Kommentar Wie die EZB mit ihrem neuen Inflationsziel Verwirrung stiftet

EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde
© PanoramiC / IMAGO
Die EZB verabschiedet sich von ihrem unklaren Inflationsziel knapp unter zwei Prozent. Doch statt für mehr Klarheit zu sorgen, führt das neue symmetrisches Ziel zu neuer Verwirrung

Jean-Claude Trichet war als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) immer auch ein wenig das Orakel vom Main, wenn es um die Kommunikation der Geldpolitik ging. Das lag allerdings weniger in der Persönlichkeit des Franzosen begründet, sondern an dem von der Notenbank selbst gesetzten Ziel „die Inflationsrate auf mittlere Sicht unter, aber nahe zwei Prozent zu halten“. Auch seine Nachfolger Mario Draghi und Christine Lagarde folgten diesem diffusen Ziel - jedenfalls theoretisch, denn die EZB verfehlt trotz aller Anstrengungen seit Jahren ihr Inflationsziel. Nun hat sie dieses neu definiert und dabei eine große Chance für mehr Klarheit vertan. Weil das neue Zwei-Prozent-Ziel symmetrisch zu verstehen sein soll, bleibt alles beim Alten. Sobald die Inflationsrate sich der der Marke von zwei Prozent nähert, was in diesem Jahr noch möglich erscheint, müssen Kapitalmarktakteure die Worte von EZB-Präsidentin Christine Lagarde weiterhin auf die Goldwaage legen und interpretieren.

Eigentlich ist das Mandat der EZB recht einfach: Geldwertstabilität. So steht es in den Verträgen. Doch was bedeutet Geldwertstabilität im Detail? Im Jahr 2003 hat sich die Notenbank unter ihrem ersten Chef-Volkswirt Otmar Issing selbst die obige Definition auferlegt. Weil aber nie klar war, wie nah eigentlich nah ist, agierte Trichet mit bestimmten Signalwörtern, musste vom Kapitalmarkt aber immer interpretiert werden. Sein Nachfolger Mario Draghi neigte zwar eher zum Klartext, aber die Probe aufs Exempel blieb ihm erspart, denn in seiner Amtszeit hat es die EZB es nicht geschafft, ihr Inflationsziel zu erreichen. Die Marke von zwei Prozent gilt unter Volkswirten als optimale Inflation, weil die Wirtschaft auf diesem Niveau erfahrungsgemäß gut läuft und gleichzeitig genügend Abstand zu einer Deflation herrscht, die sich schnell zu einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale entwickeln kann.

Statistik: Euro-Zone: Inflationsrate von Mai 2020 bis Mai 2021 (gegenüber dem Vorjahresmonat) | Statista

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Die US-Notenbank Federal Reserve hat sich, um Klarheit zu schaffen, auf ein Ziel von zwei Prozent festgelegt. Was allerdings ihren früheren Präsidenten Alan Greenspan nicht selten abhielt, mit orakelhaften Aussagen die Investoren zu verwirren. Die EZB hat sich mit ihrem neuen geldpolitischen Ziel einer Inflationsrate von exakt zwei Prozent auf mittlere Sicht, also den kommenden Jahren, den pragmatischeren US-Kollegen angepasst. Das wäre eine große Chance für Transparenz, Klarheit und Planbarkeit gewesen.

Neue Signalwörter

Leider hat die EZB diese Chance nicht genutzt, weil sie in einem weiteren Punkt die Fed nachahmt. Teil der neuen geldpolitischen Strategie ist nämlich ein „symmetrisches Inflationsziel“ von zwei Prozent auf mittlere Sicht. Die Idee dahinter: Weil die Inflationsrate schon so lange unter zwei Prozent liegt in der Eurozone, darf sie eine Weile darüber liegen, um mittelfristig einen Ausgleich zu schaffen und übereiliges Agieren zu verhindern. Das Problem: Niemand kann sich heute vorstellen, welches Maß an Unterschießen die EZB mit wie viel Überschießen verrechnen wird. Hier droht neue Unklarheit. Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater nennt die neue Strategie an dieser Stelle „windelweich“.

