KolumneDie Suche nach dem Superimpfstoff

Wettlauf um einen Impfstoff gegen Covid-19: Die Weltgesundheitsorganisation führt eine Liste mit mehr als 70 möglichen Kandidaten.
Wettlauf um einen Impfstoff gegen Covid-19: Die Weltgesundheitsorganisation führt eine Liste mit mehr als 70 möglichen Kandidaten. imago images / MiS

Hoffnung und Zweifel liegen dieser Tage dicht beieinander und aktuell überwiegen die Zweifel. Die Zweifel daran, ob die Welt wirklich so schnell vom Corona-Schock genesen wird – doch die Stimmung kann sich auch jederzeit schnell wieder drehen. Genau so sehen die Börsenkurse aktuell auch aus: Sie malen seit Anfang April ein Sägezahnmuster auf die Kurstafeln der Weltbörsen. Diese Woche ging es wieder leicht bergab, vor allem wegen der schlechten Nachrichten aus dem Gesundheitssektor. Denn die Pharma- und Biotechbranche hatte zuletzt die Hoffnung befeuert, es könne bald einen Impfstoff gegen das COVID-Virus geben. Das hatte die Kurse zuletzt stark beflügelt. Nun ist die Zuversicht erst einmal wieder zerstoben, zumindest darauf, dass der US-Konzern Moderna bereits gute Nachrichten vermelden kann. Deshalb ging es zur Wochenmitte hin an den Börsen erneut abwärts. Dann aber kam schon die nächste gute Nachricht.

Das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf sucht derzeit nach Freiwilligen für eine Impfstoffstudie, hieß es am Mittwoch. Es gibt also auch hierzulande bereits Fortschritte, die aufhorchen lassen. Als großer Hoffnungsträger galt zuletzt der US-Pharmakonzern Moderna, bei dem bereits eine  erste Impfstoffstudie läuft. Insgesamt hat die Aktie des Unternehmens deshalb seit Februar um bemerkenswerte 300 Prozent zugelegt. Doch seit Wochenbeginn verlor sie nun wieder zehn Prozent, nachdem die ersten Zwischenergebnisse der Studie doch nicht so positiv ausfielen und nicht so umfassend waren wie Beobachter erwartet hatten. Das drückte vor allem an den Börsen in Asien zunächst auf die Anlegerstimmung und setzte sich dann auch am Dienstag in den Vereinigten Staaten fort. Die Börsenindizes weltweit gaben nach den Gewinnen der Vorwoche leicht nach. Und auch die europäische Börsenaufsicht ESMA trat deutlich auf die Bremse, indem sie in ihrem Risikoreport davor warnte, dass der Markt auf absehbare Zeit noch sehr unberechenbar bleiben werde, weil die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie noch immer schlecht einschätzbar seien.

Das entscheidende Kriterium für die Genesung der Weltwirtschaft ist also derzeit: Wie schnell wird sich wohl ein Impfstoff gegen die Pandemie finden lassen? Bislang gehen manche Experten davon aus, dass im Frühsommer umfangreiche Tests dazu durchlaufen werden könne. Und möglicherweise könnte schon im Herbst ein Präparat auf den Markt kommen. Es sind allerdings eher die Optimisten unter den Branchenbeobachtern, muss man dazu sagen. Denn gelänge es wirklich, noch vor dem Winter ein Impfserum zu finden, dann gliche das einem globalen Supercoup. Bislang dauerte es mehrere Jahre, solche Stoffe zu entwickeln und auch zugelassen zu bekommen.

Jenseits der Frage, wie lange die Welt brauchen wird, bis es Medikamente und Impfstoffe gibt, ist natürlich noch etwas anderes spannend: Welche Unternehmen werden wohl die führenden Entwickler dabei sein? Wer schafft es also als Erster, ein Gegenmittel auf den Markt zu bringen und dadurch einen Riesenprofit aus der Krise zu ziehen? Denn eines ist klar – wer ein Mittel gegen COVID findet, der besitzt so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken. Denn alle Staaten werden versuchen, große Mengen dieser Medikamente und Impfdosen zu bekommen und ihre Bevölkerung damit vor einer möglichen neuen Pandemiewelle zu schützen.

