KapitalfluchtWarum sich eine Schwellenländer-Krise anbahnt

Ein Mann prüft bei einem Wohnungslosen die Körpertemperatur: Auch in Indien hat die Regierung einen Lockdown verfügt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindernimago images / ZUMA Wire

Aktien und Anleihen aus Schwellenländern haben sich in den vergangenen Wochen mit der Eskalation der Corona-Krise erneut als Hochrisiko-Anlageklasse erwiesen. Anleger mussten sogar noch höhere Verluste wegstecken als mit Aktien aus Industrieländern. Und es kann noch viel schlimmer kommen: Die hohen Kapitalabflüsse aus der Region erhöhen das Risiko einer zweiten Welle der Krise, welche die Industrieländer und die Kapitalmärkte ebenfalls hart treffen könnte.

Der März war einer der schlimmsten Monate seit langer Zeit für Aktienanleger. Der MSCI World-Index, der rund 1800 Aktien aus den Industrieländern enthält, hat im vergangenen Monat rund 14 Prozent an Wert verloren. Härter traf es Schwellenländer-Anlagen. Der Aktienindex MSCI Emerging Markets büßte im März 15,6 Prozent ein.

Und während sich Staatsanleihen aus den USA, Deutschland oder Frankreich in dieser Zeit als Stabilitätsanker im Depot erwiesen, verbuchten Bonds aus den Schwellenländern ebenfalls hohe Verluste. Ein von JP Morgan berechneter Index für Staatsanleihen aus Emerging Markets rutschte im März – in Dollar gerechnet – um rund 15 Prozent ab. „Die Risikoaufschläge haben sich massiv erhöht“, sagt David Newman, Chefanlagestratege für Hochzinsanleihen bei Allianz Global Investors. Dazu beigetragen habe der starke Dollar und der Ölpreisrutsch – denn im Schatten der Corona-Krise rüttelte im März auch noch der von Saudi-Arabien angezettelte Preiskampf bei Rohöl die globalen Kapitalmärkte durch.

„Bei einigen Schwellenländern wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“, sagt Newman. Und meint: Es gibt aktuell durchaus Emerging Markets mit robuster Verfassung, so dass es auch Anlagechancen gebe. Wer aktuell in einen ETF auf den genannten Index (beispielsweise iShares J.P. Morgan Dollar Emerging Markets Bonds ETF, ISIN IE00B2NPKV68) kauft, der kann eine Rendite von rund 5 Prozent einstreichen.

Aber die Risiken dabei sind auch hoch. Denn die Corona-Pandemie könnte die Schwellenländer schwerer treffen als die Industrieländer, warnt die UBS. Als Gründe nennen die Analysten der Schweizer Bank ein weniger robustes Gesundheitssystem, einen hohen Anteil so genannter informeller Beschäftigung ohne sozialen Schutz und Zweifel an der Nachhaltigkeit der Verschuldung.

Kapitalflucht schlimmer als während der Finanzkrise

Neben den fundamentalen Problemen litten Schwellenländer-Anlagen zuletzt auch von Kapitalabflüssen, die das Ausmaß während der globalen Finanzkrise bei weitem übertrafen. Die Ökonomen des Welt-Bankenverbandes Institut of International Finance (IIF) berechnen regelmäßig die Zu- und Abflüsse in Aktien und Anleihen der Schwellenländer. Doch so etwas wie zuletzt hat Jonathan Fortun aus dem Team von Chefvolkswirt Robin Brooks noch nicht erlebt. „Der Umfang und das Ausmaß des Covid19-Schocks ist so noch nie dagewesen“, schreibt der Ökonom. „Das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Abflusses während 90 Tagen im Jahr 2020 entspricht den schlimmsten aufgezeichneten Daten für ein Jahr.“ An diesem Befund ändere auch nicht, dass sich die Lage Ende März ein wenig stabilisierte, unter anderem wegen dem Eingreifen der US-Notenbank Federal Reserve.

Im ersten Quartal sind den IIF-Berechnungen zufolge 62,5 Mrd. Dollar aus Schwellenländer-Anlagen abgeflossen. Das war rund doppelt so viel wie auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise im Jahr 2008. Die meisten Abflüsse gab es demnach außerhalb Chinas. Die Performance von Schwellenländer-Anlagen wird seit langer Zeit vor allem von Zu- und Abflüssen („Flows“) bestimmt, die wiederum auf die globale Risikoneigung von Investoren reagiert. Das heißt, Staatsanleihen aus der Region werden im Grunde wie risikoreiche Hochzinsanleihen gehandelt und weniger auf Basis von nationalen Konjunkturdaten.