AnalyseGeht der Crash an den Börsen zu weit?

Börsencrash: Weltweit sind im März die Kurse an den Aktienmärkten abgestürztdpa

Es ist verständlich, dass die Investoren unter Schock stehen – angesichts eines Börsen-Absturzes, bei dem US-Aktien Tag für Tag massiv an Wert verlieren und kaum eine Bodenbildung erkennbar ist. Eine weltweite Rezession ist so gut wie sicher. Und doch sieht es so aus, als schieße die Angst über das Ziel hinaus.

Entscheidend sind derzeit nicht die Bewertungen der Unternehmen an sich – sondern die Politik. Um die Märkte im Angesicht des Coronavirus zu stabilisieren, braucht es die richtige politische Reaktion. Und alles weist darauf hin, dass sich Politiker und Notenbanker allmählich der Größe des Problems bewusst werden.

Die Fed erkennt die Zeichen der Zeit

Da ist zunächst die Geldpolitik: Die US-Notenbank Fed hat bereits ein Paket auf den Weg gebracht, das alles andere als Kleckerkram ist: Sie senkte den Leitzins auf annähernd null Prozent und plant Anleihekäufe im Umfang von mindestens 700 Mrd. Dollar. Auch soll die Kreditversorgung von Privathaushalten und Unternehmen mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen gesichert werden.

Und die Fed hat einiges an Spielraum. ING-Chefökonom James Knightley hat darauf hingewiesen, dass die US-Zentralbank Anfang 2015 4,5 Billionen Dollar in der Bilanz hatte. Also etwa 25 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Heute liegt sie bei 4,3 Billionen oder 20 Prozent des BIP. Um wieder auf 25 Prozent zu kommen, könnte sie eine weitere Billion Dollar in die Bilanz nehmen. Das ist nicht wenig.

Im Vergleich damit ist die Reaktion der Europäischen Zentralbank (EZB) enttäuschend. (Anm. d. Red.: Der Text ist entstanden, bevor die EZB ihr neues 750 Mrd. Euro umfassendes Anleihenaufkaufprogramm angekündigt hat.) Es war auch wenig hilfreich, dass EZB-Chefin Christine Lagarde in linkischer Manier andeutete, es sei nicht ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass sich die Zinsen angleichen, zu denen sich Euro-Mitgliedsstaaten verschulden. Weiter kann man eigentlich gar nicht von der Sprache ihres Vorgängers Mario Draghi abweichen. Allerdings zeigt sich darin auch ein grundlegendes Merkmal der Corona-Krise: Die Geldpolitik kann nicht viel machen, wenn die Leitzinsen ohnehin schon negativ sind. Keine Frage: Es schlägt die Stunde der Fiskalpolitik.

Und da sieht es gar nicht schlecht aus: Die deutsche Bundesregierung, bisher fiskalisch extrem konservativ, hat sich bereit erklärt, de facto alles zu tun, um Unternehmen und private Haushalte vor den wirtschaftlichen Konsequenzen der Epidemie abzuschirmen. Und das will etwas heißen. Frankreich, Italien und Spanien gehen in die gleiche Richtung – voll auf Expansion.

Das Krisenmanagement sieht damit völlig anders aus als noch in der Finanzkrise von 2008 und 2009. Es ist eben deutlich leichter zu erklären, dass man Steuergelder für den Kampf gegen eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit einsetzt als begründen zu müssen, warum Banken geholfen werden sollte, die zuvor alles getan haben, um die Weltwirtschaft an die Wand zu fahren.

Qualität geht bei der Anlage derzeit vor

Ein gutes Zeichen ist auch, dass Risiken an den Märkten deutlich strenger bewertet werden als noch vor kurzem. Hohe Renditen sind derzeit nicht das Maß aller Dinge. Wie Daten der Analysefirma EFPR Global zeigen, flossen zuletzt aus dem Markt für hochverzinsliche Anleihen Summen in Rekordhöhe ab. Das gleiche gilt für Anleihen in Wachstumsmärkten und Aktienfonds.

Qualität geht bei der Anlage derzeit also vor. Und zugleich steht das Bankensystem deutlich stabiler da als noch 2008. Die Aktienkurse sinken, aber vom Markt für Kreditausfallversicherungen kommen bisher keine Warnsignale. Zwar gab es einen Absturz im Markt für Kredite an hochverschuldete Unternehmen, doch den Schaden tragen hier zum großen Teil keine Banken. Das Notfallprogramm der Fed für kurzfristige Kredite hat darüber hinaus das Risiko abgemildert, dass Hedge Fonds in bedrohliche Liquiditätskrisen hineinsteuern könnten.

Pensionsfonds mit vorgegebenen Auszahlungsplänen könnten zu den größten Opfern des Marktbebens werden. Ihre Verbindlichkeiten werden im Verbund mit der Flucht in höherwertige Anlagen zu einem Problem: Niedrigere Anleiherenditen lassen sich immer schwerer mit zugesagten Auszahlungen der Pensionsfonds vereinbaren, die Verbindlichkeiten gehen also durch die Decke. Da Aktienkurse und die Bewertung alternativer Anlageinstrumente sinken, leidet das Portfolio der Fonds. Allerdings gilt auch: So lange die Unternehmen Dividenden zahlen, bringen Aktien auch Geld rein, mit denen Pensionen bezahlt werden können.

Für Optimismus ist es noch zu früh

Ein Problem haben vor allem Menschen, die demnächst in den Ruhestand gehen – ihre Bezüge werden spürbar sinken. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich stark diversifizierte Fonds in diesem Marktbeben entwickeln: Deren Verkaufsargument war ja immer, dass sie ähnlich wie Aktien performen aber weniger riskant sind als Investitionen in den Aktienmarkt insgesamt. Seit langem wird die Frage diskutiert, ob derartige Fonds weniger volatil sind und damit Investoren besser absichern. Es könnte sein, dass dieses Jahr eine Antwort auf diese Frage bringt.

Ist am Kapitalmarkt schon Zeit für Optimismus? Das wäre wohl noch zu früh, da wir vieles über das Coronavirus einfach noch nicht wissen. Eines aber lässt sich schon sagen: In den Teilen des Marktes, die am schlimmsten getroffen wurden, könnte die Reaktion zu stark ausgefallen sein.

Copyright The Financial Times Limited 2020

 


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