Gutes neues ArbeitenFür Transformation darf man Nichts tun

Symbolbild New Work
Symbolbild New Work dpa


Hier lesen Sie in unregelmäßig regelmäßigen Abständen die Kolumne von Les Enfants Terribles, einer Schule, Initiative und Community für gutes neues Arbeiten.


Es scheint, dass die Transformation den guten alten Change abgelöst hat. Doch der Veränderungsdruck bleibt der gleiche – oder nimmt eher noch zu. Statt sich projektbasiert von A nach B zu verändern, haben wir jetzt den 360 Grad, 24/7, 100 Prozent Shift hinzulegen. Total digital, versteht sich.

Doch spätestens bei dem Winkelmaß 360 Grad sollte man hellhörig werden und sich fragen, ob man sich nicht noch schneller im Kreis dreht. Mit einem rasenden Stillstand verglich der Dromologe und Philosoph Paul Virilio bereits in den 90ern unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortschrittsbewegung.

Nun schreibt sich die New-Work-Bewegung an vielen Stellen auf die wehenden Fahnen, dass sie menschlicher sein möchte, die gute, neue Arbeitsweise sucht. Achtsam. Resilient. Kollege KI und Robo werden schon dafür sorgen, dass wir uns nur noch um das Schöne und Gute kümmern können. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es momentan am Ende doch nur darum geht, mehr zu leisten. Auf eine andere Art und Weise. Humorvoller, entspannter, sinnvoller. Das „Mehr“ und „Wachstum“ wird durch „Skalieren“ und „Impact“ ersetzt. Doch wie können zwangsläufig betriebswirtschaftlich effiziente und im Anschluss massiv skalierte, strukturelle Monokulturen nicht ähnlich unangenehme Nebenwirkungen wie agrarwirtschaftliche Monokulturen erzeugen? Sind sie nicht extrem wartungs- und ressourcenintensiv (menschlich, monetär, zeitlich und energetisch) sowie sehr fragil und alles andere als anti-fragil im Sinne des Analysten und Investoren Nassim Nicholas Taleb?

Übersetzung statt Transformation

Hinzu kommt, dass, um das etablierte Unternehmen oder das Start-up so lean und clean wie möglich zu gestalten, die Gründerinnen, Gründer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer mehr entlang der auszubauenden Datenbahnen rotieren müssen. Wenn man genauer hinsieht, sind es eher Translations-Prozesse, also Übersetzungen der alten Haltungen und Verhaltensmuster in neue Begriffe und Technologien, als dass es wirkliche Transformationen sind, die wir gerade erleben. Ja, es sind immer noch die alten Geschichten und Erzählungen des Höher, Schneller und Weiter, die uns fest im Griff haben.

Es macht deshalb Sinn, die neue Welt der Arbeit erst mal (für sich) zu erkunden. Wie will ICH denn wirklich arbeiten? Und wie fühlt es sich an, sich von dem Alten zu lösen? Wie kann sich das Neue anfühlen?

Der Schritt ins Unbekannte ist am Ende des Tages eben wirklich auch ein Schritt ins Leere. Wer ist wirklich bereit, diesen zu tun? Charles Eisenstein, der Vordenker einer Ökonomie des Verbundenseins, beschreibt es so: „Bevor sie fähig sind, sich auf eine neue Geschichte einzulassen, müssen die meisten Menschen (und wahrscheinlich ebenso die meisten Gesellschaften) erst ihren Weg aus der alten herausfinden. Zwischen der alten und der neuen ist ein leerer Raum. Es ist eine Zeit, in der die Lektionen und Erfahrungen der alten Geschichte verarbeitet werden. Nur wenn diese Arbeit getan wurde, ist die alte Geschichte wirklich abgeschlossen. Dann ist da nichts, die schwangere Leere, aus der alles Seiende entsteht.“

Räume der Leere

Wenn wir ehrlich sind, haben bislang nur sehr wenige diesen Raum der Leere in der Wirtschaftswelt betreten. Dieser Raum würde – erst mal – Nichtstun bedeuten. Abwarten. Zögern. Innehalten. Alles nicht unbedingt Begriffe, die in der Wirtschaftswelt ein positives Ansehen haben. Spätestens seit der Forschungsarbeit von Hartmut Rosa wissen wir auch, dass der Status Quo unseres gesellschaftlichen Wohlstandes eben auch auf der Zunahme der Heavy Rotation, der Beschleunigung unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse basiert. Ein Zurückfallen hinter den Dauerstress, Dauerskalierungen, Neugründungen und Transformationen können wir uns unter den gegebenen strukturellen Bedingungen einfach nicht leisten. Spätestens hier stecken wir in einem Teufelskreislauf. Und genau hier setzt das eigentliche Rebellentum der heutigen Zeit an. Obwohl wir es uns eigentlich nicht leisten können, müssen wir uns die Räume der Leere schaffen. Widersprüchlich? Ja und daher relevant.

Es braucht eine Stärkung und Entwicklung derjenigen, die in den Organisationen das wirkliche Quer- und Andersdenken kultivieren. Dabei ist es enorm wichtig, was genau getan und wie dabei vorgegangen wird. Dies wäre am Ende des Tages womöglich eben gerade ein Nicht-Denken und ein Nicht-Handeln. Es braucht Wirtschaftsnarren und Enfants Terribles, die die Organisation nicht zu immer weiteren Pseudo-Innovationen und Projekten antreiben. Sie kultivieren bewusst für sich und andere Räume des Nichts. Des Nichttuns. Der Muße. Des Abwartens. Des Zuhörens. Des Verweilens. Hier zählt im Sinne von Byung-Chul Hans das Abwesen der neuen Idee. Das Loslassen. Das Anstreben des Nullpunkts, um dem Neuen überhaupt erst den Raum geben zu können, das es zum Wachsen braucht.

Empathie als Mitgefühl braucht ebenfalls Zeit, um sich entwickeln zu können, um mitschwingen zu können. Achtsamkeit ohne Mitgefühl wird am Ende des Tages nicht reichen, um die Menschen und Organisationen in wirkliche Transformationsprozesse hinein zu begleiten.

Ja, für wirkliche Transformation, egal ob organisationale oder persönliche, darf man Nichts tun. Und wer jetzt denkt, dass man sich das aber auch erst leisten können muss, hat bereits Nichts verstanden…