenschaft hören sollen, dann – bitteschön – auf welche? Jetzt gerade in der Covid-Krise: Sollen wir auf die Virologen hören, oder auf die Epidemiologen? Was ist mit anderen medizinischen Fachgebieten? Oder sollten wir besser auf Ökonomen hören? Auf Juristen? Medienforscher? Soziologen? Ingenieure?

Jede Wissenschaft untersucht die Welt mit ihrem eigenen Ansatz. Und die Disziplinen untereinander kommen so zu durchaus gegenläufigen Ergebnissen. So behauptet die ehemalige Gattin von Karl Lauterbach, ihr Ex-Mann habe keine Ahnung, denn er sei ja Epidemiologe. Sie als Virologin hielte das, was er sagt, größtenteils für Quatsch. Vielleicht lässt sich hier auch nur die Sozialstudie einer gescheiterten Ehe nachvollziehen, doch die Gegensätze sind da. Wenn zum Beispiel erste Studien von Sozialmedizinern besagen, dass die Zahl der Depressionserkrankungen und sogar der Suizide in der Zeit der Lockdowns dramatisch ansteigt – widerspricht das nicht den intensivmedizinischen Studien, die besagen, dass der Lockdown Leben rettet?

Diese Gegenläufigkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen kommt ja bei weitem nicht nur beim Thema Corona-Beschränkungen vor. Sie können sie zum Beispiel auch in der Klimadebatte beobachten: Nicht nur Klimahysteriker, sondern auch ein beträchtlicher Teil seriöser Klimaforschung sagt den Weltuntergang voraus, die Wirtschaftswissenschaften kommen da aber zum Beispiel zu teils gegenläufigen Ergebnissen. Wie geht das zusammen? Ich vermute: gar nicht – es sei denn, Sie markieren die eine Wissenschaft als gut und anständig, die andere als schlecht und verwerflich. Mit solchen Erklärungen schliddern Sie ganz schnell in das moralische Gut-Böse-Spiel – was dann mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat.

Schon die erste Frage muss also offenbleiben. Die zweite Frage, die das Generalargument „Wissenschaft“ aufwirft, ist nicht weniger brisant.