InterviewWie Big Data den Finanzmarkt verändert


Peter Harrison ist Leiter des Aktienfondsmanagements der britischen Fondsgesellschaft Schroders, die insgesamt rund 500 Mrd. Euro verwaltet.


Capital: Mr. Harrison, in den USA hat vermutlich eine Kette von Leitzinserhöhungen begonnen, die Börsen sind ins Trudeln geraten. Müssen sich Anleger jetzt langsam ernsthaft Sorgen machen?

Harrison: Es gibt eine Reihe von Gründen, sich Sorgen zu machen, aber nicht wegen der US-Leitzinsanhebung. Tatsächlich kaufen die Notenbanken in Japan und der Eurozone weiter kräftig Anleihen und werden dies auch noch eine ganze Weile tun. Ich sehe daher keine Gefahr für Vermögenspreise aufgrund von Leitzinsanhebungen.

Was sorgt Sie denn wirklich – auch mit Blick auf 2016?

Das, was wir heute nicht wissen. Die Prognosegüte von Ökonomen war nie so schwach wie heute, weil sie meistens schlicht den Notenbanken folgen, die ja selbst die Märkte treiben. Echte Risiken bringen es mit sich, dass sie niemand vorher auf der Rechnung hatte. Nehmen wir doch die aktuellen Themen: Die deutliche Konjunkturabkühlung in China und im Welthandel. Geopolitische Spannungen. Der Aufstieg des Islamischen Staates (IS). Aufkommender Nationalismus und womöglich die Wiedereinführung von Grenzkontrollen in Europa. Petrobras inmitten eines riesigen Korruptionsskandals, der das ganze Land lähmt. Dies hatte vor drei oder vier Jahren doch niemand wirklich als Risiko identifiziert. Entsprechend wissen wir auch nicht, was in drei Jahren sein wird.

Das ist doch an sich keine neue Erkenntnis.

Richtig, aber sie fällt in ein sehr schwieriges Umfeld. Das Potenzial für größere Überraschungen liegt eher auf der negativen denn der positiven Seite. Die Notenbanken sind schließlich schon vor Jahren „all in“ gegangen, wie man im Poker sagt. Die Zinsen sind schon am Boden, und dass Aktien nochmals einen Höhenflug sehen, ist sehr unwahrscheinlich.

Welchen Sinn macht es dann überhaupt noch, Aktien oder Anleihen zu kaufen?

Das macht sogar sehr viel Sinn. Die Kapitalmärkte sind verzerrt von den nie gesehenen Notenbankmaßnahmen, und gerade in verzerrten Märkten ist es besonders leicht, sich auszuzeichnen. Und sei es auf der Risikoseite: Hier eröffnet das Thema Datenanalyse ganz neue Optionen. Nehmen wir das Thema Nachrichtenfluss: Wir beobachten täglich weltweit sämtliche Nachrichtenquellen zu den von uns gehaltenen Unternehmen und den Banken und Händlern, mit denen wir Geschäfte machen. Ein Algorithmus prüft laufend, ob, wie oft und wo bestimmte Firmennamen oder die Namen handelnder Personen auftauchen, und ob bestimmte Schlagwörter wie Betrug, Skandal, Steuerfahndung oder Bilanz mit ihnen in Zusammenhang gebracht werden. Das Ganze funktioniert natürlich auch mit wirtschaftlichen Umwälzungen, etwa der Frage, welche Geschäftsmodelle womöglich vor disruptiven Herausforderungen stehen.

Big Data ist ein gern gebrauchtes Schlagwort. Kann sowas praktisch klappen im Fondsmanagement?

Nehmen wir die Hotelbranche: Vor drei Jahren hätte niemand geglaubt, dass diese Unternehmen jemals Probleme mit ihrem Geschäftsmodell bekommen könnten. Zyklisch sind sie, ja. Aber gleich komplett herausgefordert? Der Zimmervermittler Airbnb hat genau das getan und wächst rasant. Wir versuchen, diesen Entwicklungen sehr früh zu folgen, auch anhand des Nachrichtenflusses, also noch lange, bevor sie ein Thema bei anderen Investoren sind. Wer dringt wo in Geschäftsmodelle ein? Was passiert technologisch, etwa im Bereich elektrische Autos oder Batterietechnik? Das ist ja laufend Gegenstand der Berichterstattung vieler kluger Leute. Wir haben zu jedem denkbaren Aspekt, jeder Branche eine tägliche Auswertung, ich könnte sie jetzt an diesem Tisch jederzeit lesen auf meinem Smartphone. Eine solche Datenanalyse ist ebenso einfach wie effektiv und verständlich und unterstützt unsere Markt- und Firmenanalysen.

Viele Kapitalmarktexperten klagen eher über ein zu viel an Lärm und Datenmüll. Helfen noch viel mehr Daten in der Analyse einem Fondsmanager da überhaupt noch weiter?

Selbstverständlich, und das Thema „Big Data“ ist in der Fondsbranche eher noch in den Kinderschuhen. Unsere Branche ähnelt da der Sportbranche. Da waren auch lange die gutaussehenden und vielleicht auch gut spielenden Sportler diejenigen, die im Mittelpunkt des Interesses stehen. Aber das sind längst nicht diejenigen, die auch die besten Ergebnisse erzielen. Ende der 90er hat man bemerkt, dass auch ein Team aus nicht ganz so guten Spielern hervorragende Ergebnisse erzielen kann, wenn man es richtig zusammensetzt. Ähnlich ist es in der Fondsbranche: Da ziehen die Fondsmanager das Geld an, die auf der Bühne überzeugend auftreten konnten oder die Performance kurzfristig stimmte oder gar beides.