Capital erklärtAktienmärkte - Aufschwung mit Absturzgefahr

Die Aktienmärkte haben den Corona-Crash rasch verdaut. Wie hier in Tokio ging es wieder bergaufimago images / Kyodo News


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: Die Entwicklung der Aktienkurse  – mit Capital-Finanzredakteurin Nadine Oberhuber


Die Entwicklung der Aktienmärkte und der Realwirtschaft driften derzeit erstaunlich weit auseinander. Warum ist das so?

Die Finanzmärkte nehmen damit die Erholung vorweg, die jetzt wohl in der Wirtschaft eintreten wird: Die Corona-Pandemie schwächt sich zurzeit etwas ab und vielerorts sind die Lockdowns aufgehoben worden, die zuvor die wirtschaftliche Entwicklung gebremst haben. Das wird der Wirtschaft wieder mehr Schwung verleihen. Und auch wenn die Öffnung noch schleppend verläuft und wir derzeit viele schlechte Nachrichten über wegbrechende Auftragseingänge und fehlende Umsätze hören: Die Anleger feiern den nahen Aufschwung schon jetzt. Denn die Analysten überschlagen bereits, zu welchen Aufholeffekten es wohl künftig kommen wird und mit welchen Umsätzen und Gewinnen die Wirtschaft in den nächsten Wochen oder Monaten rechnen kann. Sie berechnen bereits die zu erwartenden Gewinne. Das ist der Grund, weswegen die Aktienkurse höher stehen als man es aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage annehmen würde. In Börsianersprache: Die Märkte haben bereits viele positive Entwicklungen eingepreist, die wir erst in der Folgezeit sehen werden. Interessant ist allerdings: Wenn man sich ansieht, wie hoch Aktien heute bewertet sind, dann denken die Börsianer sozusagen zwei Jahre voraus. Sie nehmen bereits die Gewinnerwartungen bis ins Jahr 2022 vorweg. Da darf man sich schon fragen, inwieweit das wirklich gerechtfertigt ist. Und ob das angesichts der immensen Unsicherheit zurzeit nicht etwas sehr optimistisch gerechnet ist.

Woher nehmen die Märkte ihren Optimismus?

Erstens sehen sie die riesigen Konjunkturpakete, die viele Regierungen geschnürt haben. Und auch die Notenbanken haben gezeigt, dass sie alles tun werden, um die Märkte zu stützen und der Wirtschaft unter die Arme greifen, damit die Unternehmen so wenig Schäden wie möglich erleiden. Der zweite Punkt, der für Optimismus sorgt, ist: Die Lockdowns sind vielerorts weitgehend aufgehoben worden. Fabriken, Geschäfte, Gastronomie und Tourismus öffnen allerorts nach der langen Schließungszeit wieder. Deshalb hoffen Ökonomen nun, dass ein riesigen Nachholbedarf bei Konsumenten besteht und dass sie jetzt all das machen, was sie auch vor der Krise taten: nämlich konsumieren, einkaufen und die Wirtschaft damit wieder ankurbeln.

Kann dieser Nachholbedarf hoch genug sein, um alles Verlorene wettzumachen?

Längerfristig sicher, aber kurzfristig darf man schon skeptisch sein. Denn ein Blick in die Historie sagt, dass Menschen gerade in Rezessionsphasen dazu neigen, mehr zu sparen. Zurzeit sind 7,3 Millionen Mitarbeiter hierzulande in Kurzarbeit, das ist rund jeder sechste Beschäftigte. Viele haben Einkommensverluste, manche bangen um ihre Jobs oder um den Fortbestand ihrer Fima. Diese Menschen werden ihr Geld jetzt nicht sofort mit vollen Händen für den Konsum rauswerfen, sondern erst einmal versuchen, es zusammenzuhalten. Oder abgeschmolzene finanzielle Puffer wieder aufzubauen. Man hat in solchen Phasen immer gesehen, dass die Sparquote steigt, um circa eineinhalb Prozentpunkte. Die Bereitschaft, das Geld zu „verkonsumieren“ steigt also nicht unbedingt. Nun hat die Bundesregierung zwar gerade die Senkung der Mehrwertsteuer beschlossen, um genau dem entgegenzuwirken. Man hofft daher, dass die Verbraucher bis Ende des Jahres viele Anschaffungen tätigen, die sie sonst verschoben hätten. Aber wir müssen abwarten, ob das wirkt.

