AltersvorsorgeWarum Niederländer mehr Rente als zuvor Gehalt bekommen

Senioren auf motorisierten Rollstühlen auf einem betonierten Wellenbrecher am Strand von Scheveningen
Senioren auf motorisierten Rollstühlen auf einem betonierten Wellenbrecher am Strand von Scheveningendpa

Von wegen Angst vor Altersarmut: Junge Menschen blicken erstaunlich optimistisch in die Zukunft, zeigt eine aktuelle Studie des Versorgungswerk Metallrente. 84 Prozent der 17- bis 27-Jährigen in Deutschland sind überzeugt, dass es auch in Zukunft eine gute Rente geben wird, wenn der Staat dieses Ziel ernsthaft verfolgt. Sie zweifeln aber daran, dass die Politik die wichtige Wende in der Rentenpolitik schafft. Diese Sorge ist nicht unbegründet: Ein heute 20-Jähriger in Deutschland hat nach derzeitigen Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Alter nur 51 Prozent seines vorigen Nettoeinkommens zur Verfügung. In den Niederlanden liegt die Quote nach gleichen Berechnungen bei 105 Prozent. Was machen die Niederländer anders als Deutschland? Und wie kann es sein, dass Menschen nach dem Renteneintritt sogar mehr Geld zur Verfügung haben als vorher?

Die Niederländer nennen ihr Rentensystem das „Cappuccino-Modell“. Die Basis bildet die staatliche Grundrente. Sie ist quasi der Kaffee im Cappuccino: Der Staat zahlt an alleinstehende Rentner 70 Prozent des Mindestlohns, bei Paaren gibt es pro Partner 50 Prozent. Singles bekommen somit brutto etwas mehr als 1200 Euro pro Monat an Grundrente. Wer weniger als 50 Jahre im Land gelebt hat, muss pro Jahr, das er im Ausland verbracht hat, zwei Prozent abgeben. Der Staat zahlt die Rente ab dem offiziellen Renteneintrittsalter an jeden Bürger, egal ob derjenige davor in das System eingezahlt hat. Derzeit können Niederländer mit 66 Jahren in Rente gehen, ab dem Jahr 2021 müssen sie bis zum 67. Lebensjahr warten.

Betriebliche Altersvorsorge ist Pflicht

Nach dem Kaffee folgt der Milchschaum auf den Cappuccino: die betriebliche Altersvorsorge. Gemeinsam mit der Grundrente erhalten Angestellte in den Niederlanden so bis zu 100 Prozent ihres letzten Nettoverdienstes als Rente, wenn sie bis zum offiziellen Renteneintritt arbeiten. Die betriebliche Vorsorge ist für alle Angestellten verpflichtend und gilt für rund 90 Prozent der Niederländer. Die private Altersvorsorge rundet das niederländische System dann schlussendlich ab – wie der Kakao auf dem Milchschaum.

In Deutschland sorgt laut Yougov-Studie mehr als die Hälfte nicht privat vor. Auch die betriebliche Altersvorsorge ist eher unbeliebt. Nur 35 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer nehmen die betriebliche Zusatzvorsorge laut einer Umfrage der Marktforscher von Yougov in Anspruch – schließlich ist diese im Gegensatz zum niederländischen Modell nicht Pflicht. Dabei ist die Versorgungslücke in Deutschland groß. Wer nicht zusätzlich privat vorsorgt, muss im Alter im schlimmsten Fall mit erheblich weniger Geld auskommen, mahnen Verbraucherschützer.

Bundessozialminister Hubertus Heil fordert deshalb eine abgeschwächte Form der niederländischen Grundrente. Künftig sollen alle, die 35 Jahre oder mehr gearbeitet und dabei in die Rentenversicherung eingezahlt haben, eine Mindestrente bekommen. Die Bedürftigkeit des Antragsstellers soll wie in den Niederlanden nicht überprüft werden. Laut einem Beispiel von Heil soll beispielsweise eine Friseurin, die 35 Jahre lang Rentenbeiträge gezahlt hat, mit der deutschen Grundrente dann 961 Euro statt 514 Euro zur Verfügung haben. Gegen die steigende Altersarmut in Deutschland sei der Vorschlag jedoch unwirksam, sagen Kritiker. Der Verband der Verbraucherzentralen und das Münchener Ifo-Institut hatten beide in den vergangenen Monaten Vorschläge zur Rentensteigerung mittels einer Anlage in Fonds gemacht. Beide Modelle wurden jedoch als undurchdacht und unwirksam kritisiert.