GastkommentarWarum New Work Querköpfe braucht

Widerworte geben und die eigene Meinung laut sagen: die meisten unserer Eltern und Lehrer haben versucht, uns das gründlich abzugewöhnen. Sie hatten im Alltagsstress keinen Nerv für unnütze Diskussionen mit dem Nachwuchs – und wussten es sowieso besser. Außerdem meinten sie es doch eh nur gut mit uns.

Kommt Ihnen bekannt vor? Ist mit dem Chef jetzt auch so? Lieber brav die Arbeit machen und sich dafür an der Kaffeemaschine bei den anderen beschweren? Können Sie vergessen, ist nicht mehr erlaubt. Heute – ein paar digitale Jahre später – wird nämlich genau diese Fähigkeit gebraucht. Nicht im Elternhaus, sondern in den Unternehmen. Wer in der sich stetig wandelnden Arbeitswelt für Veränderung sorgen will – und zwar für eine zum Guten -, der sollte sich trauen, seinem Chef die Meinung zu sagen. Seien Sie ein Enfant Terrible!

Fundus für eine zeitgemäße Arbeitswelt

Den meisten Unternehmen ist mittlerweile klar (oder zumindest ahnen sie es), dass sie mit ihren bestehenden Arbeitssystemen in dieser VUCA*-Welt nicht weiterkommen – vor allem nicht, wenn sie zukunftsfähig und innovativ und vielleicht auch noch digital sein wollen. Im Moment fällt all das in die Kategorie „New Work“. Zu diesem Thema schießen in letzter Zeit Artikel, Konferenzen, Berater und Seminare geradezu wie Pilze aus dem Boden.

Aber brauchen wir denn jetzt wirklich alle Scrum oder machen wir lieber Lean Start-up? Ist Design Thinking ein Buzzword oder Holacracy vielleicht unsere Zukunft? Diese Fragen kann man mit „Ja“ und mit „Nein“ beantworten. Tatsache ist, in all den agilen und kreativen Konzepten liegt ein wunderbarer Fundus für eine zeitgemäße Arbeitswelt, die uns erlaubt, schneller auf Veränderung einzugehen, Zusammenarbeit flexibler und Projekte effektiver zu gestalten.

Nur leider wird im Moment wieder viel zu sehr über die Methoden selbst diskutiert, anstatt zu schauen, was daran gut ist und was fürs eigene Team oder Unternehmen funktionieren könnte. Die eine fertige Lösung für alle Unternehmen und Situationen gibt es sowieso nicht. Während es für die einen stimmt, ihre Chefs alle paar Monate neu zu wählen, organisieren sich andere in Kreisen je nach Projekten und wieder andere nutzen einfach nur gute kleine Workhacks wie Retrospektiven oder Morning Stand-ups. Selbst innerhalb eines Unternehmens kann an der einen Stelle strenge Hierarchie einfach richtig sein und zwei Türen weiter funktioniert Selbstorganisation ganz wunderbar. Es muss eben passen.

Probleme müssen einfach auf den Tisch

Das Entscheidende ist aber, dass diese ganze Agilitäts- oder Innovationsdiskussion sowieso nichts nützt, wenn die Menschen darin sich nicht ändern. Um mit den Dynamiken und der Komplexität unserer Zeit und der Zukunft gut umzugehen, brauchen wir definitiv mehr Miteinander, mehr Selbstorganisation und Selbstverantwortung und damit eher flachere Hierarchien und auf jeden Fall eine neue Art von Führung. Damit eben auch eine neue Haltung. Und das wiederum braucht wirklich wirklich(!) erwachsene Menschen, die reflektiert sind und wenig Ego haben, die gut kommunizieren können und gut im Miteinander sind. Und die Probleme müssen einfach auf den Tisch.

Leider haben wir das aber so nicht gelernt und schon gar nicht erlebt. Wir sind mit ganz anderen Vorstellungen von Arbeit, mit anderen Glaubenssätzen und Vorbildern groß geworden. Bisher wurden wir für Anpassung und fürs Mitmachen, fürs Gegeneinander und für Silodenken belohnt.

Das Gute am Schlechten dieser schnellen und komplexen Welt heutzutage ist: Es liegt eine wunderbare Chance darin; nämlich die des guten neuen Arbeitens. Wir alle (und nicht nur die Generationen XYZ) haben doch eine große Sehnsucht nach einem erfüllteren Arbeitsleben, nach richtig guter Zusammenarbeit und nach der Entfaltung unseres eigenen Potentials, der Interessen und Möglichkeiten. Dafür zu sorgen hätte uns schon in „undigitalen“ Zeiten gut getan – aber besser spät als nie.

Trauen Sie sich was!

Also. Jetzt(!) ist ein entscheidender Moment, um unsere Arbeitswelt ein Stück weit besser für uns alle zu gestalten. Das ist eine Verpflichtung! Raus aus den alten Systemen und dem alten Denken und Handeln. Vergessen Sie strenge Eltern, schimpfende Lehrer und ihren Chef, der nichts tut. Trauen Sie sich was und sagen Sie gleich im nächsten Meeting, was nicht gut läuft. Seien Sie dabei aber freundlich, offen und großherzig mit allen.

Und außerdem: Schauen Sie sich alles an, was es im Moment an neuen Arbeitskonzepten gibt, probieren Sie aus und fangen Sie auch gerne im Kleinen mit dem Wandel an. Es braucht Menschen, die nicht darauf warten, dass der Chef endlich macht, sondern welche, die beherzt Themen in die Hand nehmen, die einfach anfangen und damit ihren Beitrag für ein besseres Miteinander leisten. Und wenn es nur im eigenen kleinen Umfeld ist, ist das auch gut. Jeder Anfang beginnt im Kleinen.

Mitdenken, Widerworte und Loslegen sind jetzt gefragt. Das ganze „New Work“ braucht gute(!) Enfants Terribles. Machen Sie mit. Ab sofort!


Marion King ist Gründerin von Les Enfants Terribles, einer Schule, Community und Initiative für gutes neues Arbeiten. Sie berät Unternehmen zu Digitalisierung, New Work und Zukunft von Arbeit, begleitet Teams und Führungskräfte bei der Veränderung ihrer (Zusammen)Arbeit. Weitere Informationen www.enfants-terribles.org