Die Dimensionen der Krise

Wie stark haben sich wichtige Märkte wie der Dax oder der Dow Jones seit ihrem heftigen Einbruch wieder erholt?

Es ist wirklich überraschend, aber auf den schnellsten Absturz aller Zeiten folgte bereits der schnellste Aufschwung, den die Märkte bisher gesehen haben: Inzwischen haben sich die großen Aktienindizes schon wieder auf 90 Prozent der Höchststände heraufgearbeitet, die wir zuletzt im Februar gesehen haben. Der Dax stand Ende Februar bei 13.800 Punkten. Im Crash zerlegte es ihn dann auf ungefähr 8.400 Punkte, das war ein Sturz von knapp 40 Prozent. Jetzt steht er bereits wieder bei 12.500 Punkten, also ungefähr auf dem Niveau, auf dem er Mitte des Jahres 2019 stand. Aktuell hat er wieder etwas nachgegeben. Gerade weil nicht nur der Absturz sondern auch die Erholung so schnell verliefen, fragen sich viele Kritiker, ob das derzeit wirklich ein nachhaltiger Aufschwung ist.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Ist die Krise damit denn jetzt schon vorbei?

Das bleibt bisher die große Frage. Bis zum Ende des ersten Halbjahres werden die Unternehmen noch viele Zahlen melden, anhand derer uns erst die gesamten Auswirkungen des Wirtschaftsabsturzes klar werden. Sämtliche Produktionsrückgänge oder Umsatzeinbrüche. Viele Nachwirkungen aber werden wir aber erst im dritten Quartal in den Bilanzen lesen können: Wo ließ sich die Produktion nicht genauso schnell wieder herauffahren wie sie abgestürzt ist? Wo gab es Liquiditätsengpässe, die Unternehmen in die Verschuldung getrieben haben? Oder wo kehrten Kunden nach dem Lockdown nicht zurück, weil sie sich anders orientiert und Zulieferer oder Produkte ersetzt haben? Erst dann wissen wir, wie schlimm die Auswirkungen dieses Wirtschaftseinbruchs wirklich waren.

Kann der Kursaufschwung denn weitergehen, angesichts der Rezession und schlechter Konjunktur- und Unternehmenszahlen?

Die Optimisten sagen: Ja, er wird weitergehen, weil das Schlimmste anscheinend überstanden ist. Nun werde der Aufschwung kommen, sagen sie. Und die Erholung der Wirtschaft gehe schnell vonstatten, weil viele Nachholeffekte die Wirtschaft wieder ankurbeln werden: Aufgeschobene Investitionen und aufgeschobener Konsum würden schon im kommenden Jahr zu hohen Wachstumsraten führen. Das beflügele die Kurse.
Die Pessimisten sind sich allerdings nicht so sicher, sie befürchten, dass es zu einer zweiten Pandemiewelle kommen könnte. Und die träfe uns nicht nur auf gesundheitlicher Ebene, sondern auch noch einmal schwer auf wirtschaftlicher. Viele Unternehmen haben die Krise bisher nur deshalb überstanden, weil sie Hilfsgelder vom Staat bekamen und Überbrückungsfinanzierungen von den Banken. Die Frage ist: Wie schnell kommen sie wieder auf die Beine, um die Kredite zurückzuzahlen? Noch hat der Konsum nicht in dem Maße wieder angezogen, dass alle Unternehmen wieder auskömmlich wirtschaften können. Und auch wegen der Hygienevorschriften werden die Umsätze vieler Firmen geringer ausfallen als vor der Krise. Viele bleiben also noch länger geschwächt. Umso fataler wäre es, wenn wir eine zweite Lockdown-Welle erleben würden. Eines ist klar: Die Insolvenzzahlen steigen in Rezessionen immer. Die Frage ist nur, wie stark steigen sie diesmal? Da gibt es erschreckende Prognosen, laut einer Umfrage des Ifo Instituts sagt jedes dritte Unternehmen, dass es noch dieses Jahr in Zahlungsschwierigkeiten geraten könnte.