Wettlauf auf Hochtouren

Wer liegt derzeit vorn im Rennen um die Impfstoffentwicklung – und was heißt das nun für Anleger? Dass die Suche nach den Gegenmitteln gerade jetzt auf Hochtouren läuft, das verstärkt einen Trend, den die Pharmabranche ohnehin ziemlich regelmäßig erlebt: Bei ihr gilt nämlich gerade nicht die alte Börsenweisheit, wonach Anleger im Mai getrost ihre Aktien verkaufen können, um die Sommerflaute auszusitzen – um dann erst im Herbst wieder in den Markt einzusteigen. Sondern beinahe jedes Jahr läuft es in der Pharmabranche so: Ab Mai steigen die Kurse und zwar recht zuverlässig bis August, so zeigen es die hiesigen Indizes der börsennotierten Pharma- und Biotechunternehmen an.

Warum das so ist? Weil es im April und Mai in vielen Ländern der Nordhalbkugel noch einmal empfindlich kalt werden kann, was den Absatz von Grippemitteln noch einmal beflügelt und weil danach die Heuschnupfenzeit einsetzt, so begründen es Marktbeobachter. Beides lässt die Umsätze der Unternehmen steigen und zieht die Börsenkurse nach oben. In diesem Jahr wird noch eine Sonderkonjunktur hinzukommen: Weil sich viele Konsumenten weltweit angesichts der Lockdowns mit Medikamenten eingedeckt haben – mancherorts hat es Hamsterkäufe bei bestimmten Schmerzmitteln und Grippemedikamenten gegeben – deshalb müssen nun Hersteller, Apotheken und Krankenhäuser demnächst ihre Lager auffüllen. Das verpasst der Produktion einen Extraschub und wird die Verkaufszahlen und Gewinne der Pharmafirmen in den kommenden Wochen steigen lassen.

Und nun kommt eben noch die Suche nach dem Superimpfstoff dazu – von der noch niemand weiß, wie sie ausgeht und wer das Rennen macht. Deshalb wäre gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, sich ein paar Aktien des Gesundheitssektors in Depot zu legen. Auch kurzfristig. Denn mit etwas Glück sind nämlich schon im Herbst ein paar echte Gewinner dabei, die dann die Bilanz des eigenen Portfolios etwas aufpoliert haben und es etwas leichter machen, die zuletzt erlittenen Verluste zu verschmerzen – falls die dann immer noch bestehen.

Kandidaten, die dabei zur Auswahl stehen gibt es zurzeit mehr als genug. Weltweit laufen bereits über 100 Forschungsprojekte. Listet man allein die Namen der börsennotierten Unternehmen auf, die derzeit im Kampf um den COVID-Wirkstoff kräftig mitmischen, dann gehören neben Moderna und Gilead aus den USA auch die deutsche Biontech, Cansino aus China, Avigan aus Japan, Astra Seneca aus Großbritannien, Novavax und Biocryst aus Amerika und viele andere dazu. Vor allem Gilead hatte ja mit dem Wirtstoff Remdesivor bereits viel Hoffnung geschürt. Das hat den Aktienkurs des US-Herstellers seit Ende Februar von 63 Dollar auf 84 Dollar klettern lassen. Auf Dreimonatssicht jedoch legte Gilead ebenfalls einen recht irre wirkenden Zickzackkurs an der Börse hin. Immerhin ist es auf Zehnjahressicht ein großer Gewinner: Plus 290 Prozent Kursplus können nur wenige in der Branche vorweisen. Auf Fünfjahressicht verlor Gilead jedoch rund 33 Prozent. Die kommenden Monate werden also für die Aktie entscheidend sein.