Unternehmensanleihen Warum Anleihenfonds derzeit ein riskantes Investment sind

Symbolbild Geldanlage
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Anleger kaufen zurzeit wie verrückt Anleihenfonds. Das ist eine gewagte Idee, denn die Preisaufschläge sind zurzeit hoch, die Renditen dagegen sinken. Und welche Firmen die Krise überleben, ist noch längst nicht ausgemacht

Auf den ersten Blick klingt es nach einer guten Nachricht: Nach den Rekordabflüssen im März hat die Fondsbranche im April wieder mächtig viel neues Geld eingesammelt. Die Anleger, die zuvor ihr Pulver ins Trockene gebracht hatten, kehrten also in Scharen zurück an den Markt. Soweit, so erfreulich, doch der Wermutstropfen kommt jetzt: Denn was kauften die Investoren im April, Privatinvestoren zumeist? Sie stürmten in Anleihenfonds. In jene vermeintlich sichereren Papiere, von denen es oft heißt, sie würden dem Depot mehr Stabilität verleihen. Von den rund 47 Mrd. Euro, die im April zurück in den europäischen Fondsmarkt flossen, landeten fast 30 Milliarden im Anleihenbereich. Dort aber legten sich Anleger keine Staatsanleihen zu – was man ja verstehen kann angesichts derer unattraktiv niedrigen Renditen – sondern sie deckten sich mit Unternehmenspapieren ein. Und mit sehr vielen Hochzinsanleihen, den sogenannten High Yield Bonds.

Nun klingen hohe Zinsen natürlich verlockend. Vor allem in diesen Zeiten, in denen mit vielen anderen Festverzinsern keine nennenswerten Erträge mehr zu erzielen sind. Und viele Käufer ließen sich bei ihrem Investment vermutlich davon verlocken, dass die Zentralbanken weltweit gerade den Anleihenmärkten einen Freibrief ausstellten, indem sie Unmengen an Geld auf den Markt warfen und ankündigten: Bevor der Anleihenmarkt wegen des freien Falls der Kurse austrocknet, werden sie auch riskantere Bonds kaufen, vor allem auch Unternehmensanleihen.

Auch die Europäische Zentralbank EZB wird in der kommenden Woche ihre weitere Marschroute bekanntgeben und wohl genau diese Strategie bekräftigen, glauben Marktbeobachter. Sie hat im Grunde gar keine andere Chance, denn rund 220 Mrd. Euro hat sie bereits in den Anleihenmarkt gepumpt. Und ihr Etat ist bald erschöpft – zu schnell, um die harte Herbstsaison noch abzufedern. Von daher wird sie wohl ihr Kaufprogramm verlängern und noch mindestens bis zum Jahresende weiter Anleihen kaufen, wenn nicht sogar bis zum Ende des ersten Quartals 2021. Spätestens dann dürfte das Schlimmste vorüber sein.

Sie heißen nicht umsonst „Schrottanleihen“

Das klingt ja für Anleihenkäufer erst einmal nach einer sicheren Sache: Mehr Geld im Anleihenmarkt bedeutet weitere Stabilität. Und Auswahl an neuen Papieren gibt es ja wahrlich genug: Das Wachstum bei den Firmenkrediten hat sich allein von Januar bis April um gigantische 150 Prozent gesteigert. Und es ist weltweit auf ein Niveau angestiegen, das der Globus zuletzt im Nachkriegsjahr 1950 gesehen hat. Den notleidenden Firmen für ihre Wiederaufbauarbeit nach Corona das nötige Geld zu leihen ist im Grunde auch gar keine schlechte Idee. Wenn man dabei auf die guten Schuldner setzt. Also auf jene, die das Geld auch tatsächlich zurückzahlen werden. Woran man die erkennt? Daran, dass sie eben gerade keine hohen Zinsen zahlen. Haben sie nämlich gar nicht nötig.

