GastbeitragLasst uns lebenswerte Städte bauen!

Die Stadtplanung muss sich auf ein sich rasch veränderndes Umfeld einstellenGetty Images

In Deutschland leben deutlich mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Da immer mehr Jobs in unseren mittelgroßen Städten und Großstädten entstehen, zieht es weitere Teile der Bevölkerung in die Zentren. In der Folge nimmt die Zahl der Wachstumsstädte in Deutschland kontinuierlich zu. Durch höheren Zuzug entsteht häufig Wohnraummangel und überdies ein Mangel an Büro- und Gewerbeflächen in zentralen Lagen. Zahlreiche Städte sind auf diese Herausforderungen nicht ausreichend vorbereitet. Während etwa die Immobilienbranche versucht, Mischgebiete aus Wohnen und Arbeiten zu errichten, benötigt manches Bauamt mehrere Jahre, um ein neues Stadtquartier in einer gerade noch tragbaren Kompromissvariante zu genehmigen.

Eine Bestandsaufnahme der Gegenwart indes reicht nicht aus, um vorausschauend nach vorne zu blicken. Es bedarf einer tiefgehenden Analyse, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen: Wie sollte die Stadt der Zukunft aussehen?

Studie über 30 deutsche Städte

Dazu hat die Unicredit-Tochter WealthCap gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswelt und Organisation sowie dem MLI-Leadership-Institut München die Studie „DNA des Erfolges – Stadt der Zukunft 2040“ erarbeitet. Dafür wurden 30 Zuzugsstädte in Deutschland analysiert. Der Morgenstadt City Index des Fraunhofer-Instituts berücksichtigte bei der Bewertung 28 Indikatoren. Anders als mancher vielleicht erwarten würde, sind die Sieger des Vergleichs mittlere Universitätsstädte.

 

 

Bei den Metropolen steht München zwar sehr weit oben – die Stadt kommt insgesamt auf Rang zwei, Überraschungssieger ist indes Karlsruhe. Das liegt vor allem an dem besonderen Untersuchungsansatz der Studie: Bei der Analyse ging es weniger um die sonst klassischen Paramater Wirtschaftskraft oder Produktivitätsindex. Viel wichtiger war die Fragestellung, wie lebenswert, resilient, umweltgerecht und vor allem innovativ eine Stadt sein muss, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Unis und IT werden immer wichtiger

Unter den Top Ten des Rankings sind die Städte Freiburg und Heidelberg, aber auch Jena, Dresden und Leipzig. Damit liegen drei der zukunftsfähigen Zentren in Ostdeutschland. Dieses für manche vielleicht überraschend gute Abschneiden ostdeutscher Städte spiegelt die positive Entwicklung einzelner Zentren in den ostdeutschen Bundesländern dank der hohen Investitionsmaßnahmen der vergangenen Jahre wider, von der die Lebensqualität deutlich profitiert hat.

Auffällig hingegen ist, dass unter den ersten zehn Städten des Rankings nur eine Millionenmetropole zu finden ist: München kam auf Platz zwei, gleichzeitig gilt die bayerische Landeshauptstadt als innovativste Stadt. Hamburg erreichte Platz 13 und Berlin Platz 14. Die größten deutschen Städte haben also noch Aufholpotenzial, wenn sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiterhin auf Attraktivität und Wachstum setzen möchten.

Was alle Städte im oberen Bereich des Rankings gemeinsam haben: Sie verfügen über renommierte wissenschaftliche Hochschulen, die eng und produktiv mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Dabei muss uns klar sein, dass der Begriff Wirtschaft sich immer weniger auf die industrielle Produktion bezieht. Wirtschaft – das ist in Deutschland immer mehr die digitale Wertschöpfungskette. Anders gesagt, die Attraktivität der Städte ist abhängig von der Qualität und Quantität des akademischen Einflusses auf die neue Arbeitswelt, auch die Kreativität gewinnt an Einfluss.

Unter den neuen Wirtschaftstreibern sind technologieorientierte Start-ups genauso wie große Niederlassungen von IT-Konzernen wie Apple, Microsoft und Google. Einige von ihnen haben bereits Entwicklungszentren in Deutschland. Der Münchner Autokonzern BMW lässt derzeit 20 Fahrzeuge autonom durch die Stadt fahren – lediglich zur Sicherheit sitzt derzeit noch ein Fahrer hinter dem Steuer.

Doch auch Flächen- und Gebäudenutzung verändern sich rasant. Wo einst Zündapp in München Motorräder produzierte, entsteht mittlerweile in zentraler Lage eine Quartiersentwicklung aus kreativem Gewerbe, Wohnen und Freizeit. Das gilt auch für den Stadtrand: Wo früher ausschließlich der Kosmetikhersteller Avon seine Produktion auf einem großen Areal hatte, sitzen inzwischen neben mehreren Dienstleistern etwa ein Hightech-Unternehmen und ein Hersteller von Gabelstaplern im gemischt genutzten Gewerbepark Nova Neufahrn. Das Objekt ist so ausgelegt, dass die einzelnen Mieter vom Geschäftsmodell ihrer Nachbarn direkt profitieren und Kooperationen eingehen können. Die Transformation der Anforderungen betrifft also sowohl Misch- als auch reine Gewerbegebiete. Was im letzteren bereits Einzug gehalten hat, wird in Zukunft vermehrt auch Innenstadtlagen mit gemischten Gebieten aus Wohnen und Gewerbe tangieren.