GastbeitragDer faulige Geruch heutiger Managementansichten

Videokonferenz: ein Teil der neuen Normalität in Corona-ZeitenGetty Images

Bis vor einigen Monaten haben wir über Veränderung gesprochen, als wenn sie notwendig wäre, wir aber genug Zeit hätten um ernsthaft damit anzufangen. Wenigstens hat es sich so angefühlt. Corona hat uns ohne Vorwarnung in die unangenehmen Situation gebracht, von heute auf morgen ernsthaft über Veränderung nachzudenken. Ohne doppelten Boden. Und was hat es uns gezeigt? Klar, es tut weh. Gleichzeitig ist es entgegen jeglicher Überzeugung heutiges Business erfolgreich zu betreiben. Hat uns Milton Friedman doch vor über 50 Jahren gelehrt, das Kapitalismus die Kunst der kontinuierlichen Optimierung ist mit dem Zweck maximalen Profit zu generieren. Wo passt das da Unsicherheit und Risiko ins Bild? Seit der Pandemie haben wir mehr oder minder schmerzhaft lernen müssen, dass wir diese Faktoren als Teil unseres Arbeitsalltag akzeptieren müssen.

Eine unmögliche Herausforderung? Sicher nicht, aber wir haben uns anzupassen. Doch worauf kommt es an?

Fokus

Wie oft habe ich Diskussion im Managementkreisen miterleben dürfen, wie wichtig doch alles sei. Eine Differenzierung mache keinen Sinn. Es ist einfach alles „Prio 1“. Doch wenn alles gleich wichtig ist, dann gibt es doch per se keine Priorität, oder? Ein Dilemma. Die wichtigste Aufgabe in den Führungsetagen ist es sich auf die wesentlichen Themen zu fokussieren. Ja, dass heißt auch Nein zu sagen. Je schneller wir diese Tugend lernen, desto klarer wird unser Blick und desto eher dürfen wir uns über Ergebnisse freuen.

Commitment

Wundervoll visualisierte Visionen nach dem Motto „In 2025 machen wir 10 Prozent des Gesamtumsatzes mit digitalen Geschäftsmodellen“ sind schlimmstenfalls teuer bezahlte Plattitüden. Aber ist das eine ernste Bereitschaft zur Veränderung? Definitiv nicht. Denn erst dort, wo es anfängt wehzutun, beginnt wirklich Transformation. Es sind die Situationen, in denen wir lernen müssen „Nein“ zu sagen, wo Commitment beginnt.

Gewissheit

Es ist gut zu wissen, wenn etwas nicht funktioniert hat. Wichtiger als das ist jedoch vor Beginn mit ehrlichen Karten zu spielen. Der Umgang mit Gewissheit ein zentraler Faktor in der heutigen Zeit. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es hilft Klarheit zu schaffen. Egal ob das bedeutet, dass ein Unterfangen Erfolg haben wird oder nicht. Lernen wir offen und ehrlich über ein Vorhaben zu sprechen, kann jeder einzelne die Ausgangssituation mit sich selbst reflektieren. Und auch wenn klar ist, dass die Erfolgsaussichten gering sind, heißt es noch lange nicht, dass sich die Investition nicht lohnt. Vielmehr durfte ich erfahren, dass sich das Engagement im Team sogar noch steigert, mit dem Ziel den Ausgang zum Guten zu wenden.

Ehrlichkeit

Schlussendlich kommt es darauf an, dass wir uns in unseren Entscheidungen treu bleiben. Marschrichtungen, die wir nur halbherzig tragen, scheitern mit großer Wahrscheinlichkeit. Denn alle bisher genannten Erfolgsfaktoren gehen am Ende Hand in Hand. Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber sich selbst und zu seinem Team schließt die Klammer. Erst wenn wir in der Lage sind unsere persönlichen Ziele hinter die der Aufgabe selbst zu stellen, weil wir daran glauben, sind wir erst bereit Transformation in Organisation und Geschäftsmodell wirklich zu gestalten. Es ist der Katalysator für nachhaltigen Erfolg in schwierigen und unsicheren Situationen.

Veränderung in Form von digitaler Transformation oder dem Aufbau neuer Unternehmen oder Geschäftsbereiche haben wir gefälligst ernst zu nehmen. Denn ein Sprung auf neue Technologien oder Geschäftsmodelle ist keine Spaßveranstaltung. Das sollte uns Corona gelehrt haben. Lustiges Ausprobieren von Kreativ-Methoden, Turnschuhe und zerrissene Jeans sind nett. Doch nachhaltige Veränderung verlangt ernsthafte Vorbereitung. Und ja, sie beginnt bei der persönlichen Bereitschaft Fokus, Ausdauer und Ehrlichkeit zu zeigen, sich auf das Ungewisse einzulassen und sie endet bei der Definition eines erfolgsversprechenden Geschäftsmodells. Wir müssen lernen, dass unser Verhalten von heute die Rahmenbedingungen von morgen definieren. Wer heute leichtfertig mit dem Thema Transformation umgeht, wird morgen schlimmstenfalls keine zweite Chance bekommen. Punkt!

Wacht auf, fangt an und nehmt es ernst! Für euch, euer Team, eure Organisation und die nachfolgende Generation.

 


André Größer ist Gründer und CEO der Unternehmensberatung Kickxstart. Er ist außerdem Mitglied der Jungen Elite – Top 40 unter 40