Man muss daher gerade bei den Hochzinsanleihen noch einmal ausdrücklich betonen, dass sie ja nur genau deswegen so hohe Zinsen abwerfen, weil bei ihnen auch das Risiko außergewöhnlich hoch ist. „Schrottanleihen“ heißen solche Papiere nicht umsonst auch in der Umgangssprache der Finanzprofis. Und genau in solchen Schrottpapieren suchen Anleger nun nach mehr Sicherheit in dieser Krise. Darüber darf man sich zumindest wundern. Vor allem, weil die Käufer wirklich im großen Stil Privatanleger waren. Warum legten sie sich nicht lieber neue Aktienfonds ins Depot? Möchte man sie gern fragen.

Nun gab es natürlich viele, die sich gerade im März darin bestätigt fühlten, dass Aktien ein riskantes Investment sind. Der rasante Marktcrash zeigte es ja scheinbar, indem er die Kurse binnen weniger Tage um bis zu 40 Prozent in die Tiefe stürzen ließ. Doch jeder, der das denkt soll sich einmal Folgendes vergegenwärtigen: Seitdem haben die großen Aktienindizes wieder satt zugelegt, der deutsche Leitindex Dax beispielsweise 37 Prozent. Wer also zu hundert Prozent in Aktien investiert war (was gute Vermögensverwalter natürlich aus Gründen der Risikostreuung nie einem Kunden raten würden, aber angenommen, man wäre einer dieser Hochrisikoanleger...), bei dem würde das Depot aktuell noch eine Delle von 14 Prozent ausweisen. Das ist wenig. Das Depot wäre ungefähr wieder auf dem Stand von Oktober 2019. Klingt das nun so dramatisch? Doch wohl eher nicht.

Hat man allerdings im März das Geld panisch aus dem Markt abgezogen, und es stattdessen in Anleihenfonds geschoben, so hat man zumindest diesen Aktien-Aufschwung satt verpasst. Aber nicht nur das.

Viele Anleger haben teuer eingekauft

Man hat dafür jetzt auch viele Anleihen im Depot liegen, die man vermutlich sehr teuer eingekauft hat. Denn gerade im März waren die Preisaufschläge bei Anleihen – also die Spreads zwischen Ankaufs- und Verkaufskursen - extrem hoch. Im Schnitt nämlich betrugen die Aufschläge gerade bei den Hochzinsanleihen im März bei vielen Branchen rund 9 bis 15 Prozentpunkte, sagen Zahlen der Ratingagentur Moody´s. Am schlimmsten traf es dabei die Anleihen aus dem Transportsektor, die 14,5 Prozentpunkte nach oben schossen, bei Öl- und Gasunternehmen waren es rund 11 Prozent, beim Handel schlugen die Händler knapp 9 Prozent auf die Papiere auf. Das waren natürlich auch die am schwersten gebeutelten Branchen. Doch selbst bei den Investmentgrade-Bonds, also den Unternehmensanleihen guter Bonität liegen die Spreads aktuell noch bei 1,65 Prozentpunkten. Das ist fast ein halber Prozentpunkt mehr als im langfristigen Mittel.

Inzwischen haben sich die meisten Spreads wieder ein Stück verringert - zumindest bei den Krisenbranchen. Und auch bei den Investmentgrade-Papieren werden die Spreads weiter absinken bis zum Jahresende, schätzen die Analysten. Das heißt aber vor allem eins: Anleger, die bereits im März ihr Geld in Anleihen und Anleihenfonds geschichtet haben, haben ziemlich teuer eingekauft. In einigen Branchen sind die Preisaufschläge für Anleihen auch erst etwas später angestiegen: Auch jetzt Ende Mai lassen sich zum Beispiel noch Aufschläge von rund 8 Prozentpunkten bei Immobilienanleihen beobachten, bei Anlagegütern sind es rund 7,3 Prozentpunkte, zyklische Konsumwerte und die Gamingindustrie werden auch mit einem Preisaufschlag von rund 7 Prozent gehandelt. Im Schnitt liegen die High-Yield-Preisaufschläge aktuell bei 7,34 Prozentpunkten, sagt Moody´s. Das ist enorm weit vom langfristigen Durchschnitt entfernt: Der liegt nämlich nur bei 2,61 Prozentpunkten. Diese Aufschläge müssen die Papiere in der Folgezeit also erst einmal wieder für den Anleger „hereinarbeiten“.