Was bedeutet das für Anleger?

Anleger sollten darauf vorbereitet sein, dass die Märkte weiter stark schwanken werden. Es wird nicht einfach weiter rasant bergauf gehen. Denn man merkt bereits, dass die Unsicherheit aller Marktbeteiligten groß ist. Da braucht es oft nur ein paar schlechte Nachrichten, damit die Marktstimmung wieder in die ängstliche Richtung umschlägt. Mein Rat wäre daher: Jetzt bloß nicht übermütig werden und nicht auf Hochrisikoanlagen setzen, an die man sich vorher noch nie herangetraut hat. Tatsächlich sollte man gerade jetzt darauf achten, Qualitätsprodukte zu kaufen, sei es nun bei Fonds oder Einzelaktien. Man sollte in defensivere Produkte investieren. Das heißt für Einzelaktien: Unternehmen wählen, die man wirklich kennt. Also große und stabile Traditionsunternehmen, die vor der Krise stetig Gewinne erwirtschafteten, hohe Cash Flows haben und wenig verschuldet sind. Und noch ein dringender Appell: Wer beim Crash im März wirklich Panik bekommen hat und sich unwohl fühlte – der soll jetzt lieber seine Aktienquote reduzieren und ein paar Aktien und Fondsanteile verkaufen, für den Fall, dass ein zweiter Marktabsturz kommt. Der sollte jetzt aus dem Risiko aussteigen und lieber mehr Cash halten. Noch besser aber wäre natürlich: Die Nerven behalten und darauf vertrauen, dass sich der Markt nach jedem Crash wieder erholt. Bisher hat er das noch immer getan. Aktien haben ja gerade erst bewiesen, wie schnell sie sich wieder erholen können – und dass man als Aktien- oder Fondsanleger nicht die allergrößten Ängste haben muss.

Wie haben sich Privatinvestoren im Crash im Vergleich zu Großinvestoren geschlagen?

Interessant war in diesem Crash eines: Viele Privatinvestoren blieben investiert, sie haben offenbar Mut und Vertrauen in den Aktienmarkt. Das ist gut! Denn Kaufen-und -Halten heißt noch immer die Devise. Zu viel Trading dagegen vernichtet immer nur Rendite. Und: Die Privatanleger waren es auch, die den Wiederanstieg der Kurse maßgeblich befeuerten, weil sie die günstigen Einstiegskurse im März dazu nutzten, Aktien und Fonds nachzukaufen. Viele große Fondmanager und Vermögensverwalter dagegen halten im Moment unglaubliche Cash-Bestände. Das haben wir so noch nie erlebt. Normalerweise sind es die Profis, die als Erste wieder kaufen und dann die Kurse so schnell treiben, dass es für Privatanleger oft schon zu spät ist, wieder einzusteigen. Jetzt aber halten sich die institutionellen auffällig zurück. Das kann eigentlich nur einen Grund haben: Sie glauben, dass der Markt noch einmal einbrechen wird und sie dann billig nachkaufen können.
Daher streitet derzeit die Investmentgemeinde darüber, was das für die nahe Zukunft bedeutet: Da die Kurse davongaloppieren, müssten auch die Profis bald nachziehen und ihr Geld am Markt platzieren. Das triebe die Kurse enorm weiter. Oder aber wir werden in nächster Zeit tatsächlich einen erneuten Absturz erleben – dann hätten die Profis gut daran getan, noch nicht zu kaufen. Es wäre aber auch für Privatanleger kein Beinbruch – sofern sie es schaffen, auch im nächsten Crash wieder an ihren Fonds festzuhalten.

 


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