GastbeitragDie Rettung unserer Start-up-Szene erfordert mehr Mut

Auch Teile der Start-up-Szene haben in der Corona-Krise Problemeimago images / Mike Schmidt

Anfang Mai forderte der Yale-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller eine „Revolution in der Wirtschaftswissenschaft“: Wir sollten in der Ökonomie viel mehr Rücksicht auf die Rolle von Narrativen und Geschichten nehmen. Nur wenn wir die Narrative mitberücksichtigen, so Shiller auch in seinem Buch Narrative Economics, können wir „die realen Mechanismen des wirtschaftlichen Wandels“ beschreiben, und „ökonomisch bessere Vorhersagen treffen“.

Ein allzu standhafter Narrativ wird gerade zumindest teilweise mit den wirtschaftspolitischen Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie in Deutschland infrage gestellt: dass nämlich die Soziale Marktwirtschaft nur mit einem Staat zu denken sei, der sich nicht als Unternehmer, und schon gar nicht als unternehmerischer Investor versucht. Bisher hielt sich diese Idee geradezu krampfhaft, weder erschüttert durch historische Beispiele – die amerikanische DARPA ist da wirklich nur das i-Tüpfelchen einer Vielzahl von erfolgreichen Vorgängern – noch durch zuletzt grundsätzlich veränderte Rahmenbedingungen, wie die Digitale Transformation.

Interessanterweise wird eben dieses Statut des marktwirtschaftlich-uneingemischten Staates nun gerade infrage gestellt, wenn es um die Rettung der Lufthansa geht. Während der Umgang mit „systemisch wichtigen Unternehmen“ (so die EU-Kommission) die direkte Einmischung des Staates fordert (und nicht nur das Überweisen der notwendigen Mittel), so stellen wir verwundert fest, dass sich der Narrativ des unvermeidlichen staatlichen Scheiterns als Akteur im Hinblick auf die Start-up-Szene(n) unverändert hält. Denn das Krisenpaket für die deutschen Start-ups, das vor zwei Wochen endlich vorgestellt wurde, geht in die richtige Richtung, lässt aber eine strategische Vision vermissen, und ignoriert noch weitgehend zahlreiche Instrumente, die international durchaus gebräuchlich waren und sind.

Erfreulich ist zunächst, dass die zugesagten 2 Mrd. Euro in zwei verschiedenen Tranchen verteilt werden sollen, und es so aussieht als würde das Geld nicht in Form von Krediten ausgegeben, sondern als Wandelanleihen, die automatisch zu Unternehmensanteilen werden. Der Vorteil: Es wird nicht einfach irgendwann ein Kredit zurückgezahlt, sondern potentiell positive Wertentwicklungen der unterstützten Unternehmen können zu enormen Gewinnen führen, die langfristig anderweitig reinvestiert werden könnten – aber dazu später mehr. Die Risiken des Totalausfalls bleiben dieselben.

Außerdem ist im deutschen Paket – anders als im Covid Future Fund im Vereinigten Königreich – mit seiner zweiten Säule auch an bisher unfinanzierte Start-ups gedacht. Damit wird nicht nur allen – von ganz klein und frisch bis etabliert – Hilfe geboten sondern auch der Reproduktion des hoch-ungleichen Systems entgegengewirkt. Anders gesagt: auch Gründer (oder besser: vor allem Gründerinnen), die bisher keinen einfachen Zugang zu Wagniskapital hatten können durch den Schutzschirm Hilfe erfahren.

Mehr „Entrepreneurial State“

Das Hilfspaket geht allerdings nicht weit genug – und sollte vor allem mittel- bis langfristig viel größer gedacht werden. Insbesondere bedarf es einer Aktualisierung der Narrative, die dieser wirtschaftspolitischen Intervention zugrunde liegen. Wir glauben, dass der Staat durchaus das Potential hat einzugreifen und wirksam zu sein, gerade dort wo neue Unternehmen aufgezogen werden. Die Ökonomin Mariana Mazzucato nennt das den „Entrepreneurial State“. Sie hat nachgewiesen, dass historisch betrachtet der Staat als indirekter oder eben direkter Investor zahlreiche Märkte aktiv geformt und erschaffen hat, und insbesondere der „ultimative Risikokapitalgeber“ sei, der allein die Mittel habe, um umwälzende Technologien auf den Weg zu bringen. Das iPhone gäbe es nicht ohne Milliarden an staatlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung; das Internet schon gar nicht, GPS, sogar Tesla war anfangs auf Staatsgelder angewiesen. Wir sehen in der aktuellen Situation eine Chance für den Staat die nächste Generation bahnbrechender Innovationen zunächst zu retten, dann aber mittel- und langfristig mitzugestalten und davon als Gesellschaft zu profitieren.