Was nicht so einfach sein wird, denn die Erträge aus Anleihen werden sich in den kommenden Quartalen nicht verbessern, sondern sie werden sich im Gegenteil deutlich verringern. Bei den Renditen sah es nämlich so aus, sagen die Analysten von Moody´s, dass Unternehmensanleihen mit dem Hochzinsrating Rating Baa- noch im März rund 5,43 Prozent abwarfen. Schon jetzt im Mai liegt ihre Rendite aber nur noch bei 3,01 Prozent. Bei Industriepapieren derselben Ratingkategorie kann man zwar noch mit 4,05 Prozent Rendite rechnen, aber auch das sind rund 1,5 Prozentpunkte weniger als noch im März.

Der Aufschwung braucht Zeit

Und jetzt erst kommt die große Unbekannte: Denn die große Frage der Folgemonate wird nicht nur sein, wie sich die Renditen der Firmenanleihen entwickeln, sondern vielmehr, welche der Hochzinsanleihen nun wirklich auch langfristig durchhalten. Denn angesichts der Schwere der Corona-Wirtschaftskrise ist längst nicht ausgemacht, welche Unternehmen die Probleme wegstecken werden und zu alter Größe zurückfinden. Und welche den künftigen Einbußen nicht gewachsen sind. Denn mit der weitgehenden Rückabwicklung des Lockdowns sind ja noch längst nicht alle Probleme gelöst. In vielen Betrieben gilt es erst jetzt, die Lieferketten wieder in Gang zu bringen, die Produktion wieder hochzufahren und auch der Konsum, der zwei Monate brachlag wird nicht in wenigen Tagen wieder so üppig sein wie vor der Krise.

Viele Menschen haben die Lust auf große Anschaffungen verloren oder das Geld dafür. Und viele Dienstleister, Hotel- oder Gastronomiebetriebe müssen ihre Läden jetzt mit deutlich verringerten Kapazitäten betreiben. Wegen der Abstands- und Hygieneregeln ist kein flottes „zurück auf Normalnull“ möglich. Das bedeutet natürlich geringere Einnahmen bei dennoch hohen Kosten. Und gerade über die Erträge der Unternehmen lässt sich zurzeit wenig sagen: Fast Zweidrittel aller Unternehmen im amerikanischen Index S&P 500 haben ihre Umsatz- und Ergebnisprognosen kassiert. Vor allem die Branchen zyklischer Konsum, Basiskonsum, Industrie und Rohwaren scheuen sich derzeit, Zahlen für die Zukunft zu prognostizieren.

Und die Analysten weltweit fürchten: Trotz enormer Anstrengung der Notenbanken und trotz enormer Anleihenaufkäufe, werden nicht alle Firmen diese Krise überstehen. Vor allem die kleineren und mittleren Unternehmen laufen hier Gefahr, dass ihre Liquidität doch nicht reicht, um die Einnahmeverluste von 2020 aufzufangen. Und möglicherweise auch noch 2021 auf einen Teil ihres Ertrages zu verzichten. Bei den großen Konzernen würden sich im Zweifel sicher die Staaten schnell zur Rettung bereit erklären, die Lufthansa lässt grüßen. Doch können die Regierungen wirklich jede Midcap- und Smallcap-Firma retten? Eine rhetorische Frage.

Größere Spreads, höhere Unsicherheit

Es wird also eine Pleitewelle geben, die erheblich größer sein wird als in früheren Jahren. Und zwar besonders bei den weniger bonitätsstarken Unternehmen, deren Anleihen im Hochzinsbereich rangieren. Zurzeit liegt die Ausfallquote bei den High-Yield-Unternehmen bei rund 2,3 Prozent. Das klingt wenig, ist es auch. Es betrifft also nur jedes 50. Unternehmen. Doch schon zum Jahresende könnte die Quote bei 5,4 Prozent liegen, schätzen die Moody´s Analysten. Und für das erste Quartal 2021 rechnen sie sogar mit einer Ausfallquote von 13,3 Prozent. Dann würde also etwa jedes siebte Unternehmen kollabieren. Also jedes siebte, dass derzeit schon als finanziell weniger gut bestückt gilt.

