AktienmarktIst die Zeit der Value-Investoren vorbei?

Händler mit Mundschutz an der New Yorker Börseimago images / Xinhua

Am Donnerstag flatterten die Nerven der Börsianer hierzulande gehörig. An jenem Tag nämlich, an dem die EZB zusammentrat, um in ihrer jüngsten Sitzung die weitere Strategie zu verkünden. Die Nervosität der Aktienkäufer kann man gut am Kurs des Dax ablesen: Er zuckte im Zweihundertpunkteband wild seitwärts und fiel zeitweise auf 12.300 Punkte ab. Bis die Botschaft der Europäischen Zentralbank kam: Sie pumpt noch mehr Geld in die Märkte und wird weiter Anleihen aufkaufen. Soweit hatte der Markt das auch erhofft, ja vielleicht sogar erwartet. Doch de EZB legte auf das Erwartete sogar noch eine Schippe drauf: Für weitere 600 Mrd. Euro will sie nun weitere Anleihen aufkaufen. Zusätzlich zu den bereits geplanten 750 Milliarden, die sie bereits als Coronahilfen zugesagt hatte. Zuvor waren Marktbeobachter von nur 500 weiteren Mrd. Euro ausgegangen. Damit schnürt die Notenbank das gigantischte Konjunkturpaket, dass die europäischen Börsen bisher gesehen haben. In der Folge stürmten die Käufer den Markt.

Am Freitagmorgen startet der deutsche Leitindex Dax mit sagenhaften 12.700 Punkten in den Handelstag. Ein paar Zähler gab er zwar auch rasch wieder ab, aber der Optimismus der Börsianer ist unübersehbar. Sie decken sich mit Aktien ein. Auch weil die Bundesregierung ebenfalls ein weiteres Konjunkturpaket aufgelegt hat, das der notleidenden Wirtschaft wieder auf die Beine helfen soll. Die Käufer treiben also die Erholung nach dem Corona-Crash weiter kräftig voran: Inzwischen notiert der Dax nur noch 10 Prozent unter seinem Vorkrisenstand. Er ist bereits wieder auf dem Niveau angekommen, das er zuletzt im Oktober hatte. Und auf Jahressicht schreibt er schon wieder ein kleines Plus von 3,83 Prozent. Auf zehn Jahre sind es immerhin schon wieder 109 Prozent Wertgewinn. Auch der amerikanische S&P steht derzeit nur noch acht Prozent unter Wasser. Die Börsen sind also schon fast wieder dabei, einen Strich unter die Krise zu ziehen.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Und interessanterweise sind es gerade die Privatanleger, die diesen Aufschwung treiben, sagen die Absatzstatistiken.  Vor allem Selbstentscheider und Depotbesitzer drückten die Ordertasten in den letzten Wochen und stiegen zu Kursen ein, die ihnen günstig erschienen. Das befeuerte die Indizes enorm. Die Skepsis vieler Fondsmanager und Großinvestoren ist dagegen groß. Viele Profis sind zurzeit nur mit minimalen Aktienquoten am Markt unterwegs. Sie halten stattdessen hohe Cashbestände, teilweise von bis zu 40 Prozent. Das ist weit mehr als das Übliche. Warum? Weil sie immer noch glauben, dass ein weiterer schwerer Kursdämpfer bald bevorstehen könnte. Weil es nämlich schlichtweg nicht sein könnte, dass sich Finanzwirtschaft und Realwirtschaft so weit und so nachhaltig voneinander entkoppeln, so sagen sie.

Tech-Werte schlagen Value-Aktien

Mal unabhängig von der Frage, ob es nun den zweiten Absturz geben wird oder nicht, also die zweite Welle am Kapitalmarkt – man darf zurecht über das große Kursfeuerwerk staunen. Vor allem, wenn man sich ansieht, wer dabei in den letzten Wochen gewonnen hat: Laut einer Auswertung der Ratingagentur Morningstar zeichnet sich nämlich ein ganz klares Bild zugunsten der Wachstumswerte ab. Growth-Titel lagen weit vor den Value-Titeln bei dieser Post-Corona-Rally. Das ist nicht ganz überraschend, wenn man sich alleine ansieht, wie stark die Tech-Aktien seit März wieder zugelegt haben, die ja klassische Wachstumswerte sind.

Interessant ist aber, dass die Wachstumswerte nicht nur auf Monatssicht voranstürmen, sondern dass sie auch auf Jahressicht und Dreijahressicht deutlich besser abgeschnitten haben als die wertorientierten Value-Titel. Denn heißt es nicht immer, die Wachstumswerte würde bei einem Crash stärker gebeutelt? Sie stürzten also umso rasanter bergab, auch wenn sie sich danach oft wieder schnell erholten. Das Gegenteil war diesmal der Fall: In der Coronakrise fiel der amerikanische S&P500 um gut 30 Prozent, inzwischen erholte er sich wieder auf 90 Prozent seines Januarstands. Zerlegt man ihn nun in die Value- und Growth-Werte, so errechneten US-Analysten, dann verloren die Growth-Werte nur 25 Prozent im März. Inzwischen liegen sie wieder bei 100 Prozent, also so hoch wie im Januar. Die Value-Werte dagegen stürzten sogar um 40 Prozent ab, also tiefer als die Wachstumstitel und als der Gesamtindex. Und sie stehen heute erst wieder bei 80 Prozent ihres Januar-Werts.

Mehr noch: Das Hinterherhinken der Value-Titel lässt sich bereits seit 10 Jahren beobachten, also während des gesamten vergangenen Booms. Wann also soll nun eigentlich ihre große Stunde wieder schlagen, wenn es weder im Abschwung, noch im Aufschwung dazu kommt? Oder hat sich das Konzept gar überlebt? Vielleicht ist die Zeit der Value-Investoren ja längst vorbei, weil die unaufhaltsamen Wachstumstitel, insbesondere die großen Techriesen, längst die Führung an der Börse übernommen haben. Aber keiner hat es bisher wahrhaben wollen.