Die neuen Signalworte der EZB für die Geldpolitik könnten künftig also nachhaltig, dauerhaft und signifikant lauten. Oder wie Lagarde am Donnerstag sagte: „Wir wissen, dass die zwei Prozent nicht konstant auf dem Zielkurs liegen werden, es könnte eine moderate, vorübergehende Abweichung in beide Richtungen von diesen zwei Prozent geben. Und das ist in Ordnung. Worüber wir sehr besorgt sind, ist jede nachhaltige, dauerhafte, signifikante Abweichung vom Ziel.“

Ein symmetrisches Ziel hilft, wenn in kommenden Monaten wegen Nachholeffekten nach der Pandemie die Inflationsrate hochschießt. So rechnet die Bundesbank für dieses Jahr in Deutschland noch mit Werten um die drei Prozent. Agiert die Notenbank hier zu schnell mit einer Straffung der Geldpolitik, so können Sparer zwar höhere Zinsen bekommen, einige von ihnen werden aber den Job verlieren, weil die Notenbank den Aufschwung abwürgen würde. Kurzfristig ist ein symmetrisches Ziel also durch sinnvoll. Auf mittlere Sicht birgt es aber Risiken, wenn die Inflationsrate nicht zurückkommt. Eine aus dem Ruder laufende Inflation wieder einzufangen, die „Inflationserwartungen wieder zu verankern“, ist erfahrungsgemäß ungemein schwierig. Dieser Prozess kann der Notenbank leicht entgleiten. Wegen einer langen Phase niedriger Inflationsraten ist die Gefahr real, dass die EZB die Zügel zu lange lockerlassen könnte.

Soweit muss es nicht kommen. Auf jeden Fall bedeutet aber die neue geldpolitische Strategie, dass die EZB für längere Zeit noch sehr locker agieren wird. Jenseits des Ausstiegs aus dem Krisenprogramm PEPP dürfte wenig an Straffung zu erwarten sein. Das ist zunächst eine gute Nachricht für alle, die eine Beschäftigung haben (siehe oben), in Aktien investiert sind, eine Immobilie kaufen wollen oder refinanzieren müssen. Und es ist gut für heutige und künftige Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, denn niedrige Marktzinsen bedeuten auch niedrige Zinsen auf Staatsschulden. Lediglich für den Spargroschen ist keine schnelle Rückkehr zu Zinsen zu erwarten. Die hohen Werte der Vergangenheit – in den 1990er-Jahren waren Renditen von acht Prozent auf Bundesanleihen das Spiegelbild der hohen Staatsverschuldung zur Finanzierung der deutschen Einheit – sind ohnehin nicht in Sicht.

„Grüner“ Standardsetzer

Neben dem neuen Inflationsziel will die EZB in Zukunft auch Aspekte des Klimawandels in der Geldpolitik berücksichtigen, einem Lieblingsthema von Präsidentin Lagarde. Dazu sollen entsprechende Werkzeuge in die makroökonomischen Modelle und in die Risikobewertung für bei Notenbank hinterlegte Sicherheiten eingebaut werden. Es wird spannend sein zu sehen, wie die EZB dies umsetzt, ob sie etwa beim Ankauf von Unternehmensanleihen bestimmte Branchen ausgrenzt oder nicht.

Auf jeden Fall sind konkrete Offenlegungen zu erwarten, was das Handeln der Notenbank transparenter macht. Sie könnte damit zum Standardsetzer für die Finanzbranche werden. Welcher Investor wird schon die Anleihe eines Unternehmens kaufen, die er im Notfall nicht bei der Notenbank gegen Liquidität eintauschen kann? Lagarde hat also die Chance, als „grüne“ Präsidentin in die EZB-Geschichte einzugehen, so wie ihr Vorgänger Draghi als der Retter der Eurozone.

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