Wo die Profiinvestoren möglicherweise Probleme kommen sehen, das lässt sich ganz gut feststellen. Nicht nur an den Herunterstufungen der Ratingagenturen, die jüngst einigen Firmen ein Downgrade verpasst haben. Zum beispiel Macy´s, Under Armour, etlichen Energiefirmen, der TUI, Radisson, der skandinavischen Airline SAS oder Technicolor. Sondern auch an den Kursen und Spreads, die zurzeit bei Kreditausfallversicherungen für bestimmte Unternehmenspapiere gezahlt werden. Gestiegen ist demnach das implizierte Rating der Ausfallversicherungen zum Beispiel für die amerikanischen Anleihen von Exxon, Chevron und der Bank of America. Sie werden jetzt etwas besser bewertet als noch zuvor.

Gesunken sind die implizierten Ratings dagegen etwa bei einigen Tech-Konzernen – die Branche ist übrigens auch einer der Hauptabnehmer der immensen neuen Unternehmenskreditsumme - Intel, Apple, Microsoft, Oracle oder John Deere. Erheblich größere Spreads als zuvor, also mehr Unsicherheit, beweist der Markt bei den Hotelketten Marriott und Starwood, oder bei Macy´s. Bei den Fluggesellschaften und Kreuzfahrtanbietern dagegen schließen sich die Spreads etwas.

Das Risiko bei Unternehmensanleihen bleibt groß

Bei den europäischen Unternehmen werden aktuell einige deutsche Banken implizit schlechter bewertet, etwa die LBBW, die Bayerische Landesbank, Unicredit aber auch Siemens, die Deutsche Post und Iberdrola. Etwas besser bewertet werden jetzt beispielsweise die Banken BNP Paribas und Santander, die Société Générale und Barclays. Auch der Ölmulti Shell und der Chemiekonzern Bayer. Größere CDS-Spreads beobachten die Moody´s Analysten zurzeit bei der Deutschen Post, Orange, der Deutschen Bahn und der Raiffeisenbank. Verkleinert haben sich die Spreads dagegen bei TUI, der Lufthansa, Jaguar und Fiat.

Und allein diese Beispiele zeigen: Es ist gar nicht so leicht, zu sagen, welche Unternehmen derzeit besser und welche weniger gut dastehen. Teilweise erholen sich enorm angeschlagene Unternehmen wohl etwas, weil die Lockdown-Maßnahmen vielerorts gelockert werden. Oder weil die Aussicht auf Staatshilfe sie interessant macht. Dafür bekommen andere einen Rating-Dämpfer, von denen man es eher nicht gedacht hätte. Die Tech-Konzerne etwa gelten ja eigentlich als außergewöhnlich stark in Cash, Cashflows und Einnahmen. Und die Bankenbranche wiederum beweist: Die Krise teilt das Feld der Wettbewerber in zwei Lager. Wer sich davon langfristig als widerstandsfähig und robust entpuppt, muss man abwarten.

Von daher bleibt das Fazit: Natürlich kann man jetzt in Anleihen investieren, aber das Risiko ist zurzeit hoch. Und bei Unternehmensschieflage drohen Verluste, niemand soll sagen, das hätte er vorher nicht gewusst. Noch besser wählt man aber in Anleihenfonds, der ja eine Vielzahl dieser Papiere bündelt und damit das Risiko besser streut. Aber dann vielleicht eher in Aktivfonds, bei dem sich Fondsmanager auch wirklich die Mühe machen, die guten von den schlechten Schuldnern zu trennen. Denn in den breiten Passivindizes sind sonst ungefiltert alle Papiere eines Anlageschwerpunkts enthalten. Daher werden sie im Falle einer größeren Pleitewelle natürlich stärker leiden als viele aktive Pendants. Und dass diese Welle vor allem im Hochzinsbereich beachtlich groß werden kann, das belegen ja letztlich die Zahlen der Analysten. Ob einem dieses Risiko wirklich lieber ist, als das Geld in einen Aktienfonds zu schichten, der – vor allem angesichts der tiefen Kruse zurzeit – ungleich höhere Renditeaussichten in der näheren Zukunft bietet, möge jeder selber mit sich ausmachen.

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