KommentarDas Jahr der Notenbanken


Frank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus LöbbeckeFrank Geilfuß ist Leiter Kapitalmärkte beim Bankhaus Löbbecke. Er schreibt auf capital.de regelmäßig über Finanzmarktthemen


In einem wirtschafspolitisch motivierten Rückblick war das Jahr 2015 ohne Zweifel wieder ein Jahr der Notenbanken. Die erste spektakuläre Entscheidung des Jahres kam am 15. Januar von der Schweizerischen Nationalbank, die an diesem Tag die Kopplung des Franken an den Euro aufhob. Nachdem der Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro von der SNB abgeschafft wurde, wertete der Schweizer Franken innerhalb weniger Minuten bis auf rund 0,85 EUR/CHF auf. Mittlerweile hat sich der Kurs bei rund 1,08 EUR/CHF eingependelt.

Die zweite, für die Kapitalmärkte noch bedeutendere Nachricht folgte nur eine Woche später und kam von der Europäischen Zentralbank. EZB-Präsident Mario Draghi kündigte ein „erweitertes Programm zum Einkauf von Vermögenswerten“ an. Im März begann damit auch in der Eurozone das von den Kapitalmärkten schon lange erwartete und geforderte geldpolitische Anleihenaufkaufprogramm (auch als Quantitative Easing bekannt), sechs Jahre später als in den USA.

China wertet ab

Die nächste Notenbank, die mit ihrer Entscheidung die Kapitalmärkte bewegte, war die chinesische. Am 11. August hob die Notenbank den Referenzkurs der chinesischen Währung gegenüber dem US-Dollar an und wertete die eigene Währung zum ersten Mal seit 1994 ab. Nach 20 Jahren Aufwertung des Renminbi, die nicht zuletzt von den USA und anderen Industrieländern vehement gefordert worden war, kam dies einer Überraschung gleich und sorgte für eine enorme Verunsicherung. Sollte Chinas Wirtschaft so angeschlagen sein, dass es einer schwächeren Währung bedurfte, um dem Wachstum unter die Arme zu greifen? Hatte man nicht eigentlich schon immer vermutet, dass die offiziellen chinesischen Konjunkturdaten ein falsches Bild von der tatsächlichen Situation der Wirtschaft im Reich der Mitte zeichneten?

Der eigentliche Grund für die vergleichsweise moderate Abwertung um gut fünf Prozent war aber vermutlich ein ganz anderer. Mit dieser Maßnahme wollte China dem Floating (System frei schwankender Wechselkurse) näher kommen und die Voraussetzungen für eine Aufnahme des Renminbi in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds schaffen. Kurz vor dem Jahreswechsel ist diese prestigeträchtige Aufnahme tatsächlich gelungen. Im Oktober 2016 soll die chinesische Währung neben dem US-Dollar, dem Euro, dem japanischen Yen und dem britischen Pfund als fünfte Weltreservewährung in den erlauchten Kreis aufgenommen werden.

Der Instrumentenkasten der Notenbanken ist ausgeschöpft

Die Notenbank, die zuletzt für Schlagzeilen sorgte, war die US-amerikanische. Fed-Präsidentin Janet Yellen und ihre Kollegen beschlossen kurz vor dem Jahreswechsel, die Zinsen um 25 Basispunkte anzuheben. Genau vor sieben Jahren, am 16. Dezember 2008, hatte ihr Vorgänger Ben Bernanke angesichts der damals herrschenden schweren Finanz- und Wirtschaftskrise den Leitzins auf null Prozent gesenkt. An die letzte Zinserhöhung in den USA am 29. Juni 2006 können sich viele der jüngeren Börsianer gar nicht mehr erinnern, weil sie da noch die Schulbank gedrückt haben.

An den Finanzmärkten wurde der überfällige Trendwechsel zumindest in einer ersten Reaktion mehrheitlich begrüßt. Neben einer langfristig angelegten Vorbereitung der Märkte auf diesen Schritt dürfte das Ausbleiben von Turbulenzen vor allem auf zwei Dinge zurückzuführen sein. Zum einen betonte die Federal Reserve, dass sie zukünftig die Zinsen nur in homöopathischen Dosen erhöhen wolle, so dass nicht mit einem starken Anstieg zu rechnen sei. Zum anderen bemühte sich die Präsidentin der US-amerikanischen Notenbank in der anschließenden Pressekonferenz um eine sehr moderate Tonlage und langfristige Berechenbarkeit.

Trendwende für den Moment überstanden, doch wie geht es weiter? Hochrechnungen darüber, wann die Notenbanken vom Fahrersitz der Weltwirtschaft zurück auf ihren angestammten Platz als Beifahrer wechseln und von dort die Fahrweise beeinflussen sind illusionär. Die Schulden sind in den vergangenen Jahren nicht geringer geworden. Sie konnten wegen der rekordtiefen Zinsen nur besser ertragen werden. Angesichts eines anhaltenden Aufschwungs ohne Schwung und einer kaum noch spürbaren Inflation dürften die Zentralbanken für lange Zeit bei Ihrer aktuellen Politik bleiben. Weil der Instrumentenkasten aber weitgehend erschöpft ist, dürfte im neuen Jahr wohl kein Jahr der Notenbanken zu erwarten sein. Wie sagte doch schon Wilhelm Busch so treffend: „Das Trinkgeschirr, sobald es leer, macht keine rechte Freude mehr“!