BerufsunfähigkeitWenn der Körper nicht mehr kann

Psychische Erkrankungen sind eine häufige Ursache für die Berufsunfähigkeit
Psychische Erkrankungen sind eine häufige Ursache für die Berufsunfähigkeitdpa

Wenn Hubert Scherhag in seinem Dienstwagen zu Hausbesuchen ausrückt, wird er oft reserviert empfangen. Die Blicke, die ihm begegnen, scheinen zu fragen: Was will der Mann? Was ist seine Agenda?

Scherhag, ein 54-Jähriger im Cordjacket, ist kein Arzt, sondern Leistungsprüfer bei der Debeka-Versicherung. Er kümmert sich um Fälle von Berufsunfähigkeit (BU), die vom Schreibtisch aus schlecht zu klären sind. „Viele Kunden sind erst einmal skeptisch“, sagt Scherhag, der bundesweit unterwegs ist. Einige bitten zum Termin ihren Anwalt hinzu. „Ist mir recht“, sagt der Debeka-Mann. „Es geht uns darum, die Realität abzubilden.“ Dazu gehöre allerdings immer auch die nüchterne Frage: Ist dieser Fall wirklich abgesichert?

Denn ob jemand in seinem Job nicht mehr arbeiten kann, ist nicht leicht zu beurteilen. Beim Schutz geht es nämlich nicht um die Krankheit selbst, sondern um ihre Auswirkung auf den Arbeitsalltag. Gerade bei Selbstständigen werde daher oft über das Jobprofil gestritten, sagt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Der Jurist vertritt derzeit einen Installateur, dessen Knochen kaputt sind: Arthrose. „Bisher ist der Mann überall selbst herumgekrochen, wo Leitungen liegen, um solide Angebote kalkulieren zu können.“ Das könne er nun nicht mehr. Der Versicherer will trotzdem nicht zahlen – er argumentiert, diesen Teil des Jobs könne auch ein Angestellter erledigen. Schon ist der Streit da.

Wozu also überhaupt eine Berufsunfähigkeitsversicherung, fragen sich viele Deutsche – die zahlt ja im Zweifel sowieso nicht. Ganz falsch ist diese Ansicht nicht: Kaum eine andere Police ist so streitanfällig. Kaum eine andere bietet allerdings auch einen so komfortablen Rundumschutz: Wer seinen Job nicht mehr ausüben kann, bezieht eine Rente, mit der sich der Verdienstausfall kompensieren lässt.

Existenzieller Schutz

Weil es häufig vorkommt, dass der Wegfall des Einkommens die Existenz gefährdet, empfehlen Versicherer und Verbraucherschützer den BU-Schutz einhellig – jedenfalls allen, die von ihrer Arbeit leben. Ressentiments gegen die Policen sitzen trotzdem bei beiden Vertragspartnern tief: Kunden fürchten hohe Prämien und abgewehrte Ansprüche, Versicherer hohe Zahlungen für unberechtigte Ansprüche. Kurzum: Beide Seiten belauern sich wie Ringer auf der Matte.

Immerhin arbeitet die Branche seit Jahren an Verbesserungen – und das vielfach mit Erfolg, wie das aktuelle Rating des unabhängigen Analysehauses Morgen & Morgen (M&M) bestätigt. Die meisten Angebote glänzen dort mit Top-Konditionen. Noch wichtiger: In 75 von 100 Fällen leisten die Versicherer auch. Vor gut zehn Jahren lag diese Quote nur bei gut 60 Prozent. „Die Entwicklung läuft zugunsten der Kunden“, urteilt M&M-Analyst Thorsten Saal, der das Thema seit Jahren beobachtet. Auch die Kompetenz im Leistungsfall habe sich verbessert, etwa durch professionelle Schadensbearbeitung nach einheitlichen Richtlinien. Hinzu kommen Serviceleistungen wie Hilfen beim Ausfüllen der Anträge, die viele Versicherer telefonisch oder durch Vor-Ort-Betreuer wie Scherhag